Musikhochschulen im Südwesten Warnschuss aus der „Pampa“

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Exklusiv Der Streit zwischen den Musikhochschulen in Baden-Württemberg um die Reformpläne des Landes eskaliert. Die Rektorin der Trossinger Musikhochschule droht ihrem Freiburger Kollegen mit einem Prozess. Er soll die Kritik am Standort und dem Niveau der Ausbildung widerrufen.

Die Rektorin von Trossingen, Elisabeth Gutjahr,  fühlte sich „verpflichtet“, gerichtlich gegen ihren Kollegen Rüdiger Nolte aus Freiburg vorzugehen. Foto: Martin Hufner, Musikhochschule
Die Rektorin von Trossingen, Elisabeth Gutjahr, fühlte sich „verpflichtet“, gerichtlich gegen ihren Kollegen Rüdiger Nolte aus Freiburg vorzugehen.Foto: Martin Hufner, Musikhochschule

Stuttgart - Die Rektorin der Musikhochschule in Trossingen ist eigentlich eine sanfte Person. „Völlig unaggressiv“ sei sie, sagt Elisabeth Gutjahr über sich selbst. Und wer mit der gerade in Paris weilenden Künstlerin telefoniert, die 1987 als Professorin für Rhythmik nach Trossingen kam, hat daran keinen Zweifel. Schärfe im Ton ist ihr fremd, sie setzt lieber auf Argumente.

Auch in der Schlacht um die Reform der Musikhochschulen im Land wahrte Gutjahr stets die Contenance. „Leider umumgänglich“ nannte sie etwa den Austritt aus der Landesrektorenkonferenz, den sie zusammen mit ihrem Mannheimer Kollegen Rudolf Meister erklärte. Es könne nicht sein, dass der Verband nur die Position der (verschonten) Musikhochschulen Freiburg, Karlsruhe und Stuttgart vertrete, die „massive Sparmaßnahmen“ in Mannheim und Trossingen unterstützten. Wortführer des Protests war indes Meister, Gutjahr blieb eher im Hintergrund.

Die Rektorin lässt den Streit eskalieren

Nun aber lässt ausgerechnet die bisher so zurückhaltende Rektorin den Streit eskalieren. Von ihrem Freiburger Kollegen Rüdiger Nolte fühlte sie sich derart gereizt, dass sie sich zu einem höchst ungewöhnlichen Schritt hinreißen ließ: sie setzte Rechtsanwälte gegen Nolte in Marsch und droht sogar damit, ihn vor Gericht zu zerren. Dort werde man ihn, falls nötig, auf Widerruf, Unterlassung und Schadenersatz verklagen.

Schon länger hatte Gutjahr das Gefühl, dass ihr Freiburger Kollege etwas verächtlich auf Trossingen herabschaue. Seine Devise: Die Musikhochschule dort könne schon deshalb nichts taugen, weil sie mitten „in der Pampa“ liege. Tatsächlich hatte Nolte in einem Interview gesagt, „seit Jahrzehnten“ stelle sich die Frage, „ob ein Standort mit 15 000 Einwohnern und einem Kino für Musikstudierende der adäquate Ort ihrer Ausbildung ist“.

Voll war das Maß für Gutjahr, als der promovierte Literaturwissenschaftler vor wenigen Tagen in der „Trossinger Zeitung“ nachlegte. Die Musikhochschule dort könne nicht der Maßstab für die anderen Institute sein, wurde er zitiert: „Wir können nicht das Niveau aller auf das Niedrigste im Land absenken.“ Qualitativ, so Nolte, reiche Trossingen eben nicht in allen Bereichen an die Mitbewerber heran. Wie man dort ein durchweg mit Freiburg vergleichbares Niveau garantieren wolle, „erschließt sich mir nicht“.

Nolte bleibt Belege für seine Schmähungen schuldig

Gleich am nächsten Tag schlug Gutjahr zurück. Von der renommierten Stuttgarter Anwaltskanzlei Eisenmann, Wahle, Birk ließ sie ein geharnischtes Schreiben an ihren Freiburger Kollegen aufsetzen. Die Rektorin sei „im Interesse der Musikhochschule Trossingen verpflichtet, gegen diese Äußerungen gerichtlich vorzugehen“ , erläuterte der Advokat Christian Heieck. Sie seien nicht nur „objektiv unzutreffend und subjektiv ehrverletzend“, sondern berührten auch „das Recht unserer Mandantin (. . .) am ausgeübten Gewerbebetrieb, nämlich dem Betrieb der Musikhochschule Trossingen“.

Während Nolte Belege für seine Schmähungen schuldig bleibe, so Heieck, könne er „nach den hier vorliegenden Unterlagen gerichts- und prozessfest“ das Gegenteil beweisen – zum Beispiel, das Trossingen „die Qualität der Arbeit der Musikhochschule Freiburg erreicht oder überschreitet“. Sodann folgten die Forderungen an Nolte: einen Prozess könne er noch abwenden, wenn er „die gemachten Aussagen zurücknehme“ und versichere, sie „weder wörtlich noch sinngemäß zu wiederholen“. Zudem müsse er einwilligen, dass sein Widerruf öffentlich bekannt gegeben werde. Vorsorglich mache man „Unterlassungs- und Schadenersatzansprüche dem Grunde nach geltend“.

Hoffnung auf Versöhnung

Per Einschreiben mit Rückschein ging der Drohbrief „persönlich/vertraulich“ an Nolte. Doch dieser zeigte sich offenkundig wenig beeindruckt, auch nicht vom Hinweis, die Sache sei „wegen der angespannten öffentlichen Diskussion eilbedürftig“. Die gesetzte Frist – Mittwoch, 12 Uhr – ließ er ungenutzt verstreichen, auch sonst gab es keine Reaktion von ihm; für Gutjahr war er so wenig erreichbar wie für die Stuttgarter Zeitung.

Nun will sich die Trossinger Rektorin mit ihren Mitstreitern beraten, wie es weitergehen soll. Die Eskalation sei ja von Nolte ausgegangen, sie hingegen sei „sehr an Deeskalation interessiert“; auf einen Prozess, so Gutjahr, sei sie nicht erpicht. Vielleicht führe der Warnschuss ja dazu, dass man wieder ins Gespräch komme.

Spätestens am 8. Oktober wird sich dieser Wunsch erfüllen. Auf diesen Tag hat Wissenschaftsministerin Theresia Bauer alle fünf Rektoren nach Stuttgart eingeladen – vielleicht zur Versöhnung?

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Was ist uns Musik wert?: Eine interessante Zahl in der Debatte: Die Republik Österreich (8,4 Millionen Einwohner) gibt für seine drei Musikuniversitäten (nur die bundeseigenen, landeseigene gibt es auch noch) 185 Millionen Euro/Jahr aus. Das Land Baden-Württemberg (10,8 Millionen Einwohner) bzw. seine grün-rote Regierung will seine Ausgaben für Musikhochschulen von ca. 45 Millionen Euro/Jahr auf ca. 40 Millionen herunterfahren - und dafür jahrzehntelang gewachsene und erfolgreiche Institutionen aufgeben oder zu 3/4 schließen.

Für welchen Bedarf wird da ausgebildet?: Klar, Musiklehrer brauchen wir, keine Frage. Aber offensichtlich werden Orchestermusiker und Solisten weit über Bedarf ausgebildet. Wer den StuZ-Artikel im Kulturteil gelesen hat, hat erfahren, dass europäische Bewerber bei den Eingangsprüfungen gegen die technisch viel besser getrimmten Asiaten oftmals den Kürzeren ziehen. Viele asiatische Frauen studieren aber wohl genau nur, um ihren Marktwert auf dem Heiratsmarkt zu erhöhen. Und die Frage "wann haben Sie das letzte Mal ein Konzert besucht?" ist auch genau der Knackpunkt. Wen interessiren heute im Ernst noch die grossen Klangkörper die Symphonien vortragen? Genau! Eine verschwindende Menge an Leuten. Deswegen ist es auch wichtig, dass der Jazz in Stuttgart bleibt.

@lbbwler: Ein Orchesterkonzert oder eine Opernaufführung haben Sie vermutlich noch nie besucht? Dann würde ich Ihnen empfehlen, mal ein Konzert des Radiosinfonie- oder Staatsorchesters und das eines beliebigen Laienorchesters zu besuchen. Nur so rein informativ... --- Sport ist übrigens für die meisten Menschen auch ein Hobby. Für Sportler, die Sie bei Wettkämpfen im Fernsehen sehen, eher nicht. --- Daß etwas von Laien betrieben wird, heißt noch lange nicht, daß es nicht auch professionell betrieben werden kann. --- Und da Sie sich scheinbar dem Bankensektor verbunden fühlen: Für den gilt dasselbe. Ohne die Heerscharen von Hobbyanlegern wäre Ihr Geschäftsmodell hinfällig.

Kleine Verwechslung?: Musikschulen sind etwas anderes als Musikhochschulen. In Musikhochschulen werden die Musiker unseres Landes ausgebildet und sind daher ebenso notwendig wie alle anderen Universitäten und Hochschulen. Diese Musiker spielen später in Orchestern oder unterrichten andere in ihrem Instrument (um vielen Kindern ihr Hobby zu ermöglichen), ganz zu schweigen von den Lehrkräften für das Fach Musik, Musikwissenschaftlern und weiteren Berufen. Daher sind die Musikhochschulen dringend notwendig. Ohne Musikhochschulen würde es in ein paar Jahrzehnten zumindest keine klassische Musik mehr in Deutschland geben. Ein solcher Zustand wäre in meinen Augen nicht erstrebenswert.

Na,: da wird doch die Landesregierung schon im Vorfeld die Finger im Spiel gehabt haben? Teile, und herrsche...

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