| Zeitungsgruppe Stuttgart |Sonntag, 12. Februar 2012
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Musicals in Stuttgart Rückkehr der tanzenden Vampire

Viola Volland, Fotos: Zweygarth, Steinert, dpa, vom 29.01.2010 09:21 Uhr
Tanz der Vampire kommt wieder nach Stuttgart, die Premiere ist am 25. Februar. Foto: Steinert
Tanz der Vampire kommt wieder nach Stuttgart, die Premiere ist am 25. Februar. Foto: Steinert
Stuttgart - Wieder verlässt ein Musical die Stadt. Für "Wicked – die Hexen von Oz" fällt am Freitagabend der letzte Vorhang. "Es war eine wunderbare Zeit, aber nach zwei Jahren ist Zeit für etwas Neues", sagt die Hauptdarstellerin Lucy Scherer, die sich von der Rolle als "gute" Hexe Glinda verabschiedet. Der Satz ist also persönlich gemeint, passt aber auch gut zur allgemeinen Situation. Während man 1994, als das erste Musicalhaus in Möhringen öffnete, mit Laufzeiten von bis zu zehn Jahren plante, wechseln die Stücke nun immer rascher.

Selbst eine Deutschlandpremiere wie "Wicked – die Hexen von Oz" wird also nach zwei Jahren abgesetzt. Dennoch ist man bei Stage Entertainment "sehr zufrieden" mit dem Musical. Wicked habe schwarze Zahlen geschrieben, sagt Unternehmenssprecher Stephan Jaekel. Das sei angesichts der Wirtschaftskrise, von der die Region besonders betroffen sei, erfreulich. Stuttgart bleibt für den Konzern der zweitwichtigste Markt nach Hamburg. In den vergangenen fünf Jahren seien es in Hamburg zwischen 1,6 bis 2 Millionen Besucher in den drei Theatern gewesen; in die zwei Stuttgarter Theater seien zwischen 0,8 und 1,1 Millionen gekommen. Das Weihnachtsgeschäft 2009 sei sogar nirgendwo so gut gelaufen wie hier.

Die Rückkehr von "Tanz der Vampire" zahlt sich bis jetzt aus. Den Vorverkaufsrekord von mehr als 180000 Tickets hatte Stage erst kürzlich bekanntgegeben. Offenbar kann das Palladium-Theater auch von dem Sog profitieren, den die verfilmte Vampir-Saga "Twilight" entfacht hat. Dennoch hat Stuttgart bundesweit nicht einen Ruf als Musical-Stadt wie eben Hamburg. Die Hansestadt ist derzeit der einzige Standort, der aus dem gesamten Bundesgebiet Gäste zu sich zieht, die extra wegen eines Musicalbesuchs anreisen.

Die Gäste kommen vornehmlich aus der Region


In Stuttgart schafft es Stage Entertainment nur äußerst selten Gäste aus Bayern oder dem Raum Frankfurt zu ziehen. Die meisten Besucher sind aus der Region. "Bisher ist es uns nicht gelungen, in substanzieller Weise jenseits der Baden-Württemberg-Grenze anzudocken", so Stage-Sprecher Jaekel. Wegen der hohen Kaufkraft in der Region sei der Standort aber sehr attraktiv: die durchschnittlichen Ticketpreise liegen mit 55 Euro nur knapp unter denen in Hamburg (60 Euro), aber über denen in Berlin und Oberhausen. Vor allem in Berlin hat das Unternehmen mit der Konkurrenz zu anderen Kultureinrichtungen kämpfen.

Anders als in Hamburg haben die Shows bei der städtischen Vermarktung in Berlin auch keine herausgehobene Stellung. "Wir haben jeden Tag 1500 Veranstaltungen, Musical ist ein Angebot unter vielen anderen", sagt der Sprecher von Berlin Tourismus Marketing, Christian Tänzler. Der neue Chef von Stuttgart Marketing, Armin Dellnitz, klingt da für Stuttgart etwas anders: auch wenn bisher nur "ein überschaubarer Anteil an Gästen" wegen eines Musicals auch eine Übernachtung buche, erachtet er Musicals als "sehr wichtig".

Bei einem Treffen mit mehreren Hundert Reiseveranstaltern an diesem Wochenende will Dellnitz dafür werben, Angebote ins Portfolio mit aufzunehmen, die den Besuch der Automobilmuseen mit dem im Musical verknüpfen. So könne das Einzugsgebiet der Musicalhäuser vergrößert werden. Eine Botschaft, die die Hotels freuen wird. In den Anfangsjahren der Theater haben sie von dem Boom profitiert. Nach der Eröffnung des ersten Hauses im Dezember 1994 stieg die Zahl der Übernachtungen in Stuttgart um rund 250000 auf 1,55 Millionen im Jahr 1995 an. Musicals seien "ein Pfund, mit dem man wuchern kann", sagt Markus Hofherr, der beim Kreisverband des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) zuständige Fachgruppenleiter für Hotels und Tourismus.

Der Tourismus hat nach einem Boom wieder abgenommen


Der Boom hat sich allerdings gelegt. Seit auch Stadttheater Musicals aufführen, hat der Tourismus abgenommen. Der Experte Peter Lund sieht für die Branche zudem das Problem, dass immer weniger gute Stücke verfügbar sind. "Am Broadway scheut man inzwischen das finanzielle Risiko, es wird schlanker produziert", sagt der Professor von der Berliner Universität der Künste, wo man seit 20 Jahren Musical studieren kann. Vor diesem Hintergrund seien auch die Eigenproduktionen von Stage zu sehen, wie das Udo-Jürgens-Musical, das im Herbst nach Stuttgart kommt.

Auch Lucy Scherer gehörte zu Lunds Studenten. Die 28-Jährige wird Stuttgart nicht sofort den Rücken kehren – anders als ihre Bühnenpartnerin Willemijn Verkaik. Die ist derzeit mit "Best of Musical" auf Tournee und wird anschließend auch in Oberhausen wieder als grüne Hexe auf der Bühne stehen. Lucy Scherer dagegen übernimmt im "Tanz der Vampire" den Part der Wirtstochter Sarah, eine Rolle, die sie kennt: Sie hat sie schon in Berlin verkörpert. Nach einem Monat heißt es dann wirklich Abschied nehmen: In Innsbruck spielt sie am dortigen Landestheater die Hauptrolle im Musical Lulu.
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Kommentare (1)
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JAN
30
15:28 Uhr, geschrieben von CF
Gefahr durch Stadtheatermusicals?
Die These, dass der Tourismusboom durch Musicals an Stadttheater beendet wurde, zweifle ich stark an. Musicals, die von der Stage Entertainment in großen extra gebauten Musicaltheatern aufgeführt werden, routinieren seit einigen Jahren von einer Stadt zur nächsten nach ein bis zwei höchstens drei Jahren. Eine große Ausnahme davon ist der König der Löwen, der nun seit fast neun Jahren im Hamburg im Theater am Hafen gespielt wird. Dies liegt einerseits wahrscheinlich an der einzigartigen Theaterlocation und der gut Erreichbarkeit in der Stadt Hamburg selbst, andererseits aber auch an der guten Inszenierung des Königs der Löwen. Man muss also nicht unbedingt mehr nach Stuttgart fahren, um ein bestimmtes Musical im SI-Center zu sehen. Dieses kommt wahrscheinlich in absehbarer Zeit dann auch in die Nähe der eigenen Region. In Städten, wie Köln, Hamburg oder auch Berlin, liegen die Musicaltheater auch viel zentraler. Da verbinden Touristen doch viel eher ein Besuch mit ihrer Städtereise, als in Stuttgart, wo die Theater sehr weit weg vom Zentrum liegen. Stadttheater konzentrieren sich mit ihren Musicalinszenierungen vielfach eher auf ältere etablierte Stücke, wie Evita, Jesus Christ Superstar, My Fair Lady oder Anatevka. Für die Stage-Theater stellen sie nicht unbedingt die große Konkurrenz von den Angeboten dar, vielleicht eher noch von der Preisstruktur. Denn die kommerziellen Musicalanbieter werden immer teurer. Das kann sich inkl. der Anreise eine Familie mit Kinder nicht mehr so oft leisten.
 
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