Naturschutz in Stuttgart "Serengeti am Nesenbach" in Gefahr

Von  

In Stuttgart haben viele Tiere und Pflanzen kaum noch eine Chance. Doch es gibt einige Erfolge im Kampf gegen das Artensterben.

Streuobstwiesen, wie in Plieningen, sind ein Paradies für eine große Zahl von Tieren und Pflanzen. Foto: Steinert 3 Bilder
Streuobstwiesen, wie in Plieningen, sind ein Paradies für eine große Zahl von Tieren und Pflanzen. Foto: Steinert

Stuttgart - Es gibt sie noch, die fast unberührte Natur in der Großstadt: Im Naturschutzgebiet Greutterwald zwischen Weilimdorf und Zuffenhausen ist ein Teil zum Bannwald erklärt worden - Fledermäuse finden in abgestorbenen Eichen Nisthöhlen, der Große Lindenprachtkäfer erobert die umgestürzten Stämme zurück, Wendehals und Halsbandschnäpper tummeln sich am Waldrand auf Streuobstwiesen. Stuttgart ist zu Recht stolz darauf, eine so grüne Stadt zu sein; unter den 14 deutschen Großstädten sind nur Leipzig und Dresden weniger überbaut als Stuttgart.

51,3 Prozent der Gemarkung bestehen aber auch in Stuttgart aus Häusern, Straßen, Beton, Wüste. Machen wir uns nichts vor: Eine Großstadt kann kein Naturidyll sein. Die Bilanz in Sachen Arten- und Naturschutz fällt deshalb recht ernüchternd aus. Auch in Stuttgart werden weiter neue Baugebiete ausgewiesen, wie derzeit in Stammheim, wo im Langenäcker-Wiesert der Steinkauz lebt. Selbst der heilige Wald bleibt nicht immer von der Abholzung verschont - so etwa beim Neubau der EnBW-Hauptverwaltung im Fasanenhof vor einigen Jahren. Stuttgart ist auch derjenige Kreis in Baden-Württemberg, der am meisten von Straßen zerschnitten ist; die Tiere sind auf kleinsten Flächen gefangen. Natürliche Bachläufe gibt es in Stuttgart schon lange nicht mehr. Und es wäre geradezu beschönigend, den Artenrückgang in Stuttgart nur als dramatisch zu bezeichnen - es ist ein wahrer Exodus. Von den einst 130 Brutvogelarten in der Stadt ist ein Viertel verschwunden, ein Viertel ist bedroht und ein Viertel gefährdet.

Das größte Naturschutzgebiet ist der Rotwildpark

Doch wo Gefahr ist, wächst auch das Rettende. Das Regierungspräsidium Stuttgart und das Amt für Umweltschutz haben in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt fast 9400 Hektar der Gemarkung unter Schutz gestellt, indem sie Natur- und Landschaftsschutzgebiete sowie Flora-Fauna-Habitate auswiesen; das entspricht fast der Hälfte der Stuttgarter Bodenfläche. Allerdings muss man hinzufügen, dass manche Landschaftsschutzgebiete in Stuttgart keine besondere Qualität besitzen: "Viele dieser Gebiete weisen große Belastungen auf, die schwer zu korrigieren sind", sagt Hubert Ott, der oberste Naturschützer im Umweltamt der Stadt Stuttgart. Gartenhäuser, Zäune, Sportanlagen, Wege - all das durfte in früherer Zeit in Landschaftsschutzgebieten gebaut werden.

Ein Pfund, mit dem man wuchern kann, sind dagegen die sieben Naturschutzgebiete, die immerhin 6,5 Prozent der Gemarkung einnehmen. Das größte ist der Rotwildpark mit 830 Hektar. Andere Städte können davon nur träumen.

Einen wichtigen Kampf führt die Stadt auch gegen den Flächenfraß. Noch bis Anfang der 90er Jahre verbrauchte Stuttgart jährlich oft hundert Hektar Grünfläche für Wohnhäuser, Gewerbegebiete und Straßen. Mittlerweile sind es, von Ausreißern abgesehen, noch etwa 30 Hektar. Großen Anteil an diesem Erfolg hat das "nachhaltige Bauflächenmanagement" der Stadt, das es seit 2001 gibt. In einer zentralen Datei werden alle innerstädtischen Brachflächen gesammelt und Investoren angeboten - derzeit sind dort mehr als 300 Brachen aufgelistet. So muss man seltener neue Baugebiete ausweisen.