Nachruf auf Christoph Schlingensief
Tausendsassa und Sinnsucher
Jan Ulrich Welke,
21.08.2010 18:59 Uhr
Foto: ap
1988 verfilmte er für das ZDF zum ersten Mal ein fremdes Drehbuch. Weitere eigene Filme wie das "Deutsche Kettensägenmassaker" folgten, 1993 sein Debüt als Theaterregisseur an der Berliner Volksbühne, wo er seit 1996 Hausregisseur war.
Daneben trat Christoph Schlingensief als Hörspielautor, Aktions- und Performancekünstler, Talkmaster bei RTL, als Partei- und Kirchengründer, Containerinstallateur, Buchautor, Opernregisseur, Revuekünstler und Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig hervor.
"Es ist die Manifestation dessen, dass man sich um seinen eigenen Fluss kümmern muss", erklärte Christoph Schlingensief vor einigen Jahren einmal in einem langen Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung seine unerschöpfliche Motivation. Wo er war, war zunächst einmal Furor. Reizüberflutung, Spektakel, Drastik, Provokation, Tabubrüche in Serie, Entgleisungen, Infernalisches und Kakofonisches hießen die Ingredienzen seiner Regieführung. Bisweilen geriet darüber in Vergessenheit, dass Schlingensief auch ein sehr nachdenklicher, sehr wohl reflektierender und sensibler Sinnsucher war, dem es natürlich auch, aber nicht nur auf die plakative Signalwirkung ankam.
Seine Ernsthaftigkeit war so ausgeprägt, dass sie in seinen Arbeiten häufig – verstärkt durch sein Faible für die Kunsttheorie – schwer verständlich, vergeistigt und ideenüberfrachtet wirkte. Die völlige Absenz von Selbstzweifeln des für gewöhnlich wie ein Wasserfall quatschenden und sich manchmal sehr anstrengend gebärdenden Schlingesief tat ihr übriges.
Und dennoch: seine Inszenierungen führten ihn an die Wiener Burg, das Zürcher Schauspielhaus, den Operntempel in Bayreuth – keine der Gralsburgen der deutschsprachigen Hochkultur, an der er nicht gearbeitet hätte. Stets konnte er auf glänzend besuchte Vorstellungen verweisen, heimste für seine Filme und Theaterarbeiten – auch – jede Menge Kritikerlob und für seine Hörspiele die beiden bedeutendsten Auszeichnungen ein, den Hörspielpreis der Kriegsblinden und den Prix Futura.
Ebenso bemerkenswert war sein Engagement für die Außenseiter der Gesellschaft, für Drogensüchtige, Obdachlose und Behinderte, die er in seine Filme, Inszenierungen und Performances immer wieder mit einbezog.
Wirklich verblüffend waren jedoch die unglaublich fesselnde Sogwirkung seiner Arbeiten, die unbremsbare Dynamik und die opulenten Bilderfluten, die Bühnenästhetik, das Tempo und die Dramatik, die immer neuen Imaginationswelten, das Exaltierte und Orgiastische, die verstörende, aber so energische Wucht, mit der er alles auf den Betrachter einprasseln ließ. Man musste Christoph Schlingensief aushalten können, aber dann war er grandios. "Ein Endergebnis? Das kann es nie geben", sagte er in unserem Gespräch über sein Verständnis der Kunst.
Rastlos weitergemacht hat der Weltensucher und -bummler daher bis zuletzt; trotz – und auch gerade wegen – der Lungenkrebserkrankung, die Anfang 2008 bei ihm diagnostiziert wurde und die er fortan in den Mittelpunkt seiner Arbeiten stellte, die nun in einer zuvor nie erlebten Ernsthaftigkeit vor allem auch um religiöse Grenzerfahrungen kreisten und seine spät entdeckte Liebe zum afrikanischen Kontinent kreisten, wo er in Burkina Faso als sein materielles Vermächtnis ein von ihm initiiertes Opernfestspielhaus hinterlässt.
Ein Endergebnis, ein viel zu frühes, gab es für Christoph Maria Schlingensief dann leider doch. Nachdem ihm 2008 bereits ein Lungenflügel entfernt wurde und der Krebs 2010 erneut ausbrach, ist der geniale Entertainer im Alter von nur 49 Jahren in Berlin am 21. August an den Folgen der Krankheit gestorben.
Daneben trat Christoph Schlingensief als Hörspielautor, Aktions- und Performancekünstler, Talkmaster bei RTL, als Partei- und Kirchengründer, Containerinstallateur, Buchautor, Opernregisseur, Revuekünstler und Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig hervor.
"Es ist die Manifestation dessen, dass man sich um seinen eigenen Fluss kümmern muss", erklärte Christoph Schlingensief vor einigen Jahren einmal in einem langen Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung seine unerschöpfliche Motivation. Wo er war, war zunächst einmal Furor. Reizüberflutung, Spektakel, Drastik, Provokation, Tabubrüche in Serie, Entgleisungen, Infernalisches und Kakofonisches hießen die Ingredienzen seiner Regieführung. Bisweilen geriet darüber in Vergessenheit, dass Schlingensief auch ein sehr nachdenklicher, sehr wohl reflektierender und sensibler Sinnsucher war, dem es natürlich auch, aber nicht nur auf die plakative Signalwirkung ankam.
Absenz von Selbstzweifeln
Seine Ernsthaftigkeit war so ausgeprägt, dass sie in seinen Arbeiten häufig – verstärkt durch sein Faible für die Kunsttheorie – schwer verständlich, vergeistigt und ideenüberfrachtet wirkte. Die völlige Absenz von Selbstzweifeln des für gewöhnlich wie ein Wasserfall quatschenden und sich manchmal sehr anstrengend gebärdenden Schlingesief tat ihr übriges.
Und dennoch: seine Inszenierungen führten ihn an die Wiener Burg, das Zürcher Schauspielhaus, den Operntempel in Bayreuth – keine der Gralsburgen der deutschsprachigen Hochkultur, an der er nicht gearbeitet hätte. Stets konnte er auf glänzend besuchte Vorstellungen verweisen, heimste für seine Filme und Theaterarbeiten – auch – jede Menge Kritikerlob und für seine Hörspiele die beiden bedeutendsten Auszeichnungen ein, den Hörspielpreis der Kriegsblinden und den Prix Futura.
Ebenso bemerkenswert war sein Engagement für die Außenseiter der Gesellschaft, für Drogensüchtige, Obdachlose und Behinderte, die er in seine Filme, Inszenierungen und Performances immer wieder mit einbezog.
Sogwirkung seiner Arbeiten
Wirklich verblüffend waren jedoch die unglaublich fesselnde Sogwirkung seiner Arbeiten, die unbremsbare Dynamik und die opulenten Bilderfluten, die Bühnenästhetik, das Tempo und die Dramatik, die immer neuen Imaginationswelten, das Exaltierte und Orgiastische, die verstörende, aber so energische Wucht, mit der er alles auf den Betrachter einprasseln ließ. Man musste Christoph Schlingensief aushalten können, aber dann war er grandios. "Ein Endergebnis? Das kann es nie geben", sagte er in unserem Gespräch über sein Verständnis der Kunst.
Rastlos weitergemacht hat der Weltensucher und -bummler daher bis zuletzt; trotz – und auch gerade wegen – der Lungenkrebserkrankung, die Anfang 2008 bei ihm diagnostiziert wurde und die er fortan in den Mittelpunkt seiner Arbeiten stellte, die nun in einer zuvor nie erlebten Ernsthaftigkeit vor allem auch um religiöse Grenzerfahrungen kreisten und seine spät entdeckte Liebe zum afrikanischen Kontinent kreisten, wo er in Burkina Faso als sein materielles Vermächtnis ein von ihm initiiertes Opernfestspielhaus hinterlässt.
Ein Endergebnis, ein viel zu frühes, gab es für Christoph Maria Schlingensief dann leider doch. Nachdem ihm 2008 bereits ein Lungenflügel entfernt wurde und der Krebs 2010 erneut ausbrach, ist der geniale Entertainer im Alter von nur 49 Jahren in Berlin am 21. August an den Folgen der Krankheit gestorben.
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