Nationalpark Der Borkenkäfer ist Hauptthema

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Im Bayerischen Wald hat man Wege gefunden, den Forstschädling in Schach zu halten. Bei Privatwaldbesitzern hält sich die Begeisterung aber in Grenzen.

So sieht er aus, der Borkenkäfer. Foto: dpa-Zentralbild
So sieht er aus, der Borkenkäfer.Foto: dpa-Zentralbild

Bayern - Der Borkenkäfer, immer wieder der Borkenkäfer. Thomas Müller kann es nicht mehr hören. „Bei jeder Diskussion landet man irgendwann beim Käfer“, klagt er. Müller ist Bürgermeister der Gemeinde Bayerisch Eisenstein, die zu 93 Prozent aus Waldflächen besteht. Seit der damals umstrittenen Erweiterung des Nationalparks Bayerischer Wald 1997 grenzt die etwa 1000 Einwohner zählende Gemeinde an den Nationalpark. Früher war Müller gegen die Erweiterung auf jetzt 24 000 Hektar. Heute ist er bei den Grünen und ein Verfechter der Nationalpark-Idee. „Man kann auch dazulernen“, sagt er. In seiner ersten Amtsperiode seit 2002 musste Müller „harte Kämpfe durchhalten“.

Wie derzeit in der Diskussion über die Ausweisung eines Nationalparks Nordschwarzwald in Baden-Württemberg, war der Borkenkäfer auch in Bayern eines der Hauptargumente der Erweiterungsgegner. Würde der Wald sich selbst überlassen, könne der Schädling sich ungehemmt ausbreiten und ein Waldsterben verursachen, war ihre Furcht. Außerdem würden umliegende Privatwälder ebenso befallen werden und damit die Forstwirtschaft geschädigt. Das Naturschutzzentrum Ruhestein im Schwarzwald, das einen schwäbischen Nationalpark befürwortet, hat deshalb eine Fahrt in den Bayerischen Wald organisiert, um zu sehen, wie dort Nationalpark und Umgebung mit dem Schädling umgehen.

Viel Überzeugungsarbeit

Bürgermeister Müller musste damals viel Überzeugungsarbeit bei den Skeptikern in der Gemeinde leisten: „Ein Nationalpark ist ein Goldschatz, der bewahrt gehört“, sagt er und meint damit wohl vor allem die steigenden Einnahmen durch den Tourismus und zusätzliche Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region. Heute stehe der Großteil der Bevölkerung hinter dem Nationalpark, sagt Müller. Doch 1997 war die Erweiterung keinesfalls sicher. Zu dieser Zeit war der alte Teil des Nationalparks besonders stark vom Buchdrucker befallen. Diese Borkenkäferart hat es vor allem auf alte Fichten abgesehen, die gerade in den Hochlagen des Bayerischen Walds häufig vorkommen. Gespenstische Bilder von entwaldeten Landstrichen gaben der Position der Gegner Aufwind. Möglich wurde die Erweiterung durch einen politischen Kompromiss: Der neue Teil wird in Entwicklungszonen aufgeteilt, die schrittweise bis 2027 zu Naturzonen werden. Erst dann wird der Wald sich selbst überlassen. Zusätzlich wird der Borkenkäfer in einer 500 Meter breiten Randzone besonders intensiv bekämpft, damit er angrenzende Privatwälder nicht befällt.

Zuständig für die Bekämpfung des Borkenkäfers im Nationalpark ist Franz Baierl. Aus seiner Sicht ist der Schädling in den Griff zu kriegen. In den letzten drei Jahren sei die Menge des gesammelten Käferholzes in den Entwicklungszonen von 100 000 auf 18 000 Festmeter gefallen. Mit Harvestern, Seilkränen und sogar mit einem Transporthelikopter lässt er befallenes Holz aus den Entwicklungszonen und dem Randbereich schaffen. Von Mai bis September, wenn der Borkenkäfer am aktivsten ist, stellt Baierl 15 bis 20 zusätzliche Förster ein, die durch den Wald streifen, um Nester des Forstschädlings zu entdecken. „Das ist ein finanzieller und personeller Aufwand, den sich ein normaler Forstbetrieb nicht leisten kann“, sagt Baierl. Innerhalb der sich selbst überlassenen Naturzone sei der Borkenkäfer ein wichtiger Teil des Ökosystems, der den Generationswechsel unter Bäumen einleite.

Entschädigungszahlungen gibt es nicht

Für die Entwicklungs- und Randzonen gilt: je eher der Befall entdeckt wird, desto weniger Käfer breiten sich aus. Über den Randgürtel hinaus sollen so wenige Käfer wie möglich gelangen. Baierl zitiert eine Studie: 96 Prozent der Käfer befielen eine Fichte, die maximal 500 Meter von der vorherigen entfernt liegt. Daher sei die Randzone ausreichend.

Mancher Privatwaldbesitzer sieht das anders. Christoph Graf kennt die Klagen gut. Er ist leitender Forstdirektor vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in der nahe gelegenen Stadt Regen und verantwortlich für die Wälder jenseits des Nationalparks. Privatwälder von 3000 Besitzern grenzen an den Nationalpark. Diese sind dazu verpflichtet, einen Borkenkäferbefall in ihrem Wald auf eigene Kosten zu bekämpfen, das Forstamt kontrolliert nur. Entschädigungszahlungen gibt es nicht. Viele Waldbesitzer könnten das nicht verstehen. Ihre Einstellung zum Park sei daher auch gemischt, sagt Graf: „Manche haben den Widerstand aufgegeben, andere sind regelrecht aggressiv.“ Einen erhöhten Käferschaden in den Gebieten am Rand des Nationalparks könne er jedoch nicht feststellen. Aber der Aufwand bei der Bekämpfung sei höher. Der Streit zwischen Waldbesitzern und dem Nationalpark ist festgefahren, weil keine Klarheit über das Verhalten des Borkenkäfers besteht. Wie er sich konkret im Nationalpark Bayerischer Wald verhält, das soll eine Studie im Auftrag des bayerischen Landwirtschaftsministeriums bis Ende 2014 klären. Ein wissenschaftlicher Beweis, dass der Nationalpark die angrenzenden Wälder schädigt, hätte weit reichende juristische Konsequenzen. „Aber das will ich mir gerade gar nicht vorstellen“, sagt Graf.