Musikalisches Nashorn Gesänge aus dem Schlamm
Kerstin Vierung, 11.01.2010 07:46 Uhr
Das Sabah-Nashorn ist das musikalischste der Welt. Foto: dpa
Das Sabah-Nashorn ist das musikalischste der Welt. Foto: dpa
Stuttgart - Einem Nashorn mag man ja alles mögliche zutrauen. Aber Gesangstalent? Diese Vorstellung scheint so gar nicht zum gängigen Dickhäuter-Image zu passen. Umso überraschter war Petra Kretzschmar vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin, als sie ein weibliches Sabah-Nashorn auf der Insel Borneo belauschte. "Das Tier badete in einem Schlammloch und sang dabei ununterbrochen vor sich hin", schildert die Biologin die ungewöhnliche Darbietung. Minutenlang hingen auf- und absteigende Töne in der Luft, die an Walgesänge erinnerten. Dabei sind Sabah-Nashörner Einzelgänger, die kaum mit einem großen Publikum rechnen können. Für wen sie singen, ist eines der Rätsel, die Kretzschmar und ihre Kollegen gern lösen würden.

Sabah-Nashörner, die mit 1,30 Meter Schulterhöhe und 500 bis 600 Kilogramm Gewicht die kleinsten Nashörner der Welt sind, lassen sich nicht so leicht in die Karten schauen. Die Unterart des Sumatra-Nashorns mit dem wissenschaftlichen Namen Dicerorhinus sumatrensis harrissoni führt ein heimliches Leben in den Tieflandregenwäldern des malaysischen Bundesstaates Sabah im Norden Borneos. Wissenschaftliches Arbeiten in diesem Gelände bedeutet einen ständigen Kampf gegen drückende Schwüle und Regengüsse, gegen Blutegel und dauerfeuchte Kleidung. "Das geht wirklich an die Substanz", sagt Kretzschmar. Und auch Experten wie sie bekommen in freier Wildbahn so gut wie nie ein Sabah-Nashorn zu Gesicht.

Entsprechend wenig ist über den Alltag der Dickhäuter bekannt. Fest steht, dass sie sich von Blättern ernähren, ein Faible für Schlammbäder haben und gut schwimmen können. Wenn sie sich bei ihren Artgenossen bemerkbar machen wollen, hinterlassen sie eine Duftbotschaft aus Urin. Und auch der Gesang ist wahrscheinlich eine weitere Möglichkeit, in Kontakt zu bleiben. "Vielleicht dient er ja der Verständigung zwischen Mutter und Kind", spekuliert Kretzschmar. Dafür spricht, dass bisher nur Weibchen mit Gesang aufgefallen sind; die Männchen stoßen eher Rufe aus. Anhand der Stimmen und Rufe könnte es den Wissenschaftlern gelingen, die Tiere besser auseinanderzuhalten. Mit einem Computerprogramm zur Stimmerkennung könnten sie zum Beispiel herausfinden, wie viele Sabah-Nashörner es eigentlich gibt. Groß ist der Bestand jedenfalls nicht. Nach bisherigen Schätzungen, die auf der Analyse von Fußspuren beruhen, sollen nur noch etwa 50 Exemplare durch zwei isolierte Regenwald-Gebiete in Sabah trotten.

Nashorn-Oasen schützen und neu anlegen


Der Rest ihres einst viel größeren Lebensraums musste den allgegenwärtigen Ölpalmenplantagen weichen. "Wenn wir jetzt nichts unternehmen, wird es diese faszinierenden Tiere bald nicht mehr geben", sagt Kretzschmar. Um das zu verhindern, haben das IZW und der Leipziger Zoo gemeinsam mit malaysischen Behörden und Naturschutzorganisationen ein Rettungsprogramm gestartet. "Dabei arbeiten Freilandbiologen, Tierärzte und Zoofachleute eng zusammen", sagt IZW-Direktor Heribert Hofer. Gemeinsam haben sie einen Plan entwickelt, der das Problem der schwindenden Nashorn-Bestände gleich von mehreren Seiten angeht. Ökologische Untersuchungen sollen zum Beispiel klären, in welchen Bereichen ihres Lebensraums sich die Tiere besonders gern aufhalten. Solche Nashorn-Oasen lassen sich dann besonders schützen oder sogar neu anlegen.

Damit es dafür auch genügend Bewohner gibt, wollen die Projektmitarbeiter zudem eine Zuchtstation aufbauen und den dort geborenen Dickhäuter-Nachwuchs später auswildern. Die geplante Kinderstube ist ein eingezäuntes Waldstück im Osten Sabahs. Schon im Jahr 2005 hatten die Forscher zwei Nashörner für das Zuchtprogramm im Auge, die man auf Plantagen eingefangen hatte, um sie vor Wilderern zu schützen. Einfach zusammensperren konnten die Forscher die potenziellen Eltern allerdings nicht – außerhalb der Paarungszeit wären die ungeselligen Tiere vermutlich aufeinander losgegangen. Für ein gelungenes Rendezvous musste das Weibchen also paarungsbereit sein. Um den richtigen Zeitpunkt zu bestimmen, haben Petra Kretzschmar und ihre Kollegen daher immer wieder den Hormonspiegel des Tieres überprüft und sein Verhalten beobachtet. Doch sein Zyklus blieb unregelmäßig. Konnte es überhaupt trächtig werden? Ein Team von Tierärzten um Thomas Hildebrandt vom IZW fand nichts, was dagegengesprochen hätte.

Normales Interesse an Sex


Im Gegenteil: die weltweit führenden Experten für Nashorn-Schwangerschaften bescheinigten dem Tier einen erstaunlich guten Gesundheitszustand. Und das Männchen hatte einen normalen Testosteronspiegel und offensichtliches Interesse an Sex. "Immer wieder versuchte es, sich mit den Baumstämmen in seinem Gehege zu paaren", erzählt Kretzschmar. Doch aus unerfindlichen Gründen war es nicht in der Lage, Spermien zu produzieren. Ende November haben Thomas Hildebrandt und seine Kollegen bei einem weiteren Bullen genügend Spermien gefunden. Doch inzwischen ist das etwa dreißigjährige Weibchen schon zu alt, um auf natürlichem Weg Mutter zu werden. Mit den neuesten Methoden der Reproduktionsmedizin wollen die IZW-Forscher dem Tier nun Eizellen entnehmen und diese im Reagenzglas mit dem Sperma des Bullen befruchten. Das Retorten-Nashorn soll dann von einer Leihmutter ausgetragen werden. Für diese Aufgabe käme zum Beispiel ein Zoo-Nashorn einer anderen Art infrage. Außerdem gibt es noch vereinzelte Sabah-Nashörner, die isoliert in kleinen Waldinseln leben und keinen Kontakt mehr zu ihren Artgenossen haben.

Diese Tiere will die malaysische Regierung einfangen und in die Zuchtstation bringen lassen, damit sie sich paaren können. In dem eingezäunten Regenwaldgebiet sollen die Weibchen ihrem Nachwuchs dann alles Nötige für ein Leben in freier Wildbahn beibringen. Das nützt allerdings nichts, wenn es keinen Regenwald mehr gibt, in den die Tiere zurückkehren können. Deshalb hat Petra Kretzschmar mit Kollegen eine Organisation namens Rhino and Forest Fund gegründet. Mit Spenden wollen sie Land kaufen und wieder aufforsten, um die beiden verbliebenen Nashorn-Lebensräume in Sabah mit einem Waldkorridor zu verbinden. Sie hoffen, dass dann auch in Zukunft noch geheimnisvolle Gesänge aus den Schlammlöchern Borneos ertönen werden.
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