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Panorama
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Missbrauchsfälle Vatikan unter Beschuss

Paul Kreiner, vom 16.03.2010 06:48 Uhr
Stuttgart - Wie sehr es im Vatikan grummelt, das erfährt man - zitierfähig wenigstens - am markantesten bei einem Anruf im Staatssekretariat. Das ist die oberste politische Behörde des Papstes, Lenker und Ratgeber für alle Außenbeziehungen. In der "deutschen Abteilung" hört sich Monsignor Winfried König zuerst geduldig die Frage an, die so viele in Deutschland derzeit stellen: Warum sagt der Papst nichts zum Missbrauchsskandal?

Doch dann legt König los, und er steigert sich immer weiter: "Es wird doch ständig was gesagt: vom vatikanischen Presseamt, von der Glaubenskongregation, von der Deutschen Bischofskonferenz! Warum, bitte schön, muss der Papst immer alles selber sagen? Er leitet schließlich eine Weltkirche von über einer Milliarde Katholiken, da gibt's tausend andere Probleme! Es ist eine Hysterie, die da in Deutschland veranstaltet wird! Entschuldigen Sie, ich hab jetzt keine Zeit mehr, auf Wiedersehen!"

Dieser Ausbruch, hier ungekürzt wiedergegeben, dauert kaum länger als 15 Sekunden, dann knallt König den Hörer auf. Man hätte den Monsignore noch gerne gefragt, warum Benedikt XVI., der die Bischöfe in aller Welt so sehr drängt, reinen Tisch zu machen, genau dieses für seine frühere Diözese München-Freising unterlässt, doch aus dem Telefon tutet es nur noch.

Klage über "teutonischen Furor"


Im Vatikan fühlt man sich diffamiert und verfolgt, "mit Verbissenheit und Übertreibung", wie die Hauszeitung "Osservatore Romano" anklagt. Der "teutonische Furor" mit seiner ganzen Aggression sei über Rom gekommen, wehrt sich ein Prälat. Vor vier Wochen noch war alles ganz anders. Da fühlte sich der Vatikan als Herr des Geschehens. Da hatten die Bischöfe der für mehrtausendfachen Missbrauch angeklagten Kirche Irlands zum Krisengipfel in Rom erscheinen müssen, da trat ihnen um den Papst eine eherne Phalanx von Kardinälen und Kurienmännern gegenüber, da konnte Benedikt XVI. seine Strenge ausspielen.

Doch jetzt rückt das Problem näher, dem Papst gewissermaßen unter die Haut; Benedikt sieht sich persönlich so hart angegangen, wie dies - zu Lebzeiten wenigstens - schon lange keinem Papst mehr geschah. Da gilt es, den Chef abzuschirmen. "Der durchaus verbissene Versuch von Leuten in München und Regensburg, den Papst persönlich in die Missbrauchsfälle hineinzuziehen, ist ganz klar gescheitert", erklärte Vatikansprecher Federico Lombardi am Wochenende - nur wenige Stunden, nachdem in München der Fall des pädophilen Priesters bekannt geworden war. Der Papst schweige, "weil er nicht wirklich in eine lokale Münchner Sache von oben hineinregieren kann", sagt Pater Bernd Hagenkord von Radio Vatikan.

Mit ihnen betonen alle möglichen Offiziellen, dass unerbittliche Strenge die Linie Benedikts XVI. seit dem Skandal in den USA vor zehn Jahren sei. Anders als das öffentlich "entstellte Bild" es vermuten lasse, schreibt der "Osservatore Romano", sei die katholische Kirche "jene Institution, die den klarsten Kampf gegen den Kindesmissbrauch zu führen beschlossen hat".

Andere sagen, Benedikt werde sich ohnehin bald äußern. Der angekündigte Brief an die Katholiken Irlands werde wegen der deutschen Affären überarbeitet, erweitert, womöglich - als Symbol für Selbstkasteiung - am Karfreitag herausgegeben.

Papstbruder Georg Ratzinger teilte Ohrfeigen aus


Ein deutscher Priester indes, drei Jahrzehnte im Vatikan, schiebt Benedikts Schweigen auf dessen italienische Berater: "Die lachen sich einen Ast, weil diese Germanen da unbedingt eine saubere Kirche wollen. Dabei gibt es solche Fälle überall, man muss sich, denken die, doch nicht so aufregen." Tatsächlich: als zuständiger Jurist der Glaubenskongregation macht sich der maltesische Prälat Charles Scicluna "Sorgen um eine allzu sehr verbreitete Kultur des Schweigens auf der Halbinsel".

Der deutsche Priester würde dem Papst - "wenn zu ihm mal ein Medienberater vordringt" - eine Erklärung empfehlen, wie sie dessen Bruder Georg Ratzinger abgegeben hat. Der hat eingeräumt, als Domkapellmeister, nach der Pädagogik jener Jahrzehnte, "Ohrfeigen ausgeteilt" zu haben. Heute, bekannte Georg Ratzinger, "verurteilt man es umso mehr, als man sensibler geworden ist. Auch ich tue das. Gleichzeitig bitte ich die Opfer um Verzeihung."

Diese Offenheit, sagt der Priester, habe ihm imponiert. "Warum sollte der Papst nicht ebenso reagieren? Neben den Italienern hat er ja den deutschen Sekretär Georg Gänswein. Wenn der ein paar Sätze herausgäbe, würde sich vieles beruhigen."
Kommentare (4)
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MRZ
26
18:37 Uhr, geschrieben von charly24
missbrauchsfälle: vatikan unter beschuss
es gibt ein vergehen, für das ich nie und nimmer auch nur die spur eines verständnisses aufbringen kann: sexueller missbrauch an 'schutzbefohlenen', meist kindern. ich finde das so widerlich und abstoßend: die kinder, die das erleben mussten, können nur mentale krüppel bleiben, die zu keiner bindung mehr fähig sind. und dass gerade institutionen, wie die katholische kirche, hundertfach darein verwickelt ist, schreit geradezu nach sanktionen. der papst -alias kardinal ratzinger - war selbst involviert - und hat vertuscht und unter den teppich gekehrt. rund 'eine milliarde schäfchen' hat die katholische kirche weltweit? so dumm kann kein 'schäfchen' sein!
MRZ
16
13:19 Uhr, geschrieben von Giordano
Die Kirche hilft lediglich den Tätern
Die Gequälten und Geschundenen haben nicht das Gefühl, dass die Katholische Kirche und andere Institutionen auf der Täterseite den misshandelten und gedemütigten Opfern helfen wollen. Bis heute versorgt die Kirche lediglich die Täter. Dass die kath. Kirche nach diesen bekannt gewordenen Verbrechen nun auch ihre schaurige Geschichte aufarbeiten muss, ist klar. Immer mehr Opfer werden dafür sorgen, dass ihr die Schandtaten immer wieder vorgehalten werden.
MRZ
16
09:18 Uhr, geschrieben von Gerhard Dongus
Was ist der Papst ?
Ein Italiener wurde von mir gefragt, wer von den Prominenten in Italien "Dreck am Stecken hat". Der Italiener wie aus der Pistole geschossen: "Belussconi und der Papst". Damit ist nicht unbedingt Benedikt XVI gemeint, sondern der Vatikan insgesamt. Als Protestant habe ich nie etwas von der Institution Papst gehalten, vom Zöllibat schon gar nicht. Ich tolleriere aber die katholische Kirche und ihre Rituale. Nur, als einen stellvertreter Gottes (oder war es Petrus ?), habe ich den Bischof von Rom nie gesehen und unfehlbar ist er, nach meiner Meinung, schon gar nicht, weil ein Mensch. Wie auch immer die Diskussion um die Missbrauchsaffäre weitergeht, sie entlockt mir lediglich ein Schmunzeln und diesen Kommentar.
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