Monoedukation Wenn die Geschlechter getrennt lernen

Viola Volland, 19.02.2013 13:14 Uhr

Stuttgart - In fast allen Stuttgarter Schulen werden Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet. Ausnahmen sind die Schloss-Realschule für Mädchen in der Schlossstraße und das Gymnasium St. Agnes: Hier werden jeweils nur Mädchen aufgenommen. Reine Jungenschulen gibt es in Stuttgart dagegen nicht mehr.

Ist es besser, wenn die Geschlechter getrennt unterrichtet werden oder wenn sie dieselbe Schule besuchen? Eine klare Antwort lässt sich darauf nicht geben. Befürworter der Monoedukation führen an, Mädchen könnten sich in den Naturwissenschaften besser entwickeln, wenn sie unter sich blieben – und Jungen wiederum in den Sprachen und Geisteswissenschaften. Das Hauptargument der Gegner ist, dass beide Geschlechter sich schwerer täten, das Zusammenleben zu lernen. Das getrennte Unterrichten gehe nicht automatisch mit besseren Leistungen einher.

Mädchen haben andere Bedürfnisse als Jungs

Die beiden Stuttgarter Schulleiterinnen machen sehr gute Erfahrungen mit der Trennung der Geschlechter: Die Mädchen seien weniger abgelenkt und könnten sich besser auf den Unterricht konzentrieren, befinden beide. „Mädchen sind in der sozialen Entwicklung den Jungen voraus“, sagt die Schulleiterin des Gymnasiums St. Agnes, Schwester Iris Rederer. Entsprechend hätten sie auch andere Bedürfnisse als Jungen, und ihre Schule gebe diesen Bedürfnissen ihren Raum. In der Unter- und Mittelstufe könnten sie sich erproben, in der Oberstufe mit Rollenmustern auseinandersetzen – ohne dass Jungen dabei sind. „Es fällt ihnen dann leichter“, sagt Rederer, die feststellt, dass sich Mädchen heute sehr unter Druck setzen. Sie versuchten an der Schule, die Schülerinnen zu bestärken, so dass sie lernten, an sich zu glauben.

Immer wieder erlebe sie, dass sich Mädchen zu wenig zutrauten, betont auch die Leiterin der Schloss-Realschule, Martina Barnert. Gerade Mädchen, die zurückhaltend sind, könnten sich an einer Mädchenschule besser entfalten, meint sie. Ruhiger, gelassener, weniger von körperlicher Gewalt geprägt sei das Schulklima, sagt sie. „Die Mädchen sagen, sie fühlen sich weniger gestresst.“ In den Naturwissenschaften, sagt Schwester Iris Rederer, könnten sich die Mädchen nicht zurücklehnen und die Jungen machen lassen. Hier ist die Erfahrung von Martina Barnert, dass die Mädchen nicht automatisch besser sind, aber ihre Begabungen besser entfalten.

Aber müssen Mädchen nicht auch lernen, mit dem anderen Geschlecht umzugehen? „Wir sind hier nicht abgeschottet“, betont die Realschulleiterin. Es gebe Kooperationen, zum Beispiel der Theater-AG mit gemischten Schulen. An beiden Schulen unterrichten Männer genauso wie Frauen. „Eltern sollten schauen: Welche Schule passt zu meinem Kind“, rät Martina Barnert. Für das eine Kind sei die gemischte Schule besser, für das andere die Mädchenschule. „Beides hat seine Berechtigung.“