Nach Japan-Katastrophe Mediale Plattenverschiebung

Julia Schröder, 14.03.2011 06:41 Uhr

Stuttgart - Die Freunde der Volksmusik wurden um Verständnis gebeten - und wer hätte das nicht aufbringen mögen? Als am Samstagnachmittag klar wurde, dass zur schweren Naturkatastrophe, die Japan ereilt hatte, sich auch noch die menschengemachte eines explodierenden Atomreaktors samt Kernschmelze gesellen würde, sah die ARD die Zeit gekommen, die Live-Ausstrahlung der Jubiläumssendung des "Musikantenstadls" zu kippen und die Berichterstattung des Tages einfach fortzusetzen: mit einem "Brennpunkt" zum drohenden GAU in Fukushima, der Dokumentation "Tschernobyl - Der GAU und die Ohnmacht der Politik" und einer Sonderausgabe der "Tagesthemen".

ARD und ZDF, der Ereigniskanal Phoenix, die Nachrichtensender n-tv und N24- sie alle versuchten das ganze Wochenende lang, die Zuschauererwartung auf Rundum-Aufklärung zu befriedigen. Es wäre ihnen auch kaum etwas anderes übrig geblieben. Seitdem am frühen Freitagmorgen die ersten Bilder von Erdbeben- und Tsunamischäden in die internationalen Nachrichtenkanäle eingelaufen waren, wuchs in den Redaktionen stündlich das Bewusstsein, es hier mit Ereignissen zu tun zu haben, die die ganze Welt betreffen.

Entsprechend global verteilte sich das Zuschauerinteresse. Die deutschen TV-Sender fanden sich wieder in der Konkurrenz mit CNN, BBC - und nicht zuletzt Al-Dschasira; der arabische Sender erkannte und nutzte die Gelegenheit, sich als weltweit breit aufgestellter Nachrichtenkanal zu profilieren.

Google macht sich nützlich

Für Al-Dschasira dürfte das Beben in Japan, zusammen mit der exzellenten Berichterstattung über den demokratischen Aufbruch in Nordafrika, zum Initial werden. Die Truppe in Doha mit ihrem Korrespondentennetz auf allen Kontinenten ist in die Riege der Global Player aufgerückt.

Was an diesem Wochenende aber auch geschleift wurde, das waren die vorurteilsbeladenen Bastionen zwischen "neuem" und "altem" Journalismus. Freilich, im Internet ergoss sich in den sozialen Netzwerken die Hilflosigkeit von Millionen wie üblich in gut gemeinte, aber sinnlose Beileidsbekundungen, wogegen Google sich nützlich machte mit seinem Angebot, Vermisste aufzuspüren. Vor allem aber fungierte Twitter tatsächlich als Kurznachrichtendienst. Hier liefen die ersten Meldungen über die Erdstöße, hier machte der New-Media-Guru Jeff Jarvis Vorschläge, wie man Augenzeugenberichte von anderen Mitteilungen unterscheiden könne, hier versorgten die Mitglieder einander mit Tipps, wo neue, interessante Fakten, Bilder, Videos und Einschätzungen zu finden waren - und von welchen Anbietern.

Und nicht wenige von denen waren wiederum die guten alten Fernsehstationen und Zeitungen, beziehungsweise deren Internet-Präsenzen. Während also die Fernsehsender zusätzlich zu ihrem ausgestrahlten Programm im Netz via Livestream aus Japan auf dem Laufenden hielten, kamen auf diese Weise die Netizens immer wieder auf das zurück, was irgendwo in der analogen Welt erarbeitet worden war.

Oder bei Twitterern wie einem Berliner namens "datenschreck". "Der kann japanisch und übersetzt die Nachrichten von da", hatten einflussreiche Blogger mitgeteilt, "Der Freitag" und andere Tweets von Redaktionsblogs griffen das auf - und kurz drauf fragte der Überraschte: "Ich werde gerade von Followern überrannt, wer hat mich dankbarerweise empfohlen?"