Nahverkehr Stuttgart Die Bahn verdient gut
Wolfgang Schulz-Braunschmidt, 09.02.2011 11:52 Uhr
Stuttgart - Eine unerwartet frohe Botschaft konnte der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) vor wenigen Tagen verkünden: Trotz der monatelangen S-Bahn-Misere mit Zugausfällen und zahlreichen Verspätungen ist der Nahverkehr im vergangenen Jahr keineswegs unter die Räder gekommen. Mit 330 Millionen Fahrten gab es 2010 sogar einen neuen Rekord in der Region. Dank der Zunahme um 3,5 Millionen Fahrten stiegen die Fahrgeldeinnahmen des Verkehrsverbundes auf 389 Millionen Euro. Das sind vier Prozent mehr als im Krisenjahr 2009.

Der zusätzliche Gewinn in Höhe von 15 Millionen Euro wird nach Ansicht von Kennern der Verhältnisse aber höchst ungerecht verteilt. Etwa ein Drittel der Fahrgelder, gut 4,5 Millionen Euro, wandert auf das Konto der schwächelnden S-Bahn. Darauf hat die Schienenfirma Grube & Co - unabhängig von der Qualität ihrer Dienstleistungen - einen vertraglichen Anspruch.

Beim VVS in der Rotebühlstraße im Westen, wo das Fahrgeld des Verbunds gezählt und aufgeteilt wird, nimmt man "zu Fragen der Einnahmeaufteilung zwischen den Verkehrsunternehmen keine Stellung". Kenner der Verhältnisse wundert das nicht. "Ein ganz heißes Eisen", heißt es in der regionalen Nahverkehrsbranche. Denn trotz eindeutig schlechter gewordener Leistungen kassiere die Bahn bei den Fahrgeldeinnahmen gutes Geld - ohne jegliche Abstriche. Außerdem gebe es für jeden gefahrenen S-Bahn-Kilometer auch noch einen ordentlichen Batzen vom Aufgabenträger, dem Verband Region Stuttgart (VRS).

Der Nahverkehr hat 2010 zugelegt


Günstig kommt die S-Bahn auch bei Verspätungen davon. Die sogenannte Pönale (Strafgebühr) lag 2009 bei 5000 Euro; erst in den nächsten Jahren dürfte die Strafgebühr etwas höher ausfallen. Aber der VRS hat die Pönale wegen der umfangreichen Bauarbeiten für Stuttgart 21 schon mal fürsorglich auf einen fünfstelligen Höchstbetrag gedeckelt - irgendwann kosten weitere Verspätungen die Bahn nichts mehr.

So schafft man ganz besondere und außergewöhnliche Leistungsanreize: Die Verspätungen haben auch schon ordentlich zugenommen. Im vergangenen Jahr kam jede vierte S-Bahn in der Hauptverkehrszeit zu spät. Dabei gilt ein Zug noch als pünktlich, wenn er weniger als drei Minuten zu spät in die Haltestelle einfährt. Immerhin: für ausgefallene S-Bahnen zahlt der VRS kein Kilometergeld.

Die vielen empörten Pendler in vielen verspäteten S-Bahnen und die trotz "japanisch abgefüllter Züge" auf den Bahnsteigen Zurückgebliebenen haben inzwischen die Bahn und die Volksvertreter im Regionalparlament aufgeschreckt. Am Mittwoch steht im Verkehrsausschuss das freiwillige Angebot des Schienenkonzerns auf der Tagesordnung. Die Bahn will Buße tun und - wie bereits berichtet - den morgens bis etwa 8.30 Uhr und abends bis gegen 19 Uhr erweiterten 15-Minuten-Takt im ersten Jahr mit 1,3 Millionen Euro selbst finanzieren. Der Verband hält die Offerte von sechs zusätzlichen S-Bahnen für eine "Win-win-Situation", die die Situation im Berufsverkehr erheblich verbessere.

Kommentare (23)
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APR
09
Pascal Kober MdB, 22:15 Uhr

Preis / Leistung im ÖPNV & Preistransparenz

"Während der Verkehrsverbund Neckar-Alb-Donau mit relativ niedrigen Fahrpreisen kostendeckend arbeiten kann, liegen die Preise in Stuttgart deutlich über denen bei uns. In den Gesprächen über gemeinsame Vereinbarungen führt dies dann zu nicht lösbaren Problemen, da der Verkehrsverbund Stuttgart sehr hohe Gelder für eine tarifzonenübergreifende Lösung möchte." http://www.abgeordnetenwatch.de/frage-575-37711--f273901.html#q273901

FEB
10
Ursula Kirchner, 11:27 Uhr

Dear Mr. Jackinthebox,

Da Sie ja offenbar auch ein bißchen Deutsch können, antworte ich auf Deutsch. Bahn-Bashing (Wie man doch wunderbar deutsche und englische Wörter kombinieren kann! Ist Ihnen schon aufgefallen, dass das Englische mehr als 50 % Fremdwörter hat? Shakespeare hat nur etwa 20% gebraucht, das nur nebenbei) Es gab Zeiten, da die Bahn pünktlich war und es Spaß gemacht hat, mit der Bahn zu fahren. Heute hat unser Zug, wenn wir von Bonn kommen, regelmäßig 40 Minuten und mehr Verspätung. Das letzte Mal ist ein Güterzug einfach auf der Strecke stehen geblieben. (Zwischen Bonn und Koblenz) Kinderchen auf der Strecke sind eine beliebte Ausrede. Seit die Bahnchefs Dürr, Mehdorn, Grube heißen, hat sich der Service gewaltig verändert. Man will ja an die Börse - viel Geld scheffeln. Ein einstmals gesundes Unternehmen kränkelt heute wo man hinschaut. Verspätungen noch und noch, nicht funktionierende Signalanlagen, Weichen, die klemmen, Züge, deren Klimaanlagen nicht funktionieren, Türen die aus den Angeln springen, nicht genug Personal, geschlossene Werkstätten etc. etc. - und schwere Unfälle -- aber Stuttgart 21! Da gibt es Geld haufenweise! Ich frage mich, wie machen sie das? Man verdient gut an den S-Bahnen! Bei der Verbindungsstrecke Marbach - Backnang, die für viele Menschen wirklich ein Segen bedeutet, machen sie sich Gedanken wegen der Finanzierung. Es handelt sich doch bestenfalls nur um ein paar Milliönchen, bei Stuttgart 21 aber um ein paar Millärdchen. Das sind doch Peanuts! (Auf Deutsch Erdnüsschen)! Die Blechschäden auf den Autobahnen im Winter sind der Bahn wurscht - mit Verlaub. Herr Grube, Daimlermensch, ist ganz offensichtlich nicht an mehr Fahrgästen und der Qualität der Beförderung interessiert. Hauptsache, er verdient gut an der S-Bahn.

FEB
10
Reigeschmeckter, 11:12 Uhr

Grubes linke Hand?

@jackinthebox: "Ihr seht also: An den Verspätungen ist selten die Bahn selbst "schuld"" Alles richtig - aber im konkreten Fall uninteressant. Die Verspätungen und Ausfälle hängen im konkreten Fall mit Irrsinn 21 zusammen.

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