Modernisierungsstau in Milliardenhöhe GEW: Bund soll Schulen sanieren

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Deutschlands Schulen sind marode.34 Milliarden Euro müssten für die Instandsetzung aufgebracht werden, sagt die GEW. Die Gewerkschaft will den Bund ins Boot holen, und gerät in eine Kontroverse mit Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Kretschmann.

Im Ellental-Gymnasium in Bietigheim wird saniert. Foto: factum/Granville
Im Ellental-Gymnasium in Bietigheim wird saniert. Foto: factum/Granville

Stuttgart - In den Korridoren riecht es nach Urin, von den Decken tropft das Wasser. Deutschlands Schulen sind marode. Auf 34 Milliarden Euro beziffert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) den Sanierungsbedarf in den Schulhäusern. In Baden-Württemberg kalkuliert der Städtetag mit Modernisierungskosten zwischen drei und vier Milliarden. Die Stadt Stuttgart hat dem Städtetag in einer Umfrage vor zwei Jahren einen Bedarf von 233 Millionen gemeldet, in Ludwigsburg müssten 120 Millionen investiert werden, um die Schulen auf Vordermann zu bringen, sagte Norbert Brugger, der Bildungsdezernent des Städtetags auf Anfrage. Auf dem Land sieht es nicht besser aus. Schriesheim bräuchte 50 Millionen um ein Schulzentrum aus den Achtzigern, das von vielen Schülern aus dem Umland besucht wird, zu sanieren, Aalen meldete einen Bedarf von 40 Millionen.

Die Bildungsgewerkschaft nimmt vor ihrem am Samstag beginnenden fünftägigen Gewerkschaftstag in Freiburg die Politik in die Pflicht. „Es ist eine Schande, wie selbst im reichen Baden-Württemberg viele Schulgebäude aussehen“, monierte Marlis Tepe, die GEW-Bundesvorsitzende, am Freitag in Stuttgart. Zusammen mit der Landesvorsitzenden Doro Moritz fordert Tepe, „die Politik muss endlich mehr Geld für Bildung in die Hand nehmen“.

Tepe gegen Kretschmann

Tepe setzt auf die Aufhebung des Kooperationsverbots im Bildungsbereich. Sie kritisierte mehrfach, dass Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) es ablehnt, dass sich der Bund stärker in den Bildungsbereich einbringt. Die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) will fünf Milliarden Euro Bundesmittel für die Digitalisierung der Schulen bereitstellen. Die Bedingung ist, dass die Länder die Lehrer fortbilden. Das hatte Kretschmann mit Verweis auf den Föderalismus abgelehnt.

Um den Sanierungsstau zu beheben, schlägt Tepe ein auf zehn Jahre angelegtes Bundesprogramm vor. Im Gegenzug müssten die Länder mehr Lehrer einstellen und diese besser bezahlen. Sie verlangt: „Das Kooperationsverbot muss komplett fallen“. Dann könne der Bund die Länder und alle Kommunen direkt unterstützen.

Doro Moritz stieß in dasselbe Horn. „Ohne die Aufhebung des Kooperationsverbots werden der Ministerpräsident und die Landesregierung keine gute Bildung schaffen“, sagte die Landesvorsitzende. „Der Landesregierung fällt nichts anderes ein, als die Arbeitsbedingungen der Lehrer zu verschlechtern“, klagte Moritz. Sie plädierte für die Einführung einer Vermögensteuer, um die Bildung zu finanzieren.

Städtetag sieht leichte Besserung

Indes sieht der Städtetag Licht am Ende des Tunnels. Zum ersten Mal sollen die Kommunen in diesem Jahr rund 34 Millionen Euro vom Land für die Schulsanierungen aus dem neuen kommunalen Sanierungsfonds erhalten. Im kommenden Jahr hoffen die Kommunen auf 47, im Jahr 2019 auf 74 Millionen Euro aus diesem Topf. „Wir haben einen Fuß in der Tür“, kommentierte Norbert Brugger vom Städtetag gegenüber unserer Zeitung. Die SPD im Land fordert dagegen, dass Bund und Land den Schulbau gemeinsam unterstützen. Es sei „grotesk, dass Kretschmann die Hilfe aus dem Bund ablehne“, erklärte der SPD-Abgeordnete Gerhard Kleinböck.

Zu den maroden Gebäuden kommt der Lehrermangel. Besonders Grundschullehrer sind knapp. Als wirksame Mittel, um dem Mangel zu begegnen, verlangt die GEW, dass das Studium der Grundschullehrer wie das anderer künftiger Lehrer auf zehn Semester ausgeweitet wird, danach sollen alle Lehrer in die gleiche Gehaltsstufe (A13) kommen, bisher sind Grundschullehrer eine Gehaltsklasse niedriger eingruppiert. Auch sollte die Pflichtstundenzahl der Grundschullehrer gesenkt werden. Sie müssen in Baden-Württemberg 28 Unterrichtsstunden pro Woche halten, Haupt- und Realschullehrer unterrichten 27, Gymnasiallehrer 25 Stunden. Außerdem verlangt Moritz mehr Studienplätze für Grundschullehrer. Tepe warnte, „Baden-Württemberg bleibt nicht konkurrenzfähig, wenn es Lehrkräfte in der Besoldungsgruppe A12 belässt“.

Es bröselt, stinkt und tropft

Schulleiter und auch die Gemeinden äußern sich nicht gerne über den Zustand ihrer Schulen. Schulleiter wollen es sich nicht mit den Bürgermeistern verderben. Bürgermeister wollen nicht als diejenigen dastehen, die ihre Schulen verkommen lassen. Die GEW hat diverse Beispiele für marode Schulhäuser gesammelt, allerdings ohne Angabe der Kommune.

So gibt es einem Schulhaus den Vorschriften zum Trotz nur zweiadrige Kabel. Die Lehrertoiletten können nur mit Taschenlampe betreten werden. Bei einem Schulfest wurde ein Kabelschmorbrand knapp vermieden.

Das Kellergeschoss einer Grund-, Haupt- und Werkrealschule ist vom Schimmel befallen. Der Schülertreff wurde daher vor eineinhalb Jahren geschlossen. Klassenzimmer wurden in den vergangenen zehn Jahren entweder von Schülern oder gar nicht gestrichen. Die Fenster schließen nicht richtig oder lassen sich nicht mehr öffnen. Die Jalousien sind überwiegend defekt.

Ein Vater berichtet, dass in einer neunten Klasse die 14 bis 16 Jahre alten Schüler auf Stühlen sitzen, die vielleicht in der sechsten Klasse noch passen würden. Es sei kein Wunder, dass sich die Lehrer über unruhige Klassen beschwerten.

Das Dach einer Berufsschule ist seit Jahren nicht mehr dicht. „Der Unterricht wurde für heute eingestellt, da es mal wieder ins Fotostudio regnet“, berichtet ein Berufsschüler kurz vor der Abschlussprüfung.

Über die Treppe auf die Behindertentoilette

Die Behindertentoilette einer anderen Schule ist nur über eine Treppe zu erreichen. Sie wäre allerdings im Moment ohnehin nicht nutzbar, da sie als Lagerraum verwendet wird.

Im Oktober 2016 ging in einer Realschule ein Fenster kaputt. Es wurde mit Klebeband abgedichtet. Dem Bericht zufolge hält das Klebeband im April 2017 noch.

Nach einem Wassereinbruch im Erdgeschoss einer Schule ist das Gemäuer feucht, die Wände bröckeln, das gesamte Gebäude hebt und senkt sich.