Nach dem Streit über sexuelle Vielfalt GEW für Verschiebung des Bildungsplans

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Die neuen Bildungspläne haben schon im Stadium des Arbeitspapiers Ärger verursacht. Das Ziel, die Akzeptanz sexueller Vielfalt zu stärken, ist heftig umstritten. Die Pläne haben freilich viel mehr Aspekte. Die GEW schlägt Anpassungen vor.

Ein Papier zu den neuen Bildungsplänen hat Widerspruch geweckt, so bei einer Demo in Stuttgart. In den Plänen  geht es aber um mehr als um sexuelle Vielfalt. Foto: Achim Zweygarth
Ein Papier zu den neuen Bildungsplänen hat Widerspruch geweckt, so bei einer Demo in Stuttgart. In den Plänen geht es aber um mehr als um sexuelle Vielfalt.Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Es ist noch vieles ungeklärt im neuen Bildungsplan, der im Jahr 2015 schrittweise an Baden-Württembergs Schulen eingeführt werden soll – nicht nur die Frage nach dem Umgang mit der Akzeptanz sexueller Vielfalt, die bereits himmelhohe Wellen geschlagen hat. Das findet zumindest die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). In ihrer aktuellen Stellungnahme zum neuen Bildungsplan, die der Stuttgarter Zeitung vorliegt, plädiert die Bildungsgewerkschaft nun dafür, den Plan erst zum Schuljahr 2016/17 einzuführen und statt dessen die Diskussion zu vertiefen und die Leitlinien zu überarbeiten.

Die Gewerkschaft ist bemüht, die Wogen zu glätten, ohne ihr Ziel aufzugeben. Die erbitterte Debatte über sexuelle Vielfalt hatte sich an einem Arbeitspapier entzündet, das an die Öffentlichkeit gelangt war. Darin hatte die Arbeitsgruppe Lesben- und Schwulenpolitik der GEW versucht, Kompetenzen zur Akzeptanz sexueller Vielfalt in die in dem neuen Bildungsplan erstmals vorgesehenen Leitlinien zu integrieren. Das sei misslungen, gesteht die GEW in ihrer aktuellen Stellungnahme selbstkritisch ein.

26 Mal das Wort „Sex“

In dem internen Arbeitspapier des Bildungsplanbeirats hatten Kritiker auf 32 Seiten 26 Mal das Wort „Sex“ gezählt, und daraus eine ungerechtfertigte Überbetonung und Überhöhung des Sujets hergeleitet. Online-Petitionen, Demonstrationen und Auseinandersetzungen waren die Folge. Sie hatten ein Ausmaß angenommen, das Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) dazu veranlasste, vor einem „Kulturkampf“ zu warnen. Dass das Arbeitspapier wortwörtlich versendet worden war, hatte nicht nur die GEW überrascht. Nun erklärt Doro Moritz, die Landesvorsitzende der GEW, das Thema sexuelle Vielfalt werde in dem neuen Bildungsplan voraussichtlich deutlich seltener erwähnt werden, als in dem Arbeitspapier. Allerdings bedeute das kein Abrücken von dem Anliegen, Kompetenzen zur Akzeptanz zu vermitteln, sagt Moritz.

Die GEW empfiehlt nun „dringend“, ein neues Leitprinzip in den Bildungsplan aufzunehmen. Das könnte „Anerkennung gesellschaftlicher und kultureller Diversität“ heißen. Unter dieser Überschrift könnte die Akzeptanz sexueller Vielfalt Platz finden. Überhaupt regt die GEW an, die Leitprinzipien zu revidieren. Bisher sind fünf Prinzipien vorgesehen: Berufliche Orientierung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Medienbildung, Prävention und Gesundheitsförderung sowie Verbraucherbildung. Diese Systematik hält die GEW für nicht sehr überzeugend.

Erbitterte Debatte

Der Stellenwert der Leitlinien wurde im Zuge der erbitterten Debatte um die sexuelle Vielfalt immer unklarer. Das Landesinstitut für Schulentwicklung, das die Bildungspläne erarbeitet, betont, „der Erziehungs- und Bildungsauftrag wird sich nicht primär aus den fünf Leitprinzipien ableiten lassen“. Selbstverständlich sei „der Orientierung an den Werten der christlich-abendländischen Kultur umfassend Rechnung zu tragen“. Diese sei den Leitprinzipien übergeordnet. In diesem Sinne hatte sich auch Kultusminister Andreas Stoch (SPD) geäußert.

Die GEW erklärt, in Leitprinzipien sollten „Aufmerksamkeitsrichtungen einer zeitgenössischen Bildung“ zum Ausdruck gebracht, „Schlüsselprobleme“ der Gegenwart fächerübergreifend bearbeitet werden. Jedoch dürfe Schule sich nicht mit der „falschen“ Erwartung überfordern lassen, die Behandlung der Themen könnte politisches Handeln ersetzen.

Auch wenn die öffentliche Debatte teilweise den Schluss nahelegte, so sind die Leitlinien noch längst nicht im Bildungsplan verankert. Im aktuellen Schuljahr werden Arbeitsfassungen an ausgewählten Schulen erprobt. Um die Akzeptanz sexueller Vielfalt geht es dabei nicht. Ansatzweise würden in den Klassen fünf bis zehn im Fach Deutsch die Medienbildung und in Geografie die Bildung für nachhaltige Entwicklung berücksichtigt, erklärt das Landesinstitut. Grundsätzlich sollen Leitprinzipien später fächerübergreifend bearbeitet werden. Das Landesinstitut betont, es sei nicht vorgesehen, die vorgeschlagenen Kompetenzformulierungen „in vollem Umfang und Wortlaut“ zu übernehmen.

Zeit zur Überarbeitung

Zur Überarbeitung der Leitlinien sollten sich Ministerium und Beteiligte Zeit nehmen, findet Doro Moritz. Der Bildungsplan könnte auch noch ein Jahr später eingeführt werden. Dringend ist er für die neuen Gemeinschaftsschulen. Diese könnten aber allesamt zu Erprobungsschulen erklärt werden, findet Moritz. Alle 40 Mitglieder des Bildungsplanbeirats können Stellungnahmen abgeben. Die nächste planmäßige Sitzung des Gremiums ist laut Kultusministerium im Mai vorgehen. In dem Beirat sind auch Kirchen, Kommunen und Wirtschaftsverbände vertreten. Die allgemeine Anhörungsphase zum Bildungsplan ist bisher im September geplant.

Außer den Leitlinien bemängelt die GEW auch die Einführung des Faches Wirtschaft. Es sei nicht notwendig, „die Sicht der Wirtschaft auf die Wirtschaft“ zu vermitteln. Das neue Fach könnte auf Kosten von Geografie und politischer Bildung gehen. Die GEW hofft, dass das Landesinstitut Lehrpläne detaillierter als bisher ausarbeitet.

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Ein erster Schritt zur Vernunft: Die GEW scheint verstanden zu haben, um was es geht. Wenn jemand wie die Landesregierung postuliert, es ginge ihr um Respekt und Toleranz, so kann sie dies nicht nur und ausschließlich mit dem Thema „sexuelle Vielfalt“ verdeutlichen. Viel wichtiger ist es, ein Gesamt-Paket zu schnüren und auf die Diskriminierung von Behinderten, Farbigen und Frauen hinzuweisen. Und es geht auf gar keinen Fall, dass die Eltern zu diesem neuen Bildungsplan nicht gehört werden. Bürgerbeteiligung heißt nicht, dass nur Polit- oder Kirchenfunktionäre gehört werden, sondern das bedeutet, dass die Bürger und Bürgerinnen gehört werden. Deshalb ist es auch klug, dieses Thema um mindestens ein Jahr zu verschieben, um mittels Gesprächen, Veranstaltungen, etc. die Bevölkerung mitzunehmen. Das ist der erste vernünftige Schritt, dem Weitere folgen müssen. ___________________ Nachtrag: Tatsächlich hat inzwischen auch Herr Kretschmann Korrekturen angemeldet.

Bildung ist auch Erziehung: @ Joerg Krauß Bei allem Reiz, der von Ihrer Idee ausgeht: bei uns zu Hause entscheiden nicht die Kinder über die Erziehung. Ich gebe Ihnen jedoch insofern Recht, dass auch deren Stimme gehört werden sollte: Doch diese Stimme kann aus vielen Gründen nicht gleichberechtigt zu den beteiligten Erwachsenen und schon gar nicht alleinbestimmend sein. Zu begrüßen wäre allerdings eine (ergebnis-)offene Diskussion, frei von (z.B. religiösen, persönlichen, etc.) Vorbehalten. Zumindest müsste eine Regierung hellhörig werden, wenn ein Element des neuen Bildungsplanes soviele Menschen auf die Straße zwingt, welcher Position auch immer. Eine Politik des Gehörtwerdens eben...

Wo kämen wir denn hin: werter Herr Krauß, wenn die Menschen plötzlich auf die Idee kämen, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln? Wieso sollte man die Jungen denn ausgerechnet zu ihrer eigenen Bildung befragen, wo doch nicht mal die Alten ohne staatliche Aufsicht eine Senioren-WG führen sollen? Das Gesetz heißt sinnigerweise "Teilhabegesetz" und hat ausschließlich den Zweck die Teilhabe der von Ihnen Aufgelisteten am Leben der normalen Bürger zu regeln. Ansonsten schließe ich mich gerne Ihrem frommen Wunsch an. http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.wohn-teilhabe-und-pflegegesetz-das-land-will-der-vorreiter-sein.03397c52-5f21-4d4a-a988-0a588cd9f197.html

@Franziska Theissen: Schätze mal, das passt nicht ins Weltbild der Linken und der Grünen.

es ist doch ganz einfach: die toleranz und akzeptanz zur sexuellen vielfalt ersetzen durch toleranz gegenüber allen minderheiten und das thema wäre sofort vom tisch.

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