Missbrauchsskandal in der Korntaler Brüdergemeinde Irritationen vor dem nächsten Schritt der Aufarbeitung

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Wissenschaftlerin Mechthild Wolff schlägt Neustruktur zur Untersuchung der Missbrauchsfälle vor. Das stößt bei Betroffenen auf Verwunderung.

Im Hoffmannhaus haben Heimkinder unter Gewalt und sexuellem Missbrauch gelitten. Foto: dpa
Im Hoffmannhaus haben Heimkinder unter Gewalt und sexuellem Missbrauch gelitten. Foto: dpa

Korntal-Münchingen - Ist es ein Paukenschlag oder die logische Konsequenz des bisher Erreichten im Wiedergutmachungsprozess? Detlev Zander, der den jahrelangen Missbrauch von Kindern in den Korntaler Heimen der evangelischen Brüdergemeinde öffentlich gemacht hatte, ist auch zwei Tage nach einem Treffen mit der Landshuter Erziehungswissenschaftlerin Mechthild Wolff wie vor den Kopf gestoßen. „Ich bin enttäuscht von Frau Wolff. Wir haben ein Jahr gearbeitet, und plötzlich ist alles anders.“ Er befürchtet, dass das Erarbeitete nichtig werde – was jedoch sowohl Wolff als auch der Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen, bestreiten.

Wolff hatte den Mitgliedern der Steuerungsgruppe – also Vertretern der ehemaligen Heimkinder und der evangelischen Brüdergemeinde – ein Konzept für den weiteren Verlauf der Aufarbeitung vorgelegt. Demnach würde die von Wolff geleitete Steuerungsgruppe aufgelöst und ihre Gesamtverantwortung auf mehrere Personen verteilt. Wolff bewertet die Situation völlig anders als Zander: „Die Steuerungsgruppe hat eine wichtige Funktion übernommen in der Konzeption des Projekts.“ Es sei ihre „Errungenschaft, dass definiert wurde, was gewährleistet werden muss“. Nun seien die Teilprojekte – wissenschaftliche Aufarbeitung, juristische Bewertung sowie unter anderem die Anerkennung von Leid und die geistliche Aufarbeitung innerhalb der Brüdergemeinde – definiert. Diese Bereiche seien daher „in die Hände derer zu geben, die diese Teilprojekte verantwortlich umsetzen – unter dem Prinzip der Unabhängigkeit der Projekte, die sich möglicherweise im Weg stehen“, sagt Wolff.

Schutz der Akteure muss gewährleistet sein

Die Strukturveränderung sei zwingend. „Es kann nur weitergehen, in dem wir die unabdingbaren und verhandelten Bausteine, die der Aufarbeitungsprozess haben soll, sortieren. Der Zeitpunkt ist gekommen, diese Neusortierung vorzunehmen“, so Wolff, da eine „gute Arbeitsfähigkeit und ein bestmöglicher Schutz aller Akteure“ gewährleistet werden müsse.

Tatsächlich steckt das Projekt in einer schwierigen Phase. Einerseits beginnt Anfang nächsten Jahres die wissenschaftliche Aufarbeitung durch Landshuter, Kölner und Berliner Wissenschaftler. Andererseits treten die Betroffenen nicht als geschlossene Gruppe auf. Sie attackieren sich untereinander massiv vor allem in den sozialen Medien. Während Zander in der Steuerungsgruppe mitarbeitet, sehen andere Betroffene den Prozess völlig kritisch. Sie beklagen immer wieder das geringe Tempo in der Aufarbeitung. Zumal viele vor allem die Leistungen im Blick haben, welche die Brüdergemeinde zur Anerkennung ihres erlittenen Leids gewähren wird. Bisher ist offen, ob es sich dabei ausschließlich um Sachleistungen – oder wie von den Betroffenen gefordert – auch um Geldzahlungen handelt.

Wolff wiederholt ihren Vorschlag einer Mediation

Die Betroffenen haben ihre Forderungen bei einem separaten Treffen am Freitag bekräftigt. Um unter den Betroffenen zu vermitteln, hat Wolff ihren Vorschlag einer Mediation wiederholt. Der Mediator, so ihre Überlegung, würde auch die Verantwortung übernehmen für die Diskussionen etwa über die geforderten Anerkennungsleistungen. Wolff will mit der alleinigen Verantwortung für das nach und nach erweiterte Projekt auch die Verantwortung für diesen Bereich abgeben, um sich zunächst auf die Wissenschaft zu konzen-trieren. Das entspreche nicht nur ihrem Wunsch: „Das gesamte Forschungsteam reklamiert, dass seine Unabhängigkeit gewahrt bleibt.“

Wie es weitergeht, ist zumindest aus Zanders Sicht offen. „Wir haben bisher nichts zugestimmt.“ Auch die Brüdergemeinde hat sich noch nicht abschließend damit befasst. Doch auch wenn man gewohnte Pfade nun verlasse, so Klaus Andersen, verfolge man kein anderes Ziel als das, was gemeinsam beschlossen worden sei. „Nach der Projektierung gehen wir jetzt in die konkrete Umsetzung.“