Nachruf auf Umberto Eco Addio, Capitano!

Von Henning Klüver 

Philosoph, Semiotiker, Kolumnist, intellektuelle Instanz: Umberto Eco hat in vielen Rollen geglänzt. Weltruhm erlangte der nun verstorbene 84-Jährige jedoch als Schriftsteller mit dem Roman „Der Name der Rose“. Ein Nachruf.

Er kannte sich mit Gott und der Welt aus: Umberto Eco (1932–2016). Foto: AFP
Er kannte sich mit Gott und der Welt aus: Umberto Eco (1932–2016).Foto: AFP

Mailand - Er war ein Philosoph und verschlang Comics. Leidenschaftlich diskutierte er Fragen der Zeichentheorie, und ebenso passioniert mischte er sich in Debatten über Populärkultur ein. Um diese zu verstehen, so sagte er einmal, müsse man sie lieben. Bissig kommentierte er Fragen der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung, mit Witz würzte er jede private Unterhaltung. Er sammelte alte Bücher, und kurz vor seinem Tod gründete er noch einen neuen Verlag. Umberto Eco ist am Freitagabend mit 84 Jahren in seiner Mailänder Wohnung gestorben. Italien und die ganze kulturelle Welt trauern um einen großen Intellektuellen.

Vier Städte prägten Ecos Leben. Alessandria im Piemont, wo er am 7. Januar 1932 in einer kleinbürgerlichen Familie geboren wurde und aufwuchs. Das aufstrebende Mailand, wohin er nach dem Studium in Turin zog und seinen Lebensmittelpunkt fand. Die Universitätsstadt Bologna, wo er einen Doktorandenstudiengang für humanistische Studien aufbaute und bis zur Emeritierung 2008 Semiologie lehrte. Und schließlich Paris, die Kulturhauptstadt Europas, als eine Art Refugium.

Sein Philosophiestudium schloss Eco 1954 mit einer Doktorarbeit über die Ästhetik von Thomas von Aquin ab. Im selben Jahr nahm er in Mailand eine Stelle in der Kulturredaktion des TV-Senders RAI an. Die lombardische Metropole zeigte sich in jenen Jahren als das kulturelle Zentrum Italiens, wo Luciano Berio die Gegenwartsmusik prägte, Giorgio Strehler und Dario Fo auf jeweils eigenen Wegen das Theater erneuerten, die Galerienszene boomte und Giangiacomo Feltrinelli einen Verlag gründete, der für viele junge Intellektuelle ein ­Bezugspunkt wurde.

Der akademischen Welt war der Tausendsassa suspekt

In diesem fiebrigen Klima entwickelte Umberto Eco ein breit gefächertes Interesse, das von der mittelalterlichen Ästhetik über die Massenkultur bis zur Avantgarde reichte. Ihn prägten die Schriften der literarischen Moderne eines James Joyce ebenso wie die fantastischen Erzählungen eines Jorge Luis Borges. Belege findet man in einer Reihe von brillanten Kurzessays („Diario minimo“), die auf Deutsch später unter dem Titel „Platon im Stripteaselokal“ erschienen. 1962 veröffentlichte Eco die wissenschaftliche Abhandlung „Offenes Kunstwerk“ über die Rolle des Lesers. Der Text spielte auch in der Theoriediskussion der avantgardistischen Gruppe 63 eine wichtige Rolle, die von ihm, Nanni Balestrini, Edoardo Sanguineti und anderen gegründet wurde, sich aber nach wenigen Jahren wieder auflöste. Zu der Zeit hatte Eco bereits seine Stellung beim Fernsehen aufgegeben und war als Lektor für Sach­bücher in den Mailänder Verlag Bompiani eingetreten. Hier lernte er auch die Frankfurter Designerin und Expertin für Kunstdidaktik Renate Ramge kennen, die er 1962 heiratete. Aus der Ehe sind zwei Kinder hervorgegangen.

Der traditionellen akademischen Welt war dieser kulturelle Tausendsassa suspekt. Nach Lehraufträgen an verschiedenen Universitäten wurde er deshalb erst relativ spät, mit vierzig Jahren, in Bologna auf den Lehrstuhl für Semiotik berufen. 1975 erschien sein „Entwurf einer Theorie der Zeichen“ – ein Standardwerk des Faches.

Das Thema der Erinnerung, das später auch in seinen Romanen eine große Rolle spielen sollte, wurde jetzt zentral. Und damit der Begriff Kultur, die sich mit der Erinnerung identifiziert. Fast gebetsmühlenhaft wiederholte er in Gesprächen: „Wenn man so will, ist die Bibliothek das Sinnbild von Kultur. Oder auch das Museum. Kultur ist Gedächtnis, Aufbewahrung von Begriffen der Vergangenheit, auch von den falschen.“ Dazu, so Eco, gehöre aber auch, dass man trennen muss zwischen wichtigen und unwichtigen Erinnerungen, dass man also vergessen können muss.

  Artikel teilen
0 KommentareKommentar schreiben
Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.