Nationalelf Ballack ist ein König ohne Reich
Gregor Derichs, vom 02.09.2010 07:07 Uhr
Frankfurt - "Es ist doch schon weißer Rauch aufgestiegen", sagte Joachim Löw und lächelte, als noch eine Auskunft zu Michael Ballack erbeten wurde. In den Minuten zuvor hatte sich der Bundestrainer gestern bei der Pressekonferenz endlich die leidige K-Frage vom Hals geschafft. Ballack bleibt Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, wie es sich seit dem Wochenende abgezeichnet hatte. Doch der weiße Rauch, der im Vatikan nach erfolgter Papstwahl aus dem Kamin gelassen wird, war in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) durch graue Eintrübungen verfärbt. Ballack ist nur ein nomineller Kapitän, nachdem Löw ausgeführt hatte, dass der Leverkusener seinen Stammplatz beim WM-Dritten verloren hat. Anders ausgedrückt: Ballack ist ein König ohne Reich.
In der EM-Qualifikation gegen Belgien in Brüssel (morgen/20.45 Uhr) und gegen Aserbaidschan in Köln (Dienstag) wird der Konkurrent Philipp Lahm wie bei der WM die Mannschaft anführen, da Ballack wegen seiner Fitnessdefizite nach der im Mai erlittenen Sprunggelenksverletzung nicht zu den 21 nominierten Spielern gehört. Was in fünf Wochen geschieht, wenn die Spiele gegen die Türkei und Kasachstan stattfinden, steht in den Sternen. "Er hat eingesehen, dass er noch nicht diese Leistungen gezeigt hat, um nominiert zu werden", sagte Löw. Sein persönliches Treffen mit dem 98-maligen Nationalspieler hat bereits unbemerkt stattgefunden. "Es war ein vertrauensvolles Gespräch, eineinhalb bis zwei Stunden", verriet der Bundestrainer.
Nun weiß Ballack, dass er sogar für den Fall, dass er in Leverkusen bald wieder an seine alte Leistungsstärke herankommt, befürchten muss, nicht mehr automatisch im DFB-Team gesetzt zu sein. Ist er kein Stammspieler mehr, kann er logischerweise auch die Kapitänsrolle nicht ausfüllen. Der Ende des Monats 34 Jahre alt werdende Ballack ist in der Kapitäns- und zugleich in der Ersatzrolle. Ob dieser Status überhaupt einmal beendet wird, ist ungewiss. Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira hätten auf den Positionen im defensiven Mittelfeld bei der WM sehr stark gespielt, so Löw. "Sie haben das absolut nach meinen Vorstellungen gespielt und hervorragend gemacht", lobte Löw das Gespann.
Warten bis Oktober
Löw zögerte zunächst, eine Prognose zu Ballacks Zukunft zu geben. "Wir werden im Oktober sehen, ob er dann in der Lage ist, die Mannschaft zu verstärken", sagte der Bundestrainer. Er hoffe natürlich, dass Ballack "in diese Verfassung kommt". Schließlich ließ der Südbadener noch eine Aussage folgen, die den mit Ehrgeiz und Fleiß an seinem Comeback arbeitenden Ballack bestätigen kann, dass er nicht langsam auf das Abstellgleis geschoben werden soll. "Wenn Michael in Topform kommt, bin ich schon der Meinung, dass er die Mannschaft verstärkt und sich neben ihm die anderen entfalten können", erklärte Löw.
"Das hört sich ein wenig nach Kapitän 1a und Kapitän 1b an. Ballack muss für sich entscheiden, ob er sich in so eine Situation begeben möchte", erklärte Oliver Kahn in München. Der frühere Nationaltorwart war im Sommer 2004 von Jürgen Klinsmann als Kapitän entmachtet worden - zugunsten seines Münchner Exkollegen Ballack. Ballack selbst wollte gestern nach dem Training in Leverkusen keinen Kommentar abgeben.
Mit Lahm, der während der WM mit seiner Forderung, nicht nur eine Übergangslösung zu bleiben, den Konflikt erst ausgelöst hatte, führte Löw am Dienstag in Frankfurt ein Gespräch. "Er hat die Entscheidung absolut akzeptiert", sagte Löw. "Es ging nicht um Machtspielchen, Machtansprüche, Machtdemonstrationen oder Demontagen. Wir wollen ja mündige Spieler, die ihre Meinung sagen", erklärte Löw, der angeblich der K-Frage selbst keine überragende Bedeutung beigemessen hat.
Mit dem Beginn der EM-Qualifikation wurde aus dem Bundesgeheimniskrämer wieder der Bundestrainer. Auch auf die nach dem 2:2 in Dänemark neu eröffnete T-Frage, fand Löw eine Antwort, die naheliegend war. Manuel Neuer bleibt die Nummer eins im Tor. "Er hat eine gute WM gespielt", erklärte Löw. Auf eine feste Nummer zwei wollte er sich nicht festlegen.