Nachruf Kurt Weidemann ist tot

Amber Sayah, 31.03.2011 14:18 Uhr

Stuttgart  - Für zahlreiche große Konzerne hat er die Firmenlogos entworfen. Wer sieht, wenn von der Deutschen Bahn AG die Rede ist, nicht diese zwei roten Buchstaben auf weißem Grund vor sich, die das Unternehmen optisch so einprägsam auf den Punkt bringen? Wer kennt nicht den Porsche-Schriftzug, diese etwas gestauchten, und dennoch schlanken Lettern, in denen die geballte Kraft der PS-starken Flitzer des Stuttgarter Autobauers in Typografie übersetzt zu sein scheint? Wer nicht die kristallin-plastische Form des Sterns und dazu die edle Corporate-Schrift, die Kurt Weidemann für Daimler-Benz entwickelt hat?

 Ein Markenzeichen war der Stuttgarter Grafikdesigner Kurt Weidemann, einer der international führenden Köpfe seines Fachs, aber auch selber. Unverwechselbar seine hagere Erscheinung unter dem schwarzen Schlapphut, den er ungefähr so oft absetzte wie seinerzeit Joseph Beuys den Filzhut – sprich: so gut wie nie –, unübersehbar die knallroten Schuhe und das Lorgnon um den Hals, unwiderstehlich sein scharfzüngiger Humor und seine Selbstironie.

Wenn es einen Typografen-Büchmann gäbe, würde gewiss Weidemanns geflügeltes Wort darin Eingang finden, dass ein Zeichen immer dann gut sei, „wenn man es mit dem großen Zeh in den Sand kratzen kann“. Dies als Erwiderung auf einen Vorsitzenden der Bankgesellschaft Berlin, der das von dem Designer für das Unternehmen entworfene Logo aus drei gekreuzten Balken einfallslos fand.

Stuttgart verliert einen seiner "buntesten Hunde"

Kein Zweifel, die Stuttgarter Kulturwelt und die Stuttgarter Society verlieren mit Kurt Weidemann einen ihrer „buntesten Hunde“, wie sein Biograf Arne Braun ihn einmal genannt hat. Und ohne bunte Hunde ist das Leben aller Voraussicht nach ärmer, langweiliger aber auf jeden Fall.

Ein heimisches Gewächs war der ehemalige Grafikdesign-Professor der Stuttgarter Kunstakademie nicht, sondern eher ein heimisch gewordenes – zu merken schon an seinem eindeutig unschwäbischen Zungenschlag. Geboren 1922 in Masuren im fernen Ostpreußen, verbrachte er seine Schul- und Lehrzeit in Lübeck.

1940 zog er als Freiwilliger an die Ostfront, entging dort im Schützengraben nur knapp dem Tod und geriet bei Kriegsende in russische Gefangenschaft. Über diese Jahre hat er spät in seinem Leben, in den 2002 unter dem Titel „Kaum ICH“ veröffentlichten Feldtagebüchern, Auskunft gegeben.

Fast von der Hochschule geflogen

Wieviel Lebenszeit sie ihn tatsächlich gekostet haben, deutete er einmal halb im Scherz, halb im Ernst in einem Interview zu seinem fünfundachtzigsten Geburtstag an. In Wahrheit, sagte er damals, sei er bereits 105. Denn die Kriegsjahre zählten doppelt, die Jahre als Kriegsgefangener in Russland sogar dreifach.

Als Nachgeborener konnte man sich nie ganz des Eindrucks erwehren, dass diese Zeit der Fron sich seiner Gestalt für immer eingeschrieben hatte: Er, der leiblichen Genüssen ganz und gar nicht abgeneigt war, hatte die Physis eines Hungerkünstlers. Das Leben, das er in einem zur Ideen- und Denkwerkstatt umgebauten Stellwerk am Stuttgarter Westbahnhof führte, war keineswegs weltabgewandt, sondern das eines fröhlichen und bemerkenswert geselligen Eremiten.

Auch öffentlichen Debatten ging er nicht aus dem Weg, wenn er sich angesprochen fühlte. Als er Ende der sechziger Jahre drei Studenten, die linke Parolen an die Flurwände der Kunstakademie gesprüht hatten, einen Anwalt – und zwar ausgerechnet den nachmaligen RAF-Advokaten Klaus Croissant – bezahlte, wäre er fast von der Hochschule geflogen.

Sieben Jahre als Leiter des Stuttgarter Künstlerhauses

Nach der Rückkehr aus Russland und einer Schriftsetzerlehre in Lübeck verschlug es Weidemann 1953 eher zufällig nach Stuttgart: Sein Bruder studierte an der damals im Gebäude der Kunstakademie untergebrachten TH Architektur und empfahl dem zu Besuch weilenden Kurt, doch einen Stock tiefer bei den Typografen vorbeizuschauen. Dort konnte dieser sogleich mit dem Studium beginnen, und so blieb er dauerhaft am Neckar hängen.