Nachruf auf Karlheinz Böhm Kaiser, Bürger, Menschenfreund

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Zum Tod des großen österreichischen Schauspielers und Entwicklungshelfers Karlheinz Böhm. Er hat lange gesucht, um seine Berufung und die Frau seines Lebens zu finden.

Im Jahr 2011 übergibt Karlheinz Böhm die Geschäfte an seine Frau Almaz. Foto: dpa
Im Jahr 2011 übergibt Karlheinz Böhm die Geschäfte an seine Frau Almaz.Foto: dpa

Salzburg - Wüllersdorf trat ein und sah auf den ersten Blick, dass etwas vorgefallen sein müsse“, heißt es im 27. Kapitel von Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“. Gleich wird der Geheimrat erfahren, dass sein Freund Innstetten ein Duell anstrebt. Wüllersdorfs erste, erschrockene Reaktion ist, dass er „Muss es sein?“ fragt – und innerlich verneint. Seine zweite Reaktion als Mann des späten neunzehnten Jahrhunderts ist, dass er die Dinge bürgerlich ordnet. So kommt er mit sich überein, dass die Welt nun einmal sei, „wie sie ist“, und dass die Dinge nicht verlaufen, „wie wir wollen“. Wüllersdorf ist für Sekunden fast ein Visionär und über seine Zeit hinaus, fällt dann aber in ein altes, standesgemäßes Muster zurück. Er fügt sich.

Karlheinz Böhm spielte den Wüllersdorf in der wunderbar eigenen Schwarz-Weiß-Verfilmung von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974, als ob er sehr gut wusste, wie das ist, wenn man erst in ein anderes Denkmodell und dann in ein anderes Leben springen will – und doch noch einmal zaudert. Das war ein Kunststück – und auch nicht. Denn Karlheinz Böhm spielte hier sich selbst. Zu Fassbinder gekommen war er aus Begeisterung und Verzweiflung. Er mochte die radikalen Filme des Regisseurs, wie er seine eigenen Rollen, die meisten davon in braven bis biederen Produktionen, verabscheute. Genau genommen war er immer noch auf der Flucht vor dem jungen Kaiser Franz Joseph aus den „Sissi“-Filmen der Endfünfzigerjahre, in denen der Kitsch unter der manipulierenden Hand des Inszenators Ernst Marischka arg wucherte.

Fassbinder wollten einen gefühlskalten Protagonisten

Fassbinder hingegen mit seinem oft untrüglichen Instinkt besetzte Böhm bis hin zu „Mutter Küsters Fahrt zum Himmel“ in lauter Anti-Rollen: Er wollte ihn als sadistischen Mann in den furchtbaren Eheszenen von „Martha“, oder als Emotionsverschlucker in „Effi Briest“. So fand der Schauspieler Karlheinz Böhm endlich zu einer tragischen Größe, die ihm zuvor nur ein anderer Regisseur (Michael Powell 1960 in „Peeping Tom“) zu erreichen gestattet hatte. Aber Böhms wahre Bestimmung war auch das rückblickend noch nicht.

Es war überhaupt lange nicht leicht gewesen für den am 16. März 1928 in Darmstadt geborenen Österreicher Karlheinz Böhm, eine Richtung im Berufsleben einzuschlagen. Der Weg in die Musik, den er zunächst als Pianist hatte gehen wollen, erwies sich trotz früher Förderung und erwiesenem Talent als blockiert: Sein Vater war der Dirigent Karl Böhm, seine Mutter die Sopranistin Thea Linhard, der eine noch berühmter als die andere. Überall wo Karlheinz Böhm hätte hinwollen können, waren seine Eltern, vor allem Papa, schon gefeiert worden.