Stuttgart - Jahrzehntelang hat sich niemand über eine neue Moschee aufgeregt - kein Wunder, denn sie entstanden in Hinterhöfen, Bürogebäuden und Gewerbegebieten. Für Nichtmuslime waren die Gebetsräume fast unsichtbar. Doch die Muslime sind inzwischen in Deutschland sesshaft geworden und ihr Wunsch hat sich verstärkt, ihre Religion in angemessener Form ausüben zu können. Für sie heißt das: die Moschee soll repräsentativ sein und auch ein Kuppeldach und ein Minarett besitzen.
Die Moscheen in der Region Stuttgart »Seither gibt es um fast jede neue Moschee Streit, zuletzt in Hemmingen, Zuffenhausen und Esslingen. Vordergründig wird dabei über Parkplätze und Turmhöhe gestritten, dahinter aber stehen häufig Kommunikationsprobleme, eine kritische Einstellung zum Islam, diffuse Ängste und mitunter auch Vorurteile. Islam Abdullah Wagishauser, der Vorsitzende der Vereinigung Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland, kann diese Bedenken teilweise nachvollziehen: Es würden derzeit zu viele negative Nachrichten über den Islam verbreitet.
Ausgeprägtes Sankt-Florians-Prinzip
Die Fakten sehen so aus: In den sechs Landkreisen der Region gibt es um die 100 Moscheen. Nur eine Handvoll steht an einem prominenten Standort oder ist unverkennbar orientalisch. In Stuttgart selbst fehlt übrigens eine solch repräsentative Moschee. Eine Befragung der Konrad-Adenauer-Stiftung im Jahr 2002, ob der Bau einer Moschee in der Nähe als störend empfunden würde, hat ergeben: Es ist eine - allerdings sehr lautstarke - Minderheit, die eine Moschee in der Umgebung nicht gerne sieht.
Hinter dieser Ansicht stehen zunächst typische Nachbarschaftskonflikte: Die Anwohner befürchten Baulärm, zusätzlichen Verkehr und Parkprobleme. Ähnliche Kritik gebe es aber auch, wenn ein Supermarkt oder ein Altersheim geplant werde, meint Stuttgarts Baubürgermeister Matthias Hahn: "Das Sankt-Florians-Prinzip ist stark ausgeprägt."
Im Zusammenspiel mit den weiteren Konfliktursachen kommt es dann aber oft zu dramatischen Situationen. So kauften Anwohner in Hemmingen (Kreis Ludwigsburg) vor einem Jahr eine Gaststätte, damit die türkisch-islamische Gemeinde dort keine Gebetsräume einrichten konnte. In Oberstenfeld (ebenfalls Kreis Ludwigsburg) wurden die Debatten teils heftig unter der Gürtellinie geführt. Der Architekt der Moschee, Wolfgang Kuhn, bezeichnete die damalige Bürgerversammlung als "vollkommen unterirdisch". Inzwischen hat der Gemeinderat aber beschlossen, dass die Moschee gebaut werden kann.
Der Streit geht um 60 Zentimeter
Daneben stören sich viele Bürger und auch mancher Gemeinderat an Kuppel und Minarett; diese Symbole des Islam empfinden viele Menschen als "Landnahme", als Ausdruck der Macht des Islam in Deutschland. Manche islamischen Gemeinden haben beim Bau ihres Hauses auf ein Minarett verzichten müssen - in Weil der Stadt (Kreis Böblingen) hat die Ahmadiyya-Gemeinde keine Genehmigung erhalten, wie Imam Rasit Pakturk sagt.
In Oberstenfeld hatte die CDU-Fraktion im Gemeinderat gegen die Moschee gestimmt, weil "Machtdemonstrationen" mit Kuppel nicht in die Zeit passten. Halim Kasimoglu, der Vorsitzende der islamischen Gemeinde in Oberstenfeld, kann das nicht verstehen: "Es geht nicht um Macht, sondern um Baukunst." Ein Minarett gehöre zur Moschee wie der Glockenturm zu einer christlichen Kirche. In Esslingen ist lange ebenfalls um das Minarett gestritten worden, weil es 60 Zentimeter zu hoch war. Jetzt hat man sich geeinigt: Das Minarett darf 25,60 Meter hoch bleiben, der Turm muss aber optisch verschlankt werden.
Zentraler Punkt der Debatten um eine neue Moschee ist aber, bewusst oder unbewusst, die Furcht vor Überfremdung und vor einer Islamisierung der deutschen Gesellschaft. Es gibt Ängste, dass in den Schulen an den Moscheen totalitäre Lehren verbreitet, dass in den Freitagsgebeten antidemokratische Reden gehalten oder dass grundsätzlich in den Moscheen Politik und Religion nicht getrennt werden. In gewissen Fällen ist diese Furcht begründet: Erst vor wenigen Wochen hat die Polizei Moscheen in Deutschland - zwei davon in der Region - durchsucht, weil man dort Bücher vermutete, in denen die Züchtigung von Ehefrauen gerechtfertigt wird.
"Muslime fühlen sich als Menschen zweiter Klasse"
Yazdan Aksoy, der Vorsitzende der türkisch-islamischen Union in Murrhardt (Rems-Murr-Kreis), betont dagegen, dass die überwältigende Mehrheit der Muslime einen Islam der Gewaltfreiheit vertritt. Umgekehrt fühlen sich viele Muslime in Deutschland als Menschen zweiter Klasse: "Wir wollen als vollwertige Bürger angesehen werden und Gehör finden, wenn wir ein Anliegen haben", sagt Nami Gül von der Esslinger Gemeinde.
Halim Kasimoglu war der Konflikt um die Moschee in Oberstenfeld jedenfalls eine Lehre: "Wir glaubten, dass wir hier so lange leben, dass die Bürger uns kennen - doch das war ein Irrtum." Er kann allen Gemeinden nur den Rat geben, von Beginn an eine offene Informationspolitik zu betreiben. Nuri Ari von der islamischen Gemeinde in Schorndorf bestätigt dies: "Wir hatten kaum Probleme, weil wir jeden Schritt abgesprochen haben."
Die Moscheen in der Region Stuttgart »