Multiple Chemikaliensensibilität Wenn der Körper Amok läuft

Von Melanie Pieske 

Die Krankheit kam über Nacht: Plötzlich reagierte ihr Körper hochempfindlich auf Waschmittel, Textilien, Baustoffe, Gase, Stromleitungen, Wlan, Kunstharze. Die Geschichte einer Frau und ihrer endlosen Flucht.

Das Schlafzimmer der 73-Jährigen ist eine  Art Faraday’scher Käfig,  der sie vor elektromagnetischen Wellen abschirmt. Die Wände bestehen aus einem Vorhang aus Kupferfäden, der Stoff ist auch in ihre Kleider genäht. Foto: Horst Rudel
Das Schlafzimmer der 73-Jährigen ist eine Art Faraday’scher Käfig, der sie vor elektromagnetischen Wellen abschirmt. Die Wände bestehen aus einem Vorhang aus Kupferfäden, der Stoff ist auch in ihre Kleider genäht.Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Maria Frühlings altes Leben endet vor 15 Jahren in ihrer Stuttgarter Wohnung, mitten in der Nacht. Sie wacht auf, weil ihr Herz rast, ihre Lunge brennt und ihre Zunge langsam zu einem Ballon anschwillt. Senkrecht sitzt sie im Bett und schnappt nach Luft. Das Schlafzimmer fühlt sich an wie mit Gift übergossen. Erst in der Küche spürt sie wieder Atem in der Lunge. Die erste Nacht ihres neuen Lebens verbringt sie, hellwach in einem Sessel sitzend, zwischen Spülmaschine und Kühlschrank.

Maria Frühling heißt eigentlich anders. Aus Angst vor Anfeindungen möchte sie ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Der Name, unter dem sie ihre Geschichte erzählen will, fällt ihr spontan ein. Vielleicht, weil Frühling die Jahreszeit des Wandels ist und zu ihrem Schicksal passt. Vielleicht, weil sie Poesie und Literatur liebt und ihre Bücher mit das Einzige sind, das ihr aus dem alten Leben geblieben ist.

Die Krankheit, die sie aus dem Schlaf riss, heißt MCS, Multiple Chemikaliensensibilität. Eine dauernde Überempfindlichkeit auf Duftstoffe, Zigarettenrauch, Textilien, Baustoffe, Waschmittel, Gase. Eine Krankheit, die sich wie ein unsichtbarer Feind langsam in ihr Leben schlich, um eines Nachts mit aller Macht zuzuschlagen.

Es gab Vorzeichen. Schon während ihrer Zeit als Krankenschwester reagierte sie mit jedem Berufsjahr empfindlicher auf das Desinfektionsmittel, mit dem sie ihre Hände wusch. Der Geruch schnürte ihr die Kehle zu, sie bekam Bauchkrämpfe, litt unter Erschöpfung. Ihre Ärzte suchten nach Ursachen, machten Blutbilder, aber fanden nichts. Maria Frühling war krank ohne Diagnose.

Die Nacht, die alles veränderte

Sie musste ihre Arbeit reduzieren, erst auf 75, dann auf 50, später auf 25 Prozent, bis sie mit 60 Jahren in Rente ging. Es sollte ein neuer Lebensabschnitt werden mit viel Zeit für ihren Mann, ihre Enkel und ihre Bücher – bis zu jener Nacht.

Am Morgen sagt sie zu ihrem Mann, dass sie es in der Wohnung nicht mehr aushalte. Sie packt das Nötigste und fährt zu ihrer Tochter. Zwei Wochen schläft sie im Badezimmer auf dem gefliesten Boden. Danach verbringt sie einige Nächte mit ihrem Mann in einem Hotel, das sie gut verträgt. Nachts liegt sie meist wach. Tagsüber kann sie nicht mehr ruhig sitzen, geht planlos durch die Straßen, läuft Kreise im Wartezimmer wie ein in die Enge getriebenes Tier. Als sie verzweifelt vor dem Schreibtisch ihres Arztes steht, reagiert er ratlos. Er kennt Maria Frühling als lebenslustige Frau und nimmt ihre Verwandlung ernst. „Ich sehe, Sie sind schwer krank, aber ich kann Ihnen nicht helfen.“

Maria Frühling flüchtet zu ihrer Schwester in ein frei stehendes Einfamilienhaus. Auch dort hält sie es nur draußen aus, schläft auf einer Liege im Garten. Eingewickelt in eine goldsilberne Rettungsdecke, schaut sie in den Sommerhimmel und hofft, dass der Albtraum zu Ende geht.

Im Internet sucht sie nach Umweltkrankheiten, weil sie längst ahnt, dass ihr unsichtbares Übel irgendwo dort zu finden ist. Sie stößt auf eine Selbsthilfegruppe und bekommt endlich Antworten. „Sie leiden unter MCS“, schreiben Betroffene. Maria Frühling kann es nicht fassen, dass ihre Krankheit doch einen Namen hat.

Sie empfehlen ihr einen Umweltmediziner, der ihr schließlich Gewissheit schafft. In einem erweiterten Bluttest weist er eine Vergiftung durch Quecksilber, Zinn, Palladium, Cadmium, Nickel und Chrom nach. Solche Schwermetalle stecken unter anderem in Amalgam-Füllungen von Zahnkronen und lagern sich im Kiefer ab.

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3 KommentareKommentar schreiben

WHO: MCS ist eine organische Erkrankung: Ja, die Vergiftungskrankheit Multiple Chemikalien Sensibilität (MCS) und die Elektrohypersensibilität (EHS) sind schwerste organische Erkrankungen. Und es sind keine seltenen Erkrankungen! In unserer Selbsthilfegruppe im KISS, Stuttgart, finden sich immer mehr Menschen mit diesen Umwelterkrankungen ein. In Amerika gibt es Zahlen: 15% der Bevölkerung sind betroffen, 3% schwer. Die Schulmedizin in Deutschland kennt sich in Diagnose und Therapie dieser chronischen Multisystemerkrankungen leider noch nicht immer aus. Vielleicht ist deswegen auch der Verfasserin dieses treffenden Artikels eine Ungenauigkeit unterlaufen. Die WHO definiert MCS als ORGANISCHE Erkrankung. Deutschland hat sich verpflichtet, den Vorgaben der WHO nachzukommen, sodass diese auch vom Bundesministerium für Gesundheit unter ORGANISCHER Erkrankung klassifiziert ist. MCS: ICD-10:T78.4, „T“ ist der Schlüssel für Allergien, nicht näher bezeichnet; Kap.19 Verletzungen, Vergiftungen und bestimmte andere Folgen äußerer Ursachen. Psychische Erkrankungen sind unter „F“ gelistet.

Scheiss mcs: Habe selbst mit Mcs zu tun schwer aber was soll man machen . Wunsche trotzdem alles gute . Mfg

Es tut mir leid weiss wie das ist: Wie gesagt tut mir leid das sie frau so was hat habe selbst die gleiche s......e Mcs alles geschwollen entzundet erschopft keine findet was und macht was man ist mit dem s*** allein gelassen . Na ja man muss durch was sollst Übrigens bin grad 35 . Viel Gesundheit alles gute mfg

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