Zwei Stuttgarter im Doppelinterview „Langeweile kenne ich nicht“

Hilke Lorenz, 30.12.2012 15:12 Uhr

Stuttgart – Über die eigene Zeit zu verfügen, ist für die Verlegerin Stephanie Mair-Huydts so wichtig wie für den Musiker Thorsten Puttenat. Doch die beiden finden unterschiedliche Antworten auf diese Herausforderung. Ein Gespräch über die knappste Ressource der Welt. Beide wählen Pfefferminztee statt Kaffee für dieses Gespräch. Ob das jedoch schon ein Bekenntnis zur Langsamkeit ist, darüber sind sich die Verlegerin Stephanie Mair-Huydts und der Musiker Thorsten Puttenat uneins.
Herr Puttenat, sie sind bekennender Zeit­millionär. Was machen Sie mit Ihrer Zeit?
Puttenat Die nutze ich, um mir über die Gesellschaft Gedanken zu machen.
Mair-Huydts Und warum haben Sie soviel Zeit?
Puttenat Ich bin ja quasi selbstständiger Geschäftsmann, hab mein Einmannunternehmen. Ich hechle aber nicht permanent dem nächsten Job hinterher. Ich bin nicht reich, kann aber gut von meiner Arbeit leben. Mir ist es wichtig, die Balance zu haben zwischen der Zeit zum Geldverdienen und zum Faulenzen, Musizieren und für mich selbst. Reflektieren braucht ja auch Zeit. Ich würde mal sagen: Von 30 Tagen arbeite ich effektiv zehn.

Beneiden Sie ihn darum, Frau Mair-Huydts?
Mair-Huydts Ja und nein. Vielleicht kann mir Herr Puttenat sagen, wie das geht.

Ihr Tag ist durchgetaktet?
Mair-Huydts Ja. Ich versuche trotzdem, mir Freiräume zu schaffen. So blocke ich mir zum Beispiel Zeit. Im Kalender heißt das dann „Zeit für strategische Überlegungen“.

Aber in dieser Zeit trödeln sie nicht?
Mair-Huydts Nein. Zeit zum Faulenzen habe ich gar nicht. Wenn ich diese Zeit blocke, packe ich auch was rein. Das ist auch die Frage, welchen Wert man dem Faulenzen einräumt. Aus meiner Erziehung heraus würde ich sagen, Faulenzen ist etwas Sinnloses, deswegen nehme ich mir dafür keine Zeit. Aber vielleicht weiß ich auch nicht, wie richtig faulenzen geht.
Puttenat Vielleicht verlernt man es ja.
Mair-Huydts Ja. Ich kenn das gar nicht mehr.
Puttenat Langeweile kenn ich auch gar nicht.
Mair-Huydts Weil sie so negativ besetzt ist bei uns. Wenn einem langweilig ist, dann hat man nichts zu tun. Dann hat man nichts im Kopf. So wie ich Sie verstanden habe, Herr Puttenat, denken sie ja schon nach, wenn Sie faulenzen.
Puttenat Absolut, man kann auch ein anderes Wort nehmen: Müßiggang. Das ist zwar altmodisch, aber es ist ein sehr wertvolles Wort. Das steckt Muße drin. Dafür braucht man Zeit. Und wie Sie sagen, ich fülle diese Zeit. Ich bin viel zu unruhig, als dass ich dasitzen und gar nichts machen könnte.

Was unterscheidet Müßiggang von Arbeit?
Puttenat Wenn ich arbeiten muss, habe ich wie jeder Zeitdruck. Dann muss ich Dinge pünktlich zum Termin erledigen. Da bin ich unter Strom. Weil meine Arbeit aber die Musik ist und ich das Glück hatte, die Leidenschaft zum Beruf zu machen, ist es trotzdem anderes, als wenn man jeden Morgen pünktlich aus dem Haus muss. Ich arbeite zu Hause, und ich muss mir den Wecker nicht stellen.

Bei Ihnen ist das anders, nehme ich an.
Mair-Huydts Ja, mein Tag beginnt mit dem Klingeln des Weckers um 6.10 Uhr. Ich plane und organisieren gerne, versuche dabei auch Dinge vorzuarbeiten, damit ich später Zeit habe. Leider ist, die am meisten vergeudete Zeit die, die man aufholen möchte. Denn das geht nicht.
Puttenat Das ist ja wie im Hamsterrad.

Wie arbeiten Sie dagegen?
Mair-Huydts Das ist ein Dauerthema. Neulich hat mir ein Verlegerkollege erzählt, wie seine Frau samstags immer mit der großen Wochenendplanung beginnt. Und ich dachte: O ja, genauso empfindet das wahrscheinlich meine Familie. Ich frage, wann wir was machen. Und ich merke, wie bei den anderen drei die Laune sinkt. Ich bin dann leider ein richtiger Kaputtmacher der Zeit durch diese Planerei.

Wir nehmen Zeit offenbar nur wahr, wenn wir außer Tritt geraten.
Puttenat Für Menschen, die ihren Job nicht mögen, sind acht Stunden etwas ganz anderes als bei jemandem wie mir, der acht Stunden musiziert im Job. Da geht die Zeit total schnell rum, weil es viel Spaß macht.
Mair-Huydts Je schöner es ist, desto schneller vergeht die Zeit. Was eigentlich auch wieder traurig ist. Allerdings wird in unseren Erinnerungen Zeit wieder greifbar. Da hält man die Momente ja an. Durch Aufschreiben und Fotografieren versucht man, die zerronnenen Momente zu erinnern. Das ist doch toll. Man kann Zeit schon bewahren wie in einer Sparbank.

Ist Zeit das Kapital des Lebens?
Puttenat Ja, eigentlich schon. Denn es baut sich ja alles darauf auf.

Sie sind gern allein, Herr Puttenat?
Puttenat Ja. Aber in meinem Kopf geht’s ständig rund. Das fängt an, wenn ich morgens aufwache, und endet erst, wenn ich einschlafe. Das ist ein permanentes Nachdenken über das, was in unserer Gesellschaft geschieht. Darum dreht sich seit 20 Jahre alles, damit fülle ich meine Zeit. Ich will lernen, Mensch zu sein. Das braucht seine Zeit.

Können Sie noch mit sich alleine sein, Frau Mair-Huydts?
Mair-Huydts Es braucht kurz – und dann finde ich es wunderbar. Ich jogge zum Beispiel gern allein. Das ist purer Luxus, meine Stunde. Nur ich und meine Gedanken. Manchmal reicht aber auch eine kurze Zeit. Ich brauche nur fünf Minuten zu Fuß zur Arbeit. Ich nehme dann nicht die Abkürzung über die Wiese, sondern laufe außen herum, weil es dann zwei Minuten länger dauert. Das genieße ich.
Puttenat Aus der Sicht des Zeitreichen finde ich es sehr schade, dass ich damit relativ alleine bin. Denn den meisten Menschen bleibt nicht viel Zeit, um zu reflektieren.

Viele Menschen empfinden die rasante Veränderung der Städte als bedrohlich.
Mair-Huydts Das gilt doch nicht für Stuttgart. In Peking haben sie kurz vor Olympia ein Viertel halb so groß wie Stuttgart errichtet. Die Straße, die da durch führt, hatte jeden Tag einen anderen Verlauf. Hier gibt es schon große Aufregung, wenn man anders fahren muss. Dabei ist bei uns alles noch extrem überschaubar.

Trotzdem tun sich viele schwer damit.
Puttenat Ich glaube, es kommt darauf an, wie man den Wandel begreift. Ich hör ja auch oft, dass die Leute sagen: Putte, musst mal gucken, was in Dubai oder China geschieht. Da wird so was durchgezogen, niemand wehrt sich, und dann stehen die Gebäude. Aber in Stuttgart geht es nicht nur um Fortschrittsverweigerung. Da geht es auch um die Frage, wie sich die Zeit wandelt und warum. Wenn die zigste Shoppingmall mit den immer gleichen Läden hochgezogen wird, darf ich schon mal fragen, ob das sein muss. Diese Fragen nach Wohlstand, Fortschritt, Wachstum gehören neu verhandelt. Viele Menschen sind da nicht ohne Grund ängstlich, denn man muss ja verstehen, in welcher Zeit man lebt und wie sie funktioniert.
Mair-Huydts Viele sind ängstlich. Das kann man auch verstehen. Denn es ist ja etwas Neues, von dem man nicht weiß, was es bringt. Aber es ist auch die Angst vor dem Neuen, egal, ob es gut oder schlecht ist. Vielen wollen aus diesem Denken heraus lieber das Alte bewahren. Das finde ich schade. Natürlich ist unserer Zeit schnell­lebiger. Aber verglichen mit den Chinesen sind wir extrem behäbig und manchmal auch rückwärtsgewandt.

Ihnen macht Zukunft keine Angst?
Mair-Huydts Nein. Vielleicht aus dem Urvertrauen heraus, dass wir gemeinsam schon die richtigen Entscheidungen treffen werden.

Schaut man zuversichtlicher in die Zukunft, wenn man zu den Entscheidern gehört?
Mair-Huydts In seinem Leben kann jeder entscheiden. Ob ich hier im Job mehr entscheide als andere, ist für die Welt, oder wie ich sie empfinde, egal. Das ist eher eine Sache der Herangehensweise; ob man eher ein positiver oder ein grüblerischer Mensch ist.

Haben Sie Angst, irgendwann kein Zeit­millionär mehr zu sein, Herr Puttenat?
Puttenat Würde ich das Gehör verlieren würde, wäre es aus mit meinem Musiker­leben. Oder wenn ich Familie hätte.

Frau Mair-Huydts, was muss passieren, damit Sie Zeitmillionärin werden?
Mair-Huydts Ich glaube, das wird gar nie passieren. Denn dann fällt mir wieder etwas Neues ein, was ich mit mehr Zeit aktiv machen würde.