Krimikolumne

Monika Held: Sommerkind Es ist angerichtet

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Als Zwölfjährige hatte Malu einen Badeunfall, seither liegt sie im Wachkoma. Ihr Bruder Kolja war damals ganz in der Nähe – ist er schuldig an ihrem Schicksal? Monika Held beschäftigt sich in ihrem „Sommerkind“ wieder mit existenziellen Fragen.

Der scheinbar leichte Titel täuscht: „Sommerkind“ ist ein Roman, der in die Tiefe geht. Foto: Hans Jörg Wangner
Der scheinbar leichte Titel täuscht: „Sommerkind“ ist ein Roman, der in die Tiefe geht. Foto: Hans Jörg Wangner

Stuttgart - Kann es für Eltern etwas Schlimmeres geben, als ein Kind zu verlieren? Nein, kann es wohl nicht. Es sei denn: ein anderes leibliches Kind ist schuld an dem Verlust – sei es nun tatsächlich oder nur vermeintlich. Das ist eines der großen Spannungsfelder, von denen Monika Helds neuester Roman lebt. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Erneut ist der Autorin mit „Sommerkind“ ein großartiges, aber auch ein schmerzhaftes Buch gelungen.

Der scheinbar leichte, unbeschwerte Titel führt etwas in die Irre. Wenn man einmal ahnt, wohin die Reise gehen mag, wird aus dem Roman möglicherweise eines von jenen Büchern, um das man lange herumschleicht. Das eine ganze Weile auf dem Nachttisch, im Wohnzimmer, auf dem Regal liegen mag, ehe man sich rantraut. Denn drei Umstände bremsen den anfänglichen Lesefluss: ein dramaturgischer Schlenker zu Beginn. Dann das abgründige und vielschichtige Thema: Kinder im Wachkoma. Und nicht zuletzt eben die Tragik, wenn Eltern ihre Tochter verlieren – und der Sohn damit klar kommen muss, was er in den Augen der Mutter „angerichtet hat“.

Leblos im Wasser

Der 15-jährige Kolja, so die Handlung in groben Zügen, und seine drei Jahre jüngere Schwester Malu wollen eigentlich schwimmen gehen. Doch anstatt ins Meer zu springen, steigt das Mädchen ins nebenan liegende Freibad ein. Der Junge bleibt derweil auf einer Bank sitzen und schaut aufs Meer hinaus. Irgendwann kommt die 16-jährige Ragna des Weges, die ein Auge auf Kolja geworfen hat. Weil ihr etwas merkwürdig vorkommt, stürzt sie sich ins Freibad, wo Malu leblos im Wasser treibt. Ragna zieht sie heraus und belebt sie wieder – doch das Kind war zu lange unter Wasser, es wird zum Pflegefall. Über diesem Unglück zerbricht die Familie, die Mutter gibt Kolja und auch Ragna die Schuld.

Äußerst facettenreich und vielschichtig

Jahre später: Ragna hat Hals über Kopf ihren Geliebten verlassen, weil sie in dessen Wäscheschublade die schwung- und liebevolle Karte einer anderen fand (das ist die eingangs erwähnte Volte), nun will die Autorin wissen, wie das damals eigentlich war und was aus Malu, Kolja und ihren Eltern geworden ist. Sie macht sich auf die Suche und begegnet Menschen mit äußerst facettenreichen, vielschichtigen Biografien . . .

Monika Held ist eine ganz außergewöhnliche Autorin. Nicht nur weil sie einen der wichtigsten Romane über Auschwitz geschrieben hat. Sondern auch weil sie sich ihren Figuren stets mit großer Empathie nähert und einen überaus sorgfältigen Stil pflegt.

Kommen in diesem Buch hinzu die Kapitel über Kinder im Wachkoma, deren Leben sie sehr einfühlsam beschreibt – und denen das Buch seinen Titel verdankt: Kinder, die im Winter unter Wasser geraten, haben wegen der Unterkühlung bessere Heilungschancen als – „Sommerkinder“ wie Malu.

Monika Held: Sommerkind. Roman. Eichborn. 223 Seiten, 20 Euro