Nationalelf Löw wählt die einfache Lösung
Gregor Derichs, vom 01.09.2010 08:58 Uhr
Frankfurt - In der Lobby des Hotels Villa Kennedy am Südufer des Mains herrschte beim Zusammentreffen der Nationalspieler die normale Gelassenheit. Nur das erste Gesprächsthema diskutierten die sonst so coolen Profis gestern von 13 Uhr an in ihrem Luxusrefugium in Frankfurt mit erhöhtem Eifer. Und draußen debattierten die wartenden Medienvertreter die neue Kunde zu einem seit acht Wochen schwelenden Konflikt. Auf die K-Frage wird es, so hatte Teammanager Oliver Bierhoff vor dem Betreten des DFB-Quartiers preisgegeben, heute eine Antwort geben. Die Vorbereitung vor dem Start der EM-Qualifikation soll nicht weiter von den Debatten über den Kapitänsstreit beeinträchtigt werden. Die sportliche Leitung der deutschen Nationalmannschaft hat, wie sich gestern vor dem ersten Training auf einem Nebenplatz der Commerzbank-Arena abzeichnete, eine salomonische Lösung gefunden.
Dem Buhlen von Philipp Lahm und Michael Ballack um die Führungsposition im DFB-Team wird bei der Pressekonferenz heute also ein Ende gesetzt. Vorher wird die Mannschaft informiert, der wieder 17 der 23 WM-Fahrer angehören. Es ist eine Lösung ganz nach alter Art des Bundestrainers Joachim Löw. Denn der Weg aus der Konfrontation, die sich zuzuspitzen drohte, heißt nicht Lahm oder Ballack. Die Auflösung heißt Lahm und Ballack.
Der Bayern-Verteidiger und der Leverkusener Mittelfeldspieler sollen, unterstützt von weiteren Spielern aus dem Mannschaftsrat, künftig den WM-Dritten gemeinsam führen. Am Freitag in Brüssel gegen Belgien wird Lahm (26) wie bei der WM die Kapitänsrolle übernehmen - falls er sich nicht noch im Training verletzt. Auch am kommenden Dienstag in Köln gegen Aserbaidschan darf der vor der WM zunächst nur als "Übergangskapitän" ausgerufene Lahm die schwarz-rot-goldene Stoffbinde am Arm tragen.
Spieler müssen sich dem Leistungsprinzip unterwerfen
Im Oktober jedoch, bei den nächsten Spielen in Berlin gegen die Türkei und in Astana gegen Kasachstan könnte Ballack bei seinen Länderspielen 99 und 100 Lahm wieder ablösen. Dies hat allerdings eine Einschränkung: Kapitän wird der 33-Jährige logischerweise nur, wenn er erstens wieder in das Aufgebot berufen wird und zweitens den Sprung in die Stammelf schafft. Alle Spieler müssten sich dem "Leistungsprinzip" unterwerfen, betonte Löw kürzlich. Im Prinzip ist auch Lahm, der allerdings sehr formstabil ist, nicht davor gefeit, wegen schwächerer Leistungen aus dem Team genommen zu werden. Der im aktuellen DFB-Aufgebot fehlende Ballack kämpft indes, wie die ersten Bundesligaspiele zeigten, wegen der vor der Weltmeisterschaft erlittenen Fußverletzung noch um seine optimale Fitness.
Bierhoff forderte ein Ende der Diskussion, "damit dann auch wieder der Fokus auf dem Spiel liegt". Die WM habe gezeigt, "dass viele Chefs auf dem Platz gefragt sind", sagte er. Die aktuelle Generation der Spieler, bevorzuge eine "flache Hierarchie" und keinen "alleinigen Leitwolf, der durch die Kapitänsbinde bestimmt wird". Nachdem die Teamleitung selbst die Diskussion mit Andeutungen, Ballack könne auch ohne Kapitänsfunktion im DFB-Team weitermachen, forciert hatte, ist die neue Lösung nun eigentlich die selbstverständlichste und einfachste, die sich nach den Gepflogenheiten des Mannschaftssports angeboten hat.
Ballack war von 2004 an Kapitän des DFB-Teams. Erst als er die WM verpasste und Lahm ankündigte, er denke nicht daran, das Kapitänsamt freiwillig wieder abzugeben, geriet Ballacks Position ins Wanken. Dem früheren Chelsea-Spieler nur aufgrund einer Verletzung die Führungsrolle zu entziehen, hätte kaum dem Gedanken des Fair Play entsprochen. Doch mit einem klaren Treuebekenntnis zu Ballack zögerte Löw lange. Zuletzt erklärten mehrere Nationalspieler, dass sie eine Degradierung von Ballack als nicht gerechtfertigt ansehen. Auch Löw betonte wieder den sportlichen Wert eines gesunden Ballack. Er will am Samstag mit dem Spieler reden.