Myanmar Zerbrechliche Schönheit

Von Bettina Hartmann aus Bagan 

Nach jahrzehntelanger Isolation öffnet sich Myanmar, das auch als Burma bekannt ist, für Touristen aus aller Welt. Wer das südostasiatische Land in seiner Ursprünglichkeit erleben will, sollte es jetzt besuchen.

Morgendämmerung in Bagan: Bei einer Ballonfahrt kann man die alte Königsstadt mit ihren mehr als 2000 Pagoden aus der Vogelperspektive erleben. Foto: Ikunl/Fotolia
Morgendämmerung in Bagan: Bei einer Ballonfahrt kann man die alte Königsstadt mit ihren mehr als 2000 Pagoden aus der Vogelperspektive erleben.Foto: Ikunl/Fotolia

Myanmar ist im Aufbruch. Und die Zukunft voller Versprechen. Freude und Optimismus prägen das Land, das endlich seine Diktatur los ist. Vor knapp drei Wochen, am 1. Februar, versammelte sich zum ersten Mal nach mehr als 50 Jahren ein frei gewähltes Parlament. Nun hoffen die Menschen auf Demokratie, auf Freiheit, auf Wohlstand. Klar ist schon jetzt: Die Öffnung nach jahrzehntelanger politischer und wirtschaftlicher Isolation bringt auch mehr Tourismus. Noch vor fünf Jahren kamen etwa 200 000 Besucher aus aller Welt ins Land, 2014 waren es bereits mehr als 500 000. Wer damals dort war, wird heute sofort Veränderungen wahrnehmen. Mehr Verkehr etwa. Mehr Hotels. Und deutlich mehr Handys. Bis vor kurzem kosteten SIM-Karten noch bis zu 3000 Euro, heute sind die für fast jeden erschwinglich.

Hier ist alles Gold, was glänzt

In der Shwedagon-Pagode, die sich auf einem Hügel in der Fünf-Millionen-Metropole Yangon erhebt, hocken ein paar buddhistische Mönche im Teenageralter auf dem Boden. Sie knipsen sich mit ihren Mobiltelefonen, grinsen vergnügt, wirken glücklich. Frauen in bunten Longhis, den traditionellen Wickelröcken, kehren den Staub weg. Das soll im nächsten Leben Glück bringen. In der mehr als 2500 Jahre alten heiligen Stätte, der wichtigsten Tempelanlage des Landes, herrscht Gewusel. Tausende haben sich in der Dämmerung eingefunden, um Buddha zu huldigen. Trotz Menschenmassen ist es angenehm still, die Gläubigen flüstern diskret. In der von allem Unbill abgeschottet wirkenden Welt fühlt sich auch der westliche Besucher geborgen - oder ist zumindest sprachlos angesichts der überwältigenden Pracht. Hier ist alles Gold, was glänzt: Den zentralen, glockenförmigen Turm, Stupa genannt, krönt ein Schirm, der laut Eintrittskarte mit 79 569 Diamanten sowie 3154 Glöckchen aus reinem Gold verziert ist. „Insgesamt 3,8 Tonnen Gold sind in der Pagode verarbeitet“, erzählt U mau mau Wing. Seit Jahrhunderten wird die Shwedagon-Pagode immer wieder umgebaut, vergrößert, verschönert. Wie man diesen kostbaren Schatz erhält? „Durch Spenden“, so der Pagodenverwalter. Burma, wie U mau mau Wing sein Land nennt, sei weltweit „die Spendennation Nummer eins“. Sämtliche Renovierungsarbeiten würden dadurch finanziert, überall auf dem Areal stehen Boxen, in die die Gläubigen Scheine stecken. „Jeder gibt, was er kann.“

Wohl kaum ein anderes Land ist dem Glauben so verbunden: Kahl geschorene, in Kutten gehüllte Mönche und Nonnen sind allgegenwärtig, das Land ist geprägt von Klöstern, Pagoden, Buddhastatuen. Burma sei nicht arm, das Geld aber falsch verteilt, sagt U mau mau Wing. Weshalb er große Hoffnung in den Tourismus setzt: „Das bringt vielen Menschen Jobs“, ist er sich sicher. Der Tourismus wird das Land allerdings weiter und nachhaltig verändern. „Angst? Nein, das macht mir keine Angst. Alles ist im Fluss, im Wandel“, sagt Ashin Kelasa (49). Seit mehr als 25 Jahren lebt der ehemalige Mathematikstudent als Mönch, einen Großteil davon im Kloster Mahagandhayon. Er erklärt, dass Buddhismus nicht nur Religion, sondern vor allem eine Lebenshaltung sei. Unterdessen versammeln sich seine Mitmönche zum Frühstück. Wortlos stehen sie an. Helfer geben aus großen Töpfen dampfenden Reis aus, unter anderem eine Familie aus dem nahen Mandalay, die genug Lebensmittel für die Speisung der rund 1000 Mönche und Novizen des Klosters gespendet hat. Die Mönche haben sich einem Leben in Armut verschrieben. Sie dürfen nur essen, was sie geschenkt bekommen. Ihr Besitz beschränkt sich auf acht Gegenstände, darunter ihre Schlafmatte, Nadel und Faden sowie ihre Almosenschale.

Noch ist das Leben in Myanmar traditionell geprägt

Fast stoisch löffeln die Jungen und Männer den Reis. Aus der Ruhe bringen lässt sich auch Kelasa nicht: „Was passiert, passiert - und wir müssen es akzeptieren“, sagt er mit einer Gelassenheit, die nicht nur ihm, sondern den meisten seiner Landsleute eigen zu sein scheint. Dem weltlichen Leben entrückt ist der Mönch dennoch nicht. Besuchern empfiehlt er, jetzt ins Land zu kommen: „Ich habe keine Ahnung, wie es hier in zehn Jahren aussehen wird. Mit dem Aufbruch könnte die Bodenständigkeit verloren gehen - und vermutlich wird das Land dann nicht mehr sehr ursprünglich sein.“ Noch ist das Leben traditionell geprägt. Mönche, Teenager, Kinder, auf Betelnüssen kauende Greise und Bauern sowie Marktfrauen mit ihren prall gefüllten Körben drängen sich in Bagan durch die engen, staubigen Gassen des Marktes. Die Frauen tragen Thanaka als Make-up und Sonnenschutz auf Wangen und Stirn - die dicke, hellgelbe Paste wird aus Baumrinde gerieben und ist auf dem Markt erhältlich, neben Obst, Gemüse, Fisch, noch gackernden Hühnern, Öl aus riesigen Tanks und Longhis, die von Frauen wie Männern getragen werden. Auspuffgase der zahllosen Mopeds und Lkw, die am Markt vorbeituckern, mischen sich mit dem Bratfett der Garküchen.

Bedächtig ziehen Zebus zweirädrige Karren über die Straßen. Und einige Touristen lassen sich mit Pferdekutschen zu den Pagoden chauffieren. Dort draußen, in der alten Königsstadt Bagan, tut sich eine archäologische Wunderwelt auf: Mehr als 2000 Pagoden und Tempel stehen auf dem gerade mal 40 Quadratkilometer großen Areal. Einige Bauten sind gut erhalten, andere verfallen. Eindrucksvoll. Einzigartig. Surreal schön. Zu schön für die Unesco. Um Touristen ins Land zu locken, ließ die Militärjunta viele Tempel mit Zement und Ziegeln aufbrezeln - allerdings nicht der internationalen Denkmalpflege entsprechend. Weshalb die UN-Organisation Bagan den Welterbe-Status verweigert. Immerhin: Inzwischen gibt es Verhandlungen. Und vielleicht hält sich die neue Regierung, die sich im März zusammenfinden soll, an die Unesco-Vorgaben. Aung San Suu Kyi (70), die mit ihrer Partei NDL (Nationalliga für Demokratie) im November die Wahl gewann, könnte ihren Teil dazu beitragen. Die Friedensnobelpreisträgerin, in Burma als „die Lady“ bekannt und verehrt und während der Diktatur 15 Jahre lang unter Hausarrest, gilt als Lichtgestalt. Präsidentin wird die Politikerin aller Wahrscheinlichkeit nach dennoch nicht. Ihr verstorbener Mann war Brite - und Burmesen mit ausländischem Ehepartner oder Kindern sind vom Amt ausgeschlossen. Aung San Suu Kyi wird das Land vermutlich trotzdem mit führen. Denn über ihr steht als höhere moralische Instanz nur noch der Buddhismus.

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