Müll, Mensch und Schwein
Kairo versinkt im Chaos
Sandra Fejjeri,
09.01.2010 19:01 Uhr
Nachdem die Schweine weg sind, ist der Recyclingkreislauf unterbrochen. Viele Straßen haben sich in stinkende Müllhalden verwandelt. Foto: Fejjeri
"Schwein war das einzige bezahlbare Fleisch. Nun leiden viele Slumkinder
unter Anämie. "
Hakim Raggaie ist Unternehmer. Seinen runden Bauch umspannt eine schwarze Nadelstreifen-Jalabiya, ein goldener Ring funkelt am kleinen Finger. Wenn er die morastigen Gassen zu seinem Grundstück hinuntergeht, sieht er Müll in allen Größen, Formen und Farben, verpackt, gestapelt und verschnürt. Nichts Ungewöhnliches also - und dennoch ist hier nichts mehr wie zuvor. Denn seit die Regierung im Frühjahr alle Schweine des Landes töten ließ, brachte sie in Manshiet Nassr einen ganzen Kreislauf zum Erliegen: ein auf Schweinen beruhendes Wirtschaftssystem. Seitdem steht Raggaies Existenz vor dem Aus. Und Kairos Straßen verwandeln sich zu stinkenden Müllhalden.
Als sich im Frühjahr das Schweinegrippevirus rund um den Globus ausbreitete, gab es in Ägypten keinen einzigen Krankheitsfall. Doch das Land wurde erfasst von einer Massenhysterie. Die Schweine seien gefährlich, hieß es. Hatte Ägypten beim Ausbruch der Vogelgrippe zu spät reagiert, beschloss das Parlament, nun umso schneller zu handeln. Alle 350.000 Schweine sollten getötet werden.
Manche Tiere sind qualvoll verendet
Männer in weißen Anzügen kamen damals auch nach Manshiet Nassr, warfen die Tiere auf Lkw, die mit der quiekenden Ladung davonfuhren. Einige Schweine wurden zwangsgeschlachtet. Die anderen, erzählen die Zabbalin, seien mit Chemikalien übergossen qualvoll in der Wüste verendet. Einzig der Staat hält heute noch Schweine - in einem Labor zur Insulinproduktion.
Die Regierung, sagt ein Mann in Manshiet Nassr, habe nur auf eine Gelegenheit gewartet, die Schweine loszuwerden. Auch wenn es Muslime gab, die Schweine hielten, traf die Aktion in erster Linie die koptischen Christen. Donnerstags strömen sie zu Tausenden in den Gottesdienst von Vater Samaan in die Freiluftkirche, hoch oben auf dem Mukattamberg. Vielleicht hilft ja nur noch das. Schon einmal, so geht eine Legende aus dem zehnten Jahrhundert, rettete Gott die Christen von Mukattam. Nur wenn ihr Glaube den Berg versetze, verfügte der Kalif, dürfe ihr Patriarch am Leben bleiben. Drei Tage und Nächte lang beteten sie - und das Wunder geschah.
Um zu verstehen, wie die Symbiose aus Müll, Mensch und Schwein in Manshiet Nassr entstand, muss man auf die Migrationsbiografien seiner Bewohner zurückblicken. Es waren koptische Christen aus Oberägypten, die in den 50er Jahren mit ihren Schweinen nach Kairo zogen. Sie flohen vom Land in der Hoffnung auf Wohlstand, um doch nur in der Armut der Großstadt zu enden. Als einfache Bauern schien ihnen einzig das Müllgeschäft vielversprechend, konnten sie mit den organischen Abfällen doch ihre Tiere mästen. Die Schweinezucht wurde zur Haupteinnahmequelle, zur Grundlage ihrer neuen Großstadtexistenz. Seitdem ziehen die Zabbalin für einen mickrigen Lohn von Tür zu Tür, sechs Tage in der Woche, ohne Krankenversicherung und ohne Arbeitschutz.
Krankheiten breiten sich aus
Wenn Jussif Shukri mit seinem Pick-up spät in der Nacht nach Hause kommt, war er 16 Stunden auf den Beinen. Er hat mit einem großen Korb auf den Schultern die Stiegen der Häuser im noblen Viertel Zamalek erklommen, hat alles mitgenommen, was die Leute vor ihre Türen gestellt hatten. Doch seitdem seine Familie keine Schweine mehr hält, hat auch er so gut wie kein Einkommen mehr. "Das Müllsammeln allein ist die Mühe kaum wert", erzählt er. Von dem Erlös aus dem Recycling muss er die Miete für den Pick-up bezahlen. So bleibt ihm am Ende oft nicht mehr als das Trinkgeld, das er beim Sammeln verdient.
Mehr als 80 Prozent allen nichtorganischen Abfalls werden in Manshiet Nassr recycelt, doch der Preis für diese Effizienz ist hoch. Das Sortieren ist immer noch Handarbeit, Hautkrankheiten und Hepatitis sind verbreitet. Seitdem es keine Schweine mehr gibt, erzählt der Arzt Atif Salib vom lokalen Krankenhaus in Manshiet Nassr, litten viele Kinder des Viertels an Anämie. Denn Schwein war das einzig bezahlbare Fleisch, das die Leute hier auf die Teller bekamen.
In Mashiet Nassr ist es inzwischen Abend geworden. Die Sonne steht tief über dem Mukattamberg, als Hakim Raggaie auf seiner Müllhalde Tee serviert. Raggaie ist einer der wenigen, die reich geworden sind mit dem, was andere wegwerfen. Doch letztlich ist auch er nur ein weiterer Verlierer.
Man hofft auf die Rückkehr der Schweine
Raggaie hielt 5000 Schweine, betrieb vier Metzgereien, die nun geschlossen sind. Das Schweinegeschäft machte 80 Prozent seines Einkommens aus. Er hatte 50 Mitarbeiter, alle Brüder arbeiteten als Metzger, ihr Fleisch fand unterschiedlichste Abnehmer: Produzenten, Hotelküchen, private Metzgereien. Es war eine lange Wertschöpfungskette, die mit dem Tod der Schweine ihr Ende fand. Und vielleicht ist dies die eigentliche Tragik des Ganzen, dass es zurzeit für niemanden eine Alternative gibt.
"Es war die Arbeit unserer Eltern und Großeltern", sagt Raggaie und schweigt eine Weile, bis seine kleine Nichte Juliana inmitten des stinkenden Mülls, der Ziegen, Schafe und Fliegen eine kleine Gummiratte aus der Hosentasche zieht und sie plötzlich alle zu lachen anfangen, gar nicht mehr aufhören können, bis Hakim Raggaie irgendwann in Richtung des Berges deutet und sagt: "Wir sind die Menschen des Wunders von Mukattam. Die Schweine werden wiederkommen."
Weitere Artikel


23 Mal Stuttgart – wir stellen Ihnen alle 23 Stadtbezirke vor >>

Die Zukunft erwartet uns ... mit Müll & Chaos
Wir sehen hier einen kleinen Vorgeschmack darauf, was passieren wird, wenn wir nicht grundsätzlich umdenken und umfühlen was unseren Umgang mit tierischem Leben angeht. Ein neuer ethisch / moralischer Ansatz muß her und die Bereitschaft, diesen öffentlich zu diskutieren und umzusetzen. Als Bsp.: Neueren Schätzungen zufolge basiert der Ausstoß klimaerwärmender Gase zu 51% (bisher waren 18% angenommen) auf unserem Umgang mit Tieren. (Quelle: SZ 10.01.2010, http://www.sueddeutsche.de/leben/264/499540/text/)
Menschenbild
Erst 350.000 Schweine töten, und schlussendlich lachen alle: Die Schweine werden wiederkommen. So laufen Happy-End-Stories. Man könnte sich vorstellen, selbst auf den LKW geworfen zu werden, in der Wüste mit Chemikalien übergossen qualvoll zu verenden. Mitsamt seiner ganzen Familie. Gutes Neues Jahr.