Missbrauchsfälle Korntal Ein stetes Werben für den langen Weg

Von Julia Schweizer 

Zahlreiche Korntaler Heimopfer haben sich über den Stand der Aufarbeitung informiert. Dabei zeigen sich auch die Schwierigkeiten dieses Prozesses.

„Wir sind einen wesentlichen Schritt weiter“ – das war immer wieder der Tenor beim jüngsten Opfertreffen, wenn es um den Stand der Aufarbeitung seit dem ersten Termin im Januar ging. Foto: jsw
„Wir sind einen wesentlichen Schritt weiter“ – das war immer wieder der Tenor beim jüngsten Opfertreffen, wenn es um den Stand der Aufarbeitung seit dem ersten Termin im Januar ging.Foto: jsw

Korntal-Münchingen - Es war ein sehr langes Treffen der Interessengemeinschaft Heimopfer Korntal am Samstag, eines mit vielen Informationen – und eines, bei dem zeitweise die Emotionen hochkochten. Denn nicht jeder ist mit dem Aufarbeitungsprozess einverstanden, das zeigte ein Streit um den Stand der Heimopfer beim Kirchentag. Doch das Treffen war auch eines, mit dem die meisten Beteiligten trotz der Differenzen letztlich zufrieden waren. „Ich bin erleichtert“, sagte Detlev Zander, „die Betroffenen öffnen sich zunehmend für den Prozess.“ Er hatte mit seinen Schilderungen über sexuellen Missbrauch in einem Kinderheim der Diakonie der Brüdergemeinde die Aufarbeitung vergangenen Sommer angestoßen, viele weitere Betroffene meldeten sich daraufhin.

„Ich glaube, dass das eine oder andere verstanden worden ist“, sagte auch der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen. Als Mitglied der Steuerungsgruppe, die die Aufarbeitung koordiniert, war er erneut eingeladen. Er wünsche sich, dass „kein unnötiges Misstrauen mehr und Zweifel am Willen zur Aufarbeitung bestehen. Wir wollen, dass alles auf den Tisch kommt.“ Dann werde auch der Tag der Entschuldigung kommen. Diese könne aber nicht am Anfang stehen, warb er um Verständnis für den „langen Weg“.

Denn es gibt noch offene Fragen, etwa nach den Entschädigungen. Man habe nach dem jüngsten Treffen der Steuerungsgruppe bei einer Stiftung wegen einer Zusammenarbeit angefragt. Wie diese genau aussehen soll, soll im Juni klarer sein. Viele Betroffene äußerten die Furcht vor einer Bevormundung, denn noch ist unklar, ob die Hilfen nur aus Sachleistungen oder auch aus Bargeld bestehen könnten. „Wir sind freie, erwachsene Menschen“, kritisierte ein Mann. Man wolle niemanden bevormunden, entgegnete Andersen, doch es gebe Einflussgrößen wie die Gemeinnützigkeit des Brüdergemeindewerks und damit verbundene rechtliche Rahmenbedingungen. Und man müsse auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten berücksichtigen. Noch ist unklar, wie hoch die Entschädigungen ausfallen könnten. Die Brüdergemeinde finanziere aber schon jetzt Treffen und vermutlich den von der IG Heimopfer geplanten Verein, ebenso die wissenschaftliche Aufarbeitung durch die Landshuter Professorin Mechthild Wolff, die wie Zander und Andersen zur Steuerungsgruppe gehört.

Die Erziehungswissenschaftlerin präsentierte bei dem Treffen, das sie als nötiges Korrektiv bezeichnete, das Gesamtprojekt. Dazu gehört neben der Entschädigung auch die historische Aufarbeitung, die an ihrer Hochschule geleistet werden soll. Vorstellbar sei, Interviews mit möglichst allen Betroffenen auf Video aufzuzeichnen, ein Teil soll verschriftlicht werden. Um den Betroffenen eine erste Anlaufstelle zu bieten, soll mit einer Fachberatungsstelle kooperiert werden, so das Votum der Anwesenden. Zudem ist eine Internetseite für die Arbeit der Steuerungsgruppe geplant. Alle arbeiteten derzeit „unter Hochdruck“. Es sei deshalb despektierlich zu sagen, es sei seit Januar nichts passiert, entgegnete sie Ulrich Scheuffele von der Opferhilfe (OH), einem Zusammenschluss von Bürgern, die die Heimopfer unterstützen.

Doch diese Unterstützung wurde für den Kirchentag reduziert. Eine Frau zog am Samstag ihre Großspende für den Heimopferstand zurück. Sie wollte nicht, dass dort auch die Aufarbeitung präsentiert und die Brüdergemeinde sichtbar vertreten sein wird. „Wir entwickeln uns“, entgegnete Zander, das müsse man zeigen. Ein Freund von ihm sprang am Samstag dann finanziell ein. Und nach längeren Wortgefechten zwischen Heimopfern und den OH-Vertretern bekundete Scheuffele später, sie doch weiter unterstützen zu wollen. Auch ein weiteres OH-Mitglied kündigte an, den Stand mitzubetreuen, ebenso zahlreiche anwesende Heimopfer, was Wolff sehr freute.

Der Stand wird vom 3. bis 7. Juni im Neckarpark zu finden sein und soll zum Dialog einladen, sagte Wolff. Zudem wird Zander am 6. Juni an einer Diskussion teilnehmen, zusammen mit Johannes-Wilhelm Rörig, dem Bundesbeauftragten für sexuellen Kindesmissbrauch. Anschließend wird die Steuerungsgruppe am Stand vertreten sein. Als Gäste an einem der Tage wünscht sich Wolff auch Rörig und den Landesbischof July. Sie hofft, dass sie für einen Besuch zusagen. „Das wäre eine tolle Würdigung.“