Musikindustrie Der Konzertbranche drohen harte Zeiten
Experten aus der Musikbranche rechnen mit Pleiten: Das Konzert-Angebot in Deutschland wächst, die Preise für Tickets sind jedoch ausgereizt.
Berlin - Alexander Richter ist ein Optimist und hat auch allen Grund dazu. Vom kleinen Praktikanten, der einst Veranstaltungsplakate an Fenster von Pizzerien klebte, hat es der Düsseldorfer zum Chef und Gesellschafter eines der angesehensten Konzertveranstalter Deutschlands gebracht. Der Diplomkaufmann leitet Four Artists, eine Agentur, die von der Hip-Hop-Band Die Fantastischen Vier in Stuttgart gegründet wurde und inzwischen nach Berlin umgezogen ist. „Wir fingen damals mit zwei Tischtennisplatten als Schreibtischen an“, erinnert sich Richter. Kunden fehlten zunächst.
Denn Smudo, Thomas D. & Co. hatten sich gleichzeitig entschieden, erst mal eine kleine Künstler- und Tourpause einzulegen. Mit dem kometenhafen Aufstieg der Fanta 4 und der stürmischen deutschen Hip-Hop-Welle, die Bands wie Freundeskreis, Massive Töne und Gentleman nach oben spülte, brummte dann aber schon bald das Geschäft gewaltig. „Das war fast ein Selbstläufer“, sagt Richter. Heute betreut Four Artists mehr als 60 Künstler, darunter Peter Fox, Seeed, Culcha Candela und 2raumwohnung.
Aufstrebende Deutschpoeten wie den Erfurter Sänger Clueso nahm die Agentur schon in jungen Jahren unter ihre Fittiche. Mit der Band Tokio Hotel aus Magdeburg begleitete Richter sogar persönlich und hautnah eine der bisher erfolgreichsten deutschen Popbands bei ihrer gefeierten Welttournee „Das war schlicht sensationell“, schwärmt er noch heute. Four Artists gilt heute als Marktführer in Deutschland im Konzertgeschäft mit nationalen Rock- und Popgruppen. „Wir machen 1200 bis 1500 Shows pro Jahr, vom Jugendhaus bis zu Festivals wie jüngst dem Open Air mit den neuen Deutschpoeten in Berlin“, erzählt Richter stolz.
Eintrittspreise in schwindelerregenden Höhen
So kommen inzwischen zweistellige Millionenbeträge in die Kasse, und das stetig wachsend. „Unser Glück war es, auf nationale Künstler zu setzen und deren Potenzial früh zu erkennen“, sagt der Konzertmanager. Bei der Auswahl profitiert Richter auch von seiner eigenen Erfahrung als Bassist und von der Bekanntheit und den Kontakten der Fanta 4, die in der Musikszene bestens verdrahtet sind.
So gibt es fast täglich Empfehlungen und Internetlinks zu neuen, vielversprechenden Künstlern. In den 70er und 80er Jahren galt eine solche Dominanz nationaler Künstler als Illusion. Die meisten hiesigen Rock- und Popbands waren damals allenfalls regional bekannt, von Ausnahmen abgesehen. Vor allem britische und US-Stars dominierten das Platten- und Konzertgeschäft und füllten die Spalten der Musikmagazine. „Heute dagegen brauchst du deutsche Headliner wie Seeed, Tote Hosen oder die Ärzte, damit viele Leute zu Festivals kommen“, sagt Richter.
Doch auch nationale Überflieger garantieren inzwischen keine vollen Hallen und Stadien mehr, wie zum Beispiel Hernert Grönemeyer auf seiner jüngsten Tour erleben musste. Denn das Angebot an Konzerten wird immer größer, die Eintrittspreise selbst für abgehalfterte Künstler haben schwindelnde Höhen erreicht. „Da ist eine große Blase entstanden, die irgendwann platzen wird“, warnt Richter. Denn die enormen Steigerungsraten der besten Jahre seien auch in der Konzertbranche vorbei.
Es fehlt das Geld neue Künstler aufzubauen
Der Experte rechnet mit einer Konsolidierung des Marktes, sprich: Pleiten und weiteren Übernahmen. Mit dem Bremer Ticketvermarkter CTS beherrscht schon jetzt ein Gigant den Markt, der in den letzten Jahren ein halbes Dutzend Agenturen übernommen hat. Dem US-Konzertriesen Live Nation gelang es auch deshalb bisher nicht, in Deutschland besser Fuß zu fassen – anders als in vielen anderen Ländern auch Europas.
Live Nation gilt als neue Supermacht der Musikindustrie. Der weltweit größte Konzertveranstalter sichert sich die Dienste von Superstars wie Madonna mit Rundumverträgen, die auch Ticketvertrieb und das CD-Geschäft umfassen. Den Künstlern kommt das entgegen. Denn mit den sinkenden CD-Einnahmen wächst der wirtschaftliche Druck, mehr aufzutreten und immer höhere Preise zu nehmen.
Die Konzertbranche sehen daher manche Spötter als die größten Krisengewinner der letzten Jahre. Denn während die Plattenindustrie viel Geld durch Raubkopien verlor, konnten die Veranstalter immer höhere Preise für Liveshows kassieren. Doch auf Dauer, befürchtet Agenturchef Richter, könne das nicht gutgehen. Denn nun fehlt den Plattenfirmen das Geld, neue Künstler aufzubauen, professionell zu vermarkten und damit nachhaltig bekanntzumachen. „Und von dieser Arbeit“, sagt er, „profitieren wir ja gerade.“

