Nahverkehr in Stuttgart SSB bauen Tunnel auch ohne Stuttgart 21

Von Jörg Nauke 

Müssen die SSB mit dem Bau des U-12-Tunnels beim Hauptbahnhof beginnen, obwohl nicht klar ist, wie es mit Stuttgart 21 weitergeht? Der städtische Verkehrsbetrieb bejaht das. Im März soll es mit den Bauarbeiten aber auf jeden Fall losgehen.

In der Heilbronner Straße bekommen die Autofahrer schon mit, dass darunter bald ein Stadtbahntunnel gebaut wird. 
In der Heilbronner Straße bekommen die Autofahrer schon mit, dass darunter ein langer Stadtbahntunnel gebaut wird. Foto: Horst Rudel
In der Heilbronner Straße bekommen die Autofahrer schon mit, dass darunter bald ein Stadtbahntunnel gebaut wird. In der Heilbronner Straße bekommen die Autofahrer schon mit, dass darunter ein langer Stadtbahntunnel gebaut wird.Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) beginnen im März, ihre etwa 100 Meter lange Baustelle für den U-12-Tunnel mitten auf der stadteinwärtigen Fahrbahn der B 27 zwischen alter Bahndirektion und Hauptbahnhof einzurichten. Diese Vorbereitung soll bis Jahresende dauern. Über Details zur Baustelle und ihre Folgen für die Autofahrer will die Ratsfraktion der Grünen unterrichtet werden. Die Gelegenheit bietet sich am Dienstag im Ausschuss für Umwelt und Technik (UTA). Dann steht die U 12 wegen des Beschlusses für den Abschnitt zwischen Heilbronner und Eckartstraße auf dem Plan.

In erster Linie geht es den Grünen darum, zu erfahren, ob es denn aus Sicht der SSB sinnvoll ist, jetzt mit dem Bau der beiden Tunnelröhren zu beginnen, die wegen des Stuttgart-21-Fernbahntunnels tiefer gelegt werden müssen. S 21 sei doch „angesichts von Mehrkosten in Milliardenhöhe in Frage gestellt“, erklärte der Fraktionschef Peter Pätzold unter Hinweis auf die nächste Bahn-Aufsichtsratssitzung Mitte März, in der das Gremium über die Fortsetzung entscheiden will.

Der technische Vorstand der SSB, Wolfgang Arnold, sowie Winfried Reichle, Leiter der Infrastrukturabteilung, haben nun deutlich gemacht, dass der neue SSB-Tunnel, in dem die Linien 5, 6, 7 und 15 verkehren und der einen Abzweig auf Höhe der Bibliothek für die neue U 12 bietet, unabhängig von S 21 zu sehen sei und auf jeden Fall gebaut wird; auch weil die Zuschüsse von Bund und Land nur fließen, wenn die U 12 komplett realisiert wird.

Der Stadtbahntunnel ist eine Folgemaßnahme von Stuttgart 21

In der Vereinbarung zwischen SSB und Bahn wird das Projekt als „Folgemaßnahme“ von Stuttgart 21 bezeichnet. Weil die Stadtbahnröhre dem neuen Fernbahntunnel im Weg ist, muss die DB die gewünschte Verlegung bezahlen. Sie kann mit ihren Arbeiten erst beginnen, wenn die SSB ihre Röhren gebaut haben. Das soll Mitte 2016 der Fall sein. Käme Stuttgart  21 nicht, würde der SSB-Tunnel zur „Vorsorgemaßnahme“. Er würde dann eben rein „vorsorglich“ gebaut, damit die Bahn dort zu einem späteren Zeitpunkt ihr unterirdisches Gleisvorfeld für einen Tunnelbahnhof „Stuttgart 31“ errichten könnte.

Die nächsten Jahre müssen die Autofahrer auf der B 27 das Loch umfahren. Trotz der Baustelle blieben aber alle Fahrspuren erhalten, betont Reichle. Sie würden auch nicht schmaler – aber notwendigerweise verschwenkt. Ob die Zick-Zack-Fahrerei zu größeren Staus führt, vermag er nicht vorherzusagen.

Auch auf der Südseite des Hauptbahnhofs ist SSB-Infrastruktur dem unterirdischen S-21-Gleisvorfeld im Weg. Die Haltestelle Staatsgalerie und die Zufahrtsgleise werden angehoben, damit der Fernbahntunnel darunter geführt werden kann. Die Bahn soll im vierten Quartal 2013 mit dem Bau des Tiefbahnhof-Segments 22 beginnen, auf dem sich dann der neue SSB-Halt gründe, so Reichle. Zuerst werde das WC beim Planetarium abgerissen.

Die Bahn muss für den Juchtenkäfer eine neue Bleibe suchen

Die SSB-Pläne für den Tunnelabschnitt zwischen Staatsgalerie und Hauptbahnhof, wo die U 9 und die U 14 verkehren, waren allerdings im August vom Eisenbahnbundesamt teilweise kassiert worden, weil die Trasse das unter strengstem Schutz stehende Juchtenkäferhabitat am Ferdinand-Leitner-Steg unterfahren würde. Bei der Neuplanung sollte auch auf Wünsche der Bahn Rücksicht genommen werden, die bei der Verlegung des Nesenbach-Abwasserkanals und des Neubaus eines Dükers (Siphon) ein paar Meter sparen will. Nun stellen sich die SSB aber doch quer. Reichle sagt, die Stadtbahnen könnten den Schlossgarten an der Ecke Schiller-/Willy-Brandt-Straße nicht in einem noch engeren Radius umfahren. Stromabnehmer, Schienen und die Fahrzeuge würden viel zu schnell verschleißen. Neben der Wirtschaftlichkeit spielten aber auch Sicherheitsaspekte eine Rolle. Die SSB beharrten also auch gegenüber der technischen Aufsichtsbehörde beim Regierungspräsidium auf ihren alten Plänen. Die DB Projektbau sei aufgefordert, woanders Schutzzonen für die Juchtenkäfer einzurichten.

Während des Tunnelbaus soll die Stadtbahnstrecke abschnittsweise gesperrt werden. Ein Ersatzverkehr mit Bussen komme nicht in Frage, sagt Arnold. Alle Haltestellen könnten stets auf der Schiene angefahren werden – wenn auch nicht auf direktem Wege, sondern über den Charlottenplatz und den Berliner Platz. Zwischen der Haltestelle Staatsgalerie und dem Hauptbahnhof sei ein überdachter Fußgängersteg vorgesehen. Darüber seien bereits Gespräche mit der Bahn vereinbart worden.

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193 KommentareKommentar schreiben

Stuttgart 21 und Autoindustrie: Lieber Aufmerksamer, die Kampagne, die in Stuttgart seit Jahren gegen den 'Sackbahnhof' (wie Sie ihn so gerne nennen), das 'hässliche Gleisvorfeld', das die Stadt zerschneidet, etc. gefahren wird, ist einzigartig. Mir ist kein vergleichbarer Fall von ideologisch aufgeladener, systematischer Polemik gegen ein Bahnhofsbauwerk/eine Gleistrasse bekannt. Das passiert nun ausgerechnet in der Stadt, die wie keine andere deutsche Großstadt mit dem Automobilbau verbunden ist. Auto und Schiene sind Konkurrenten im Fern- aber auch im Nahverkehr. Wer als Pendler Stammkunde bei der Bahn ist, kann sich einen Zweitwagen sparen. Hat die Automobilindustrie ein originäres Interesse an einem gut funktionierenden Bahnverkehr? Warum sollte sie, da würde sie sich ja ins eigene Fleisch schneiden. In Stuttgart wird ein Exempel für die Zukunft des Bahnverkehrs statuiert. Die Vertreter der Stuttgarter Automobilindustrie machen sich seit jeher für Stuttgart 21 stark. Tun sie das, weil sie erwarten, dass Stuttgart 21 eine so deutliche Verbesserung der Schienen-Infrastruktur bringt, dass in Zukunft massenhaft Pendler vom Auto auf die Schiene umsteigen werden? Klar ist doch wohl: Die Autoindustrie setzt auf die Zukunft des Autos und nicht auf die Zukunft der Schiene - oder ist das jetzt wieder eine Verschwörungstheorie? // P.S. Dass die Schweizer auch Autofahren, ist mir bekannt, trotzdem vielen Dank für diesen erhellenden Hinweis.

demografischer Wandel: '... dass aufgrund des demographischen Wandels verglichen mit heute der ANTEIL in der morgendlichen SPITZENSTUNDE geringer ausfallen wird, als am Rest des Tages.' Wenn auch nur 20 Prozent derer, die heute zwischen 7 und 9 Uhr mit dem Auto zur Arbeit fahren, auf die Bahn umsteigen, wird das jede denkbare zeitliche Nivellierung der Pendlerströme mehr als ausgleichen, d.h. Sie werden dann trotzdem eine starke Fahrgastzunahme in der morgendlichen Spitzenstunde haben. Für diesen Fall muss die Schienen-Infrastruktur Luft nach oben haben. Dass das Fahrgastaufkommen sich gleichmäßig über den Tag verteilt, ist eine Utopie.

@ Söder: Lieber Söder, erklären kann ich das nicht, ich bin ja kein DB-Insider. Da müssen Sie 'Eisenbahner' oder 'Aufmerksamer Leser' fragen, die habe beide offenbar direkten Zugang zu Insider-Informationen. In einem anderen, bis jetzt nicht freigeschalteten Beitrag habe ich den 'Aufmerksamen' gefragt, ob den von ihm erwähnten Bedarfsanalysen für das zukünftig zu erwartende Verkehrsaufkommen in Stuttgart die von Tanja Gönner in der 'Schlichtung' geäußerte Auffassung zugrunde lag, dass die Fahrgastzahlen im Schienenverkehr aufgrund des demografischen Wandels abnehmen werden. Wenn das die offizielle Meinung der Deutschen Bahn war (und vielleicht noch ist), dann ist es ja nur konsequent, den Bahnverkehr eher zu reduzieren als auszubauen. Es wäre dann allerdings ein Gebot der Ehrlichkeit gewesen, offen zu sagen, dass man Kapazitäten zurückbauen will. Stattdessen hat man lange eine Verdoppelung der Kapazität durch S21 versprochen, und 'Eisenbahner' und 'Aufmerksamer Leser' haben jetzt die wenig beneidenswerte Aufgabe, der Schimäre 'Verdoppelung der Kapazität' immer wieder neues Leben einzuhauchen, nur damit die DB ihr Gesicht wahren kann und nicht zugeben muss, die Öffentlichkeit getäuscht zu haben.

noch mehr Halbwahrheiten, bzw. Falschaussagen: @Söder, Sie schrieben 'Bei Ihrem Kenntnisstand können Sie sicher erklären, warum für die Personenstromanalyse, die von der DB in Auftrag gegeben wurde, maximal 32 Züge pro Stunde veranschlagt wurden [...]' Nein, das kann keiner erklären, weil es nicht stimmt. Die Personenstromanalyse ging von prognostizieren 303.000 Besuchern im Bahnhof aus, die auf 32 Züge in der Spitzenstunde des Personenaufkommens am Nachmittag umgelegt wurden. Nirgends ist davon die Rede, dass es sich dabei um Maximalzahlen handelt. Und würde die gleiche Anzahl von Reisenden auf mehr Züge umgelegt, dann würde die berechnete Belastung am Bahnsteig SINKEN. --- @Ludwigsburger, Sie schrieben 'Das waren dann sicher die Prognosezahlen und Zukunftsszenarien, auf die sich Frau Gönner in der 'Schlichtung' bezog, als sie aufgrund des demografischen Wandels sinkende Fahrgastzahlen im Schienenverkehr vorhersagte.' Das hat Frau Gönner schlicht nicht getan, sondern Sie hat darauf hingewiesen, dass aufgrund des demographischen Wandels verglichen mit heute der ANTEIL in der morgendlichen SPITZENSTUNDE geringer ausfallen wird, als am Rest des Tages. Weswegen es nötiger ist, die Kapziäten für die über den ganzen Tag stattfinden Taktverkehrer zu steigern statt für endende Verstärkerzüge in der morgendlichen Spitzenstunde. --- 'Nur seltsam, dass es in anderen Ländern trotz demografischen Wandels gelingt, erhebliche Fahrgastzuwächse im Schienenverkehr zu erzielen, z.B. in der Schweiz. (Aber da gibt es ja keine Autoindustrie, nicht wahr?)' Das ist ja nicht nur in anderne Ländern, sondern auch in Deutschland der Fall, wie Sie leicht hätten ermitteln können. Was das mit der Autoindustrie zu tun haben soll, verstehe ich nicht. Man kann auch in der Schweiz Automobile kaufen. --- Bitte verstehen Sie, dass ich keine Lust verspüre auf weitere freien Behauptungen von Ihnen einzugehen. Informieren Sie sich doch bitte erst einmal über das Projekt, und überprüfen Sie ihre Behauptungen, bevor sie weiter Halbwahrheiten und freie Erfindungen verbreiten!

Keine Halbwahrheiten: Es ist schon erstaunlich, wie dreist hier immer noch etwas von einer doppelten Leistungsfähigkeit zusammengelogen wird. Es gibt nach wie vor keinen Beleg für eine auch nur geringe Leistungssteigerung gegenüber dem heutigen Zustand.

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