In Stuttgart haben viele Tiere und Pflanzen kaum noch eine Chance. Doch es gibt einige Erfolge im Kampf gegen das Artensterben.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Stuttgart - Es gibt sie noch, die fast unberührte Natur in der Großstadt: Im Naturschutzgebiet Greutterwald zwischen Weilimdorf und Zuffenhausen ist ein Teil zum Bannwald erklärt worden - Fledermäuse finden in abgestorbenen Eichen Nisthöhlen, der Große Lindenprachtkäfer erobert die umgestürzten Stämme zurück, Wendehals und Halsbandschnäpper tummeln sich am Waldrand auf Streuobstwiesen. Stuttgart ist zu Recht stolz darauf, eine so grüne Stadt zu sein; unter den 14 deutschen Großstädten sind nur Leipzig und Dresden weniger überbaut als Stuttgart.

 

51,3 Prozent der Gemarkung bestehen aber auch in Stuttgart aus Häusern, Straßen, Beton, Wüste. Machen wir uns nichts vor: Eine Großstadt kann kein Naturidyll sein. Die Bilanz in Sachen Arten- und Naturschutz fällt deshalb recht ernüchternd aus. Auch in Stuttgart werden weiter neue Baugebiete ausgewiesen, wie derzeit in Stammheim, wo im Langenäcker-Wiesert der Steinkauz lebt. Selbst der heilige Wald bleibt nicht immer von der Abholzung verschont - so etwa beim Neubau der EnBW-Hauptverwaltung im Fasanenhof vor einigen Jahren. Stuttgart ist auch derjenige Kreis in Baden-Württemberg, der am meisten von Straßen zerschnitten ist; die Tiere sind auf kleinsten Flächen gefangen. Natürliche Bachläufe gibt es in Stuttgart schon lange nicht mehr. Und es wäre geradezu beschönigend, den Artenrückgang in Stuttgart nur als dramatisch zu bezeichnen - es ist ein wahrer Exodus. Von den einst 130 Brutvogelarten in der Stadt ist ein Viertel verschwunden, ein Viertel ist bedroht und ein Viertel gefährdet.

Das größte Naturschutzgebiet ist der Rotwildpark

Doch wo Gefahr ist, wächst auch das Rettende. Das Regierungspräsidium Stuttgart und das Amt für Umweltschutz haben in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt fast 9400 Hektar der Gemarkung unter Schutz gestellt, indem sie Natur- und Landschaftsschutzgebiete sowie Flora-Fauna-Habitate auswiesen; das entspricht fast der Hälfte der Stuttgarter Bodenfläche. Allerdings muss man hinzufügen, dass manche Landschaftsschutzgebiete in Stuttgart keine besondere Qualität besitzen: "Viele dieser Gebiete weisen große Belastungen auf, die schwer zu korrigieren sind", sagt Hubert Ott, der oberste Naturschützer im Umweltamt der Stadt Stuttgart. Gartenhäuser, Zäune, Sportanlagen, Wege - all das durfte in früherer Zeit in Landschaftsschutzgebieten gebaut werden.

Ein Pfund, mit dem man wuchern kann, sind dagegen die sieben Naturschutzgebiete, die immerhin 6,5 Prozent der Gemarkung einnehmen. Das größte ist der Rotwildpark mit 830 Hektar. Andere Städte können davon nur träumen.

Einen wichtigen Kampf führt die Stadt auch gegen den Flächenfraß. Noch bis Anfang der 90er Jahre verbrauchte Stuttgart jährlich oft hundert Hektar Grünfläche für Wohnhäuser, Gewerbegebiete und Straßen. Mittlerweile sind es, von Ausreißern abgesehen, noch etwa 30 Hektar. Großen Anteil an diesem Erfolg hat das "nachhaltige Bauflächenmanagement" der Stadt, das es seit 2001 gibt. In einer zentralen Datei werden alle innerstädtischen Brachflächen gesammelt und Investoren angeboten - derzeit sind dort mehr als 300 Brachen aufgelistet. So muss man seltener neue Baugebiete ausweisen.

Naturschutz fällt hinten runter

Allerdings lässt sich an dieser Strategie der innerstädtischen Verdichtung exemplarisch zeigen, wie schwierig es in einer Großstadt ist, die richtigen Mittel für einen nachhaltigen Naturschutz zu finden. Denn gerade die Brachflächen in der Stadt, die durch das Flächenmanagement und neue Projekte verschwinden, sind wichtige Rückzugsgebiete für seltene Tiere und Pflanzen - auf den Gleisfeldern im Talkessel finden sich zum Beispiel 700 Tier- und Pflanzenarten. Naturschützer sprechen dabei gerne von einem "Serengeti am Nesenbach".

Ein anderes Beispiel für diese ökologische Zwangslage sind die Biogasanlagen. Sie erhöhen zwar den Anteil der erneuerbaren Energien im Land, da für die Anlagen aber verstärkt Mais angebaut wird, veröden die landwirtschaftlichen Flächen noch stärker - Monokultur, so weit das Auge reicht. Ohne Hecken und Feldraine und ohne eine Vielfalt von Blumen und Kräutern kann aber beispielsweise der seltene Feldhase nicht überleben. Es ist kurios genug, dass der Schlossgarten mittlerweile als sein wichtigstes Rückzugsgebiet in Stuttgart gilt.

Naturschutzbund kritistert Schusters Haltung

Ein wichtiges Ziel des Amtes für Umweltschutz ist es daneben, die noch bestehenden Biotope besser zu verbinden, um den Tieren die Möglichkeit zu geben zu wandern. Diese Vernetzung zu schaffen sei aber ein mühsames Geschäft, sagt Hubert Ott. Oft fehlten Helfer oder Geld, um die Renaturierung umzusetzen. Und erst vor wenigen Tagen hat OB Wolfgang Schuster nochmals klargestellt, dass der Umbau des Klinikums, die Sanierung der Schulen und der Ausbau der Kindertagesstätten fast alle Mittel binden werden. Der Naturschutz fällt mal wieder hinten runter.

Ulrich Tammler vom Naturschutzbund Stuttgart kritisiert genau diese Haltung. Er habe den Eindruck, dass die zuständigen Ämter personell und finanziell ausgedünnt worden seien und heute vor allem Aufgaben in der Energie- und Verkehrspolitik wahrnehmen: "Der klassische Naturschutz ist etwas aus dem Blickwinkel geraten", so Tammler. Dabei schwebt ihm ein großes Ziel vor: Er setzt sich für ein achtes Naturschutzgebiet ein. An der nördlichen Stadtgrenze, bei Pattonville, liegt die Vördere - auf dem Trockenrasen leben Heuschrecken, Käfer und Spinnen; auch Sumpfrohrsänger, Rebhuhn und Goldammern kommen noch vor. Doch das Gebiet droht zu verbuschen und so seinen Wert zu verlieren. "Dort muss man schnell handeln", sagt der Naturexperte. Aber ihm fehlt selbst ein wenig der Glaube, dass dies gelingen kann.

Die Chancen

 

Viel Natur: Stuttgart besitzt für eine Großstadt sehr viele Naturschutzgebiete - insgesamt sind 6,5 Prozent der Fläche geschützt. Im Regierungspräsidium Stuttgart erreicht kein anderer Landkreis diese Quote.

Gewässer: Vor 30 Jahren trieben noch die Schaumberge auf dem Neckar - heute besitzen die Flüsse und Bäche wieder eine akzeptable Wasserqualität. Zum Schwimmen ist dennoch kein einziger freigegeben.

Umweltbericht: Die Stadt Stuttgart unternimmt in vielen weiteren Bereichen große Anstrengungen. In einem ausführlichen Bericht hat sie dargelegt, wie es um den Naturschutz in der Stadt steht. Er ist einzusehen unter www.stuttgart.de, Stichwort "kommunaler Umweltbericht" eingeben.

Die Probleme

Flächenfraß: Im Jahr 1906 waren in Stuttgart sechs Prozent der Gemarkung mit Gebäuden und Straßen überbaut, heute sind es 50 Prozent. Die Rückzugsgebiete für Tiere und Pflanzen werden immer kleiner.

Artensterben: Viele Tiere in Stuttgart sind vom Aussterben bedroht. So sind von 840 Schmetterlingsarten, die einst in Stuttgart beobachtet wurden, 95 Prozent verschwunden oder massiv in ihrem Bestand bedroht. Von den 23 Amphibien- und Reptilienarten sind 20 in die Rote Liste aufgenommen worden.

Freizeitdruck: Die wenigen Grünflächen in Stuttgart werden von den Menschen in ihrer Freizeit intensiv genutzt - an einem Sommertag sind bis zu 50.000 Menschen in Stuttgarter Wäldern unterwegs.

Was jeder tun kann

  Viel Natur: Stuttgart besitzt für eine Großstadt sehr viele Naturschutzgebiete - insgesamt sind 6,5 Prozent der Fläche geschützt. Im Regierungspräsidium Stuttgart erreicht kein anderer Landkreis diese Quote.

Gewässer: Vor 30 Jahren trieben noch die Schaumberge auf dem Neckar - heute besitzen die Flüsse und Bäche wieder eine akzeptable Wasserqualität. Zum Schwimmen ist dennoch kein einziger freigegeben.

Umweltbericht: Die Stadt Stuttgart unternimmt in vielen weiteren Bereichen große Anstrengungen. In einem ausführlichen Bericht hat sie dargelegt, wie es um den Naturschutz in der Stadt steht. Er ist einzusehen unter www.stuttgart.de, Stichwort "kommunaler Umweltbericht" eingeben.

Die Probleme

Flächenfraß: Im Jahr 1906 waren in Stuttgart sechs Prozent der Gemarkung mit Gebäuden und Straßen überbaut, heute sind es 50 Prozent. Die Rückzugsgebiete für Tiere und Pflanzen werden immer kleiner.

Artensterben: Viele Tiere in Stuttgart sind vom Aussterben bedroht. So sind von 840 Schmetterlingsarten, die einst in Stuttgart beobachtet wurden, 95 Prozent verschwunden oder massiv in ihrem Bestand bedroht. Von den 23 Amphibien- und Reptilienarten sind 20 in die Rote Liste aufgenommen worden.

Freizeitdruck: Die wenigen Grünflächen in Stuttgart werden von den Menschen in ihrer Freizeit intensiv genutzt - an einem Sommertag sind bis zu 50.000 Menschen in Stuttgarter Wäldern unterwegs.

Was jeder tun kann

Im Garten: Wer einen eigenen Garten hat, kann mit wenig Aufwand viel tun: Nistkästen für Fledermäuse aufhängen, eine Schmuddelecke für Igel und Insekten lassen oder Wildkräuter für Wildbienen anpflanzen. Weitere Tipps unter www.nabu.de/oekologischleben.

Bei der Arbeit: Viele Naturschutzvereine suchen Helfer für bestimmte Projekte - man muss nicht immer gleich Mitglied werden. Neben Nabu und BUND gibt es viele weitere Einrichtungen; eine Liste findet sich beim Landesnaturschutzverband unter www.lnv-bw.de.

Auf der Wiese: Etwa zwei bis drei Euro kostet ein Quadratmeter Streuobstwiese - warum kaufen Sie sich nicht eine kleines Stück Natur, pflegen es und machen im Herbst Ihren eigenen Apfelsaft? Alles Wissenswertes gibt es unter www.streuobstwiesen-bw.de.