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Stuttgart - ÜberKim Jong-il macht man keine Witze, findet Lee Yong-guk. Wenn es um den "Geliebten Führer" geht, hat der 50-Jährige nie Spaß verstanden. Nicht damals, als er Kims Bodyguard war und für den vergötterten Landesvater bereitwillig sein Leben gegeben hätte. Und auch nicht später, als er von Kims Grausamkeiten desillusioniert nach Südkorea desertierte, wo der nordkoreanische Tyrann allgemein als Witzfigur gilt.
Dabei hat Lee in Kims Dienst viele Momente erlebt, die man mit genügend Abstand komisch finden könnte. "In seiner Jugend war Kim ein großer Trinker und ist nachts besoffen in seinem Mercedes über das Palastgelände gerast", erzählte Lee kürzlich dieser Zeitung. "Wir Leibwächter hatten immer Panik, dass ihm etwas passiert und wir ihm helfen müssen." Wenn Kim betrunken oder schlecht gelaunt war, wollte man ihm nicht unter die Augen kommen.
Kim der Unberechenbare
Als er sich einmal im Suff dazu hinreißen ließ, es vor den Augen eines Freundes mit einem seiner Lustmädchen zu treiben, zitierte er diesen angeblich am nächsten Tag in sein Büro, gab ihm einen Revolver und forderte ihn auf, sich zu erschießen. Selbst enge Vertraute vermieden deshalb ungeplante Begegnungen. "Ich habe oft beobachtet, wie Minister hinter Mauern oder Bäume flüchteten, wenn Kim im Anmarsch war", erinnert sich Lee. "Niemand wollte alleine seiner Unberechenbarkeit ausgesetzt sein."
Kim der Unberechenbare. Kim der Grausame. Kim der Komische. Nun ist Nordkoreas Diktator im Alter von 69 Jahren gestorben. Schon am Samstag soll er während einer Inspektionsreise in seinem Sonderzug einem Herzinfarkt erlegen sein, gab das nordkoreanische Staatsfernsehen am Montag bekannt. "Es ist der größte Verlust für unsere Partei und der größte Trauerfall für unser Volk und Land", erklärte eine in Schwarz gekleidete Nachrichtensprecherin unter Tränen. Das Volk müsse nun "unsere Traurigkeit in Stärke umwandeln und unsere Schwierigkeiten überwinden".
Über den Rest der Welt wissen die Nordkoreaner wenig
Schwierigkeiten hinterlässt Kim Jong-il im Übermaß. Die Demokratische Volksrepublik Korea ist eines der ärmsten Länder der Welt. Während es bei den Nachbarn Südkorea und China boomt, leidet ein großer Teil der Nordkoreaner an Unterernährung. Vom Ausland schottet sich der Staat nach Kräften ab. Über den Rest der Welt wissen die Nordkoreaner wenig, dafür müssen sie die Propaganda ihres Regimes auswendig lernen. Wer ideologisch nicht auf Linie ist, wird brutal bestraft. Der Kalte Krieg ist in Nordkorea noch immer in vollem Gange. Kim Jong-il wollte es so.
Denn obwohl er wegen seiner absonderlichen Erscheinung - Plateauschuhe und enge Armeeanzüge, abstehende Haare und große Sonnenbrillen - oft als weltpolitische Witzfigur betrachtetet wurde, war er ein Tyrann alter Schule. "Kim verstand es, die Menschen in seiner Umgebung in permanenter Angst zu halten", sagt Gwon Hyoek, ein früherer nordkoreanischer Geheimagent, der einst zu Kims innerem Zirkel gehörte und heute ebenfalls in Südkorea lebt. "Für interne Zwecke hatte er seine Sicherheitsdienste, die jeden Nordkoreaner nach Belieben terrorisieren konnten, und für die Außenpolitik hatte er die Atombombe." Mit den Nuklearwaffen, die Nordkorea 2006 und 2009 testete, konnte Kim die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die großen Nationen - allen voran China und die USA - gegeneinander ausspielen.
Kim senior war als Vaterfigur übermächtig
Es ist das Diktatorenhandwerk, das Kim von seinem Vater Kim Il-sung (1912-1994) gelernt hatte - und an dem er sich ein Leben lang abarbeitete. Denn Kim senior war als Vaterfigur übermächtig: ein kommunistischer Revolutionär der ersten Stunde, der sein Land von der japanischen Kolonialherrschaft befreite; ein Hüne von Mann, dessen Persönlichkeit jeden Saal ausfüllte; ein Charismatiker, der Frauen verzaubern und Männer in Schlachten treiben konnte - wie es hieß. Kim junior hatte keine andere Wahl, als dem Vater nachzueifern.
Geboren wurde Kim Jong-il am 16. Februar 1942 in einem Militärlager in der Sowjetunion, wo die Truppen seines Vaters Zuflucht vor den Japanern gefunden hatten. Nordkoreas Geschichtsschreibung berichtet heute allerdings von einer Geburt nach messianischem Vorbild: Kims Mutter soll in einer schäbigen Holzhütte an Koreas heiligem Berg Paekdu niedergekommen sein. Das Haus ist eine nationale Wallfahrtsstätte, und Darstellungen vom Berg Paekdu sind fester Bestandteil der propagandistischen Ikonografie.
Der natürliche Machterbe
Kims Mutter starb, als er sieben Jahre alt war, und der Junge war fortan mit seinem Vater allein. Die Unterschiede von Kim dem Älteren und Kim dem Jüngeren waren stets augenscheinlich. Kränklich und schüchtern soll Kim Jong-il gewesen sein und vergeblich um die Anerkennung des Vaters gerungen haben. Als einziger Sohn war er dennoch der natürliche Machterbe. 1964 begann Kim seine Karriere in der Arbeiterpartei, in den Abteilungen für Propaganda und Ideologie. 1974 wurde er ins Politbüro gewählt und führte die Parteijugendorganisation der "Revolutionären Brigaden". Mit 38 Jahren bekam er die Leitung des Politbüros, des Parteisekretariats und der Militärkommission übertragen - damit wurde er zur Nummer zwei im Staat und zum designierten Nachfolger.
Wie dem Vater wurde auch dem Sohn ein Personenkult auf den Leib geschnitten. Er erhielt den Titel "Geliebter Führer". Lieder wurden auf ihn gedichtet. 1982 wurde sein Geburtstag zum Staatsfeiertag erklärt und von 1986 an auf zwei Tage ausgedehnt. Das Propagandaministerium verbreitete Geschichten über seine übermenschlichen Fähigkeiten: Während des Studiums soll er täglich ein Buch geschrieben und immerhin sechs Opern verfasst haben. In der Schule wurde sein Leben als Schulfach eingeführt. Unterrichtseinheiten sind: der überragende Theoretiker, der Held des Volkes, der erfahrene Staatslenker, das Organisationsgenie, der Unterstützer des einfachen Volkes, das Idol aller Völker. Hebammen sollten Müttern nach der Geburt einen Löffel Honig in den Mund stecken, mit dem Hinweis, dies sei ein Geschenk des lieben Führers.


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