Nach der Volksabstimmung Bahn-Chef Grube will Barrieren überwinden

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Nach der Volksabstimmung sieht die Deutsche Bahn AG die Landesregierung unter Druck – und fordert bei Stuttgart 21 aktive Unterstützung ein.

Berlin - Dieses breite Schmunzeln, umrahmt von einem notorischen Dreitagebart, ist ja längst zu einer Art Markenzeichen des Bahn-Vorstands Volker Kefer geworden. An diesem Montag wirkt es noch breiter, noch selbstsicherer. Und das liegt nicht an der strahlenden Wintersonne, die sich in der Glasfassade des Berliner Bahn-Towers am Potsdamer Platz spiegelt.

Das Schmunzeln explodiert förmlich, als einer der Journalisten, die zur Pressekonferenz in der 22. Etage der Konzernzentrale erschienen sind, fragt, ob die Herren Vorstände der Deutschen Bahn AG denn bei ihrer Sitzung an diesem Vormittag Champagner getrunken hätten. Kefers Vorgesetzter, der Bahn-Chef Rüdiger Grube, bestreitet das prompt. Ihm ist nicht daran gelegen, "Champagnerlaune" zur Schau zu tragen. Aber die Mimik seines Vorstandskollegen erübrigt alle triumphalen Gesten und Kommentare, welche sich die beiden Herren tatsächlich verkneifen.

Wählerauftrag an die Landesregierung

Grubes Aussagen zum Volksvotum klingen beinahe demütig. Die Bahn habe bei dem Konflikt über Stuttgart 21 "auch viel gelernt", sagt er und nennt als Beispiel, "dass man viel mehr aufeinander zugehen muss" und "nicht immer mit dem Kopf durch die dicke Wand" dürfe. Der oberste Eisenbahner bekundet allen Gegnern des Projekts Respekt, dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in Stuttgart sogar einen besonderen Dank: "Ihre Meinung war uns in den vergangenen Monaten immer sehr wichtig." Der Dialog mit Kritikern solle "auf keinen Fall" beendet sein, sagte Rüdiger Grube. Künftig dürfe es aber "kein Gegeneinander" mehr geben, "sondern ein Miteinander".

Kefer ist es dann vorbehalten, die Geschäftsbedingungen zu definieren, zu denen das Projekt jetzt realisiert werden soll. Er richtet seine Worte zunächst an die Landesregierung. Das Ergebnis der Volksabstimmung bedeute auch einen "Wählerauftrag" an deren Adresse. "Man kann nicht eine Volksabstimmung anstoßen, zur Kenntnis nehmen, dass 60 Prozent für Stuttgart 21 sind, und dann einfach so weiter machen wie bisher", sagt Grube.

Das Bahnhofsprojekt kritisch zu begleiten, reiche nicht mehr aus. "Wir erwarten aktive Unterstützung durch das Land", fordert Grube. Dabei gebe es "noch einige Barrieren zu überwinden". An manchen Stellen hätten die Beteiligten "noch an ihrer Einstellung zu arbeiten". Man müsse jetzt "einen Modus vivendi für die Zukunft finden". Es gehe darum, sich über "Meilensteine und Leitplanken" zu verständigen.

Ein pünktliches Projektende ist nicht sicher

Zum vorsorglichen Veto der Landesregierung gegen eine Beteiligung an eventuellen Mehrkosten betont Bahn-Chef Grube, es dürfe sich bei dieser Frage "keiner in die Ecke stellen und sagen: ,Ich nicht"'. Die Bahn werde das Vorhaben auf jeden Fall zu Ende bauen und sich im Konfliktfall hinterher um die Übernahme der Kosten streiten. Doch es sei "hochgradig unprofessionell" jetzt schon voraussagen zu wollen, wie hoch die Rechnung in zehn Jahren ausfallen werde.

Volker Kefer sagt, er wolle sich bemühen "gemeinsam mit allen Projektpartnern zunächst einmal Kosten zu vermeiden". Ein Projekt wie Stuttgart 21 stehe aber "immer unter Risikovorbehalt". Die von Gegnern genannte Zahl von neun Milliarden Euro Gesamtkosten bezeichnet Kefer als "Spekulation". Davon könne überhaupt keine Rede sein.

Im neuen Jahr will die Bahn gleich mit dem Abriss des Südflügels beginnen. Bahn-Chef Grube will sich aber nicht festlegen, ob das Milliardenprojekt pünktlich bis 2019 realisiert sein wird. "Ende 2019 fertig zu werden, ist eine große Herausforderung", betont er. Er wolle seine "Hände dafür nicht ins Feuer legen". Die bisherigen Verzögerungen - zunächst wegen der Schlichtung, später in der Startphase der neuen Landesregierung - habe nicht die Deutsche BahnAG zu verantworten. Unklar bleibt, ob das Projekt deswegen insgesamt um ein Jahr in Verzug gerät. Grube sagt dazu: "Hexen können wir nicht."


Projekt Stuttgart 21 und die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm sind das momentan größte Schieneninfrastrukturprojekt in ganz Europa. Für insgesamt mehr als sieben Milliarden Euro werden 117 Kilometer Schiene verlegt, zu großen Teilen in Tunnels. Allein in der Landeshauptstadt entstehen drei neue Zugstationen - der neue Tiefbahnhof und der S-Bahn-Halt Mittnachtstraße in der Innenstadt sowie ein neuer ICE-Bahnhof am Flughafen. Auf den im Talkessel frei werdenden Gleisflächen von rund 100 Hektar sollen in zehn, fünfzehn Jahren die Parks deutlich erweitert werden und neue Stadtquartiere entstehen.

Fahrplan Offiziell begonnen worden ist mit dem Bau von Stuttgart 21 im Februar 2010. Rund 25 Prozent aller Aufträge sind vergeben, die Vergabe weiterer Großaufträge, speziell für Tunnelbauarbeiten, steht unmittelbar bevor. Von Januar an wird mit dem Abriss des Südflügels am Hauptbahnhof gerechnet; im Schlossgarten steht dann auch die Versetzung und Fällung von Bäumen an. Für Herbst ist der Anstich für den Fildertunnel zwischen Hauptbahnhof und Flughafen geplant. Nach ursprünglicher Planung sollten die ersten Züge 2019 auf der neuen Strecke fahren.