Naturschutz-Organisationen Getragen von Welle der Empörung
Roland Knauer, 09.01.2010 13:20 Uhr
Der Walfang ist ein blutiges Geschäft – wie andere Formen der Jagd auch. Foto: dpa
Der Walfang ist ein blutiges Geschäft – wie andere Formen der Jagd auch. Foto: dpa
Stuttgart - Japanisches Walfangschiff rammt im Südpolarmeer den Hightech-Trimaran der Walschutzorganisation Sea Shepherd, die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäuger macht auf die Situation der Schweinswale in deutschen Gewässern aufmerksam, die Naturschützer des WWF warnen vor dem Aussterben des westpazifischen Grauwals - ähnlich hoch wie die Artenvielfalt der Walschützer ist auch die Zahl und Art ihrer Aktivitäten.

Die Internationale Walfangkommission macht sich zum Beispiel nur für die Probleme von einer oder zwei Walarten stark, erreicht auf diese Weise jedoch eine breite Öffentlichkeit. Beim WWF genießen von den rund achtzig Wal- und Delfinarten einige mehr die Aufmerksamkeit der Tierschützer. Und Greenpeace hat traditionell einen ausgeprägten Schwerpunkt im Walschutz. Mit Kampagnen, Boykottaufrufen und - vor allem in früheren Jahren - mit publikumswirksamen Aktionen gegen Walfänger erregt die Organisation viel Aufsehen, engagiert sich aber weniger als andere in praktischen Walschutzprojekten.

Sea Shepherd versteht sich wiederum als Polizei der Meere und nimmt auch Sachschäden in Kauf, um die Wale zu schützen. Am vergangenen Dienstag ist ein Schiff dieser ursprünglich US-amerikanischen Organisation von einem japanischen Walfänger gerammt worden; gestern musste es von der Mannschaft aufgegeben werden, und sank. Auch umgekehrt sind die Tierschützer nicht zimperlich. Der Kopf der Organisation, Kapitän Paul Watson, hat zum Beispiel erklärt: "Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die Sea-Shepherd-Naturschutzorganisation mehr Schiffe geentert, gerammt... und versenkt als die kanadische Marine." Nach eigenen Angaben hat die Organisation seit ihrer Gründung 1979 sieben Walfängerschiffe gerammt und acht versenkt.

Aktionen von Sea Shepherd sind oft umstritten


Die oft militanten Aktionen von Sea Shepherd sind unter Walschützern heftig umstritten, die meist Gewalt ablehnen oder befürchten, dass die Fronten zwischen ihnen und Walfangnationen wie Norwegen und Japan unnötig verhärtet werden. Ob das Rammen des Trimarans von Sea Shepherd die Antwort japanischer Walfänger auf provozierende und eventuell ebenfalls militante Aktionen der Artenschützer war, wird vielleicht nie geklärt werden.

Es gibt aber zahlreiche Organisationen, die nicht mit Booten Walfänger verfolgen. Ausschließlich um Wale und Delfine kümmert sich zum Beispiel die 1987 in Großbritannien gegründete Whale and Dolphin Conservation Society, die weltweit Projekte und Kampagnen durchführt. Ähnlich aufgestellt ist die Organisation Yaqu Pacha, die in Ecuador Buckelwale, sowie in Argentinien und Brasilien den La-Plata-Delfin schützt und in Europa über solche Projekte aufklärt. Aus der Schweiz kümmert sich Ocean Care um die Wale und andere Meeresbewohner. Die Schweizer leiten nicht nur Forschungsprojekte im Mittelmeer, die Basiswissen für einen effektiven Walschutz liefern, sondern setzen sich auch dafür ein, den Lärm in den Ozeanen zu verringern. Unter dem Lärm leiden Wale und Delfine, die sich oft mit dem Gehör orientieren.

Die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM) konzentriert sich neben Forschungsprojekten und Öffentlichkeitsarbeit vor allem auf die Naturschutzpolitik. So gehört die Vorsitzende der GSM zur deutschen Delegation bei der Internationalen Walfangkommission, dem Washingtoner Artenschutzabkommen und der Bonner Konvention zum Schutz wandernder wildlebender Tiere.

Viele Arten fallen nicht unter Jagdverbot


Einer der größten Erfolge dieser und vieler anderer Organisation war 1986 der Beschluss der Walfangkommission, den kommerziellen Fang der Großwale zunächst bis 1990 auszusetzen. Dieses Moratorium wurde für Blauwale, Finnwale, Buckelwale und viele andere Arten seither immer wieder verlängert. Trotzdem sehen Walschützer darin nicht nur Gutes.

So gehören viele Arten wie Narwale, Weißwale und alle Delfine nicht zu den Großwalen und fallen damit nicht unter das Jagdverbot. Länder wie Japan aber jagen zum Beispiel Delfine so stark, dass die Bestände zum Teil gefährdet sind. Für Großwale wiederum gibt es eine Ausnahmeregelung für den traditionellen Fang indigener Völker. Wenn dann die Grönländer vom Finnwal auf die angeblich besser schmeckenden, aber auch stärker gefährdeten Buckelwal umstellen wollen, hält sich die Begeisterung der Walschützer in Grenzen.

Außerdem dürfen Mitgliedsstaaten der Internationalen Walfangkommission Ausnahmegenehmigungen für einen Walfang für wissenschaftliche Zwecke erteilen. Japan nutzt diese Sonderregelung jedes Jahr ausgiebig, um einige Hundert Wale zu harpunieren, zu untersuchen - und anschließend als Spezialität auf dem Lebensmittelmarkt zu verkaufen. Eine solche Verwertung schreibt das Moratorium nämlich nach den wissenschaftlichen Untersuchungen vor. Da wundert es nicht, wenn Walschützer argwöhnen, Japan könnte unter dem Deckmantel der Wissenschaft den kommerziellen Walfang fortführen.

Viele Spender lehnen die Jagd prinzipiell ab


Ehrlicher treten Länder wie Norwegen und Island auf, die eine weitere Ausnahmeregelung nutzen: Wer offiziell Einspruch gegen das Moratorium erhebt, wird zwar von den anderen Ländern der Walfangkommission schief angesehen, ist aber nicht mehr an das Fangverbot für Großwale gebunden. Norweger vergleichen ihre auf diese Weise legalisierte Jagd auf Zwergwale gern mit der in Mitteleuropa üblichen Jagd auf Rehe und Hirsche. Solange der Bestand der Zwergwale nicht gefährdet wird, lässt sich dieses Argument nur schwer widerlegen.

Vermutlich sind sich viele Walschützer ohnehin längst einig: eine wissenschaftlich kontrollierte Jagd auf die Arten von Großwalen, deren Bestand dadurch nicht gefährdet wird, wäre wohl besser als das derzeitige Moratorium mit seinen vielen Ausnahmeregelungen. Möglicherweise würden unter diesen Umständen weniger Großwale als heute erlegt. Sicher aber wären die Arten besser geschützt, die heute noch von indigenen Völkern oder unter dem Deckmantel der Wissenschaft gejagt werden. In der Öffentlichkeit aber bringt kaum ein Walschützer solche Überlegungen zur Sprache. Denn viele Organisationen finanzieren sich über Spenden, und viele Spender lehnen die Jagd prinzipiell ab.

Naturschützer kennen diese Denkweise von einer ganz anderen Säugetierart: In drei oder vier Staaten Afrikas gibt es - ganz gegen den üblichen Trend - eine Überbevölkerung unter Elefanten. Die rund um die Uhr hungrigen Dickhäuter setzen ihrer Umwelt dort deutlich zu. Als letzte Maßnahme schießen zum Beispiel Südafrikaner daher jedes Jahr einige Elefanten ab, um ihre Nationalparks vor der Zerstörung zu bewahren. Obwohl sie damit auch die Lebensgrundlage der Elefanten erhalten, ernten sie jedes Mal einen Sturm der Entrüstung. Genau davor haben auch die Walschützer Angst - und hängen daher ihr Fähnchen lieber in den Wind.
Kommentare (5)
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MAI
28
Stefan Thiesen, 10:16 Uhr

Äpfel und (Glüh) Birnen

Der Artikel ist in meinen Augen nicht sonderlich gut recherchiert, sondern ergeht sich in journalistisch unzulässigen Spekulationen und wissenschaftlich unsinnigen Vergleichen. Ob sich die meisten Walschützer "vermutlich" über irgend etwas einig sind, vermag ich nicht zu sagen. "Vermutlich" wollen die meisten Walschützer die Wale schützen und mithin sind sie sowohl gegen ein Moratorium mit Ausnahmeregelungen als auch gegen eine wie auch immer geartete Legalisierung der Jagd. Eine Legalisierung der Jagd dürfte "vermutlich" (und logisch betrachtet sowie empirisch historisch abgesichert) Tür und Angel öffnen für weitere Lockerungen und würde einen gewaltigen Rückschritt bedeuten. Der Vergleich terrestrischer Ökosysteme und Lebensräume für Wildtiere mit marinen Ökosystemen ist wissenschaftlich vollkommen unsinnig. Die Elefanten Überpopulationen hängen mit vielen Faktoren zusammen, darunter die Begrenzung ihrer Wanderrouten durch Zäune sowie Park- und Landesgrenzen, die dramatische Zunahme der MENSCHLICHEN Bevölkerung und die Ausbreitung der Landwirtschaft - auch unabhängig von der eigentlichen Bevölkerungsdichte (Export von Cash Crops). Nichts davon ist ein Problem im offenen Ozean, und indirekt zu implizieren Wale seien am Ende gar ein ökologisches Problem für die Meere, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Bleibt die weiter zu diskutierende ethische Frage, ob es vertretbar ist, hochentwickelte Lebewesen zu töten, auf die wir ein keiner Weise angewiesen sind.

JAN
11
Manuel Garcia Hartmann, 15:26 Uhr

Kampf um Wale und Delphine

Ich möchte dem Author zu seinen guten Recherchen und seiner klaren und weitsichtigen Darstellung gratulieren! Es ist nicht einfach, den Konflikt zwischen individuellem Tierschutz und Artenschutz auf den Punkt zu bringen, vor allem in solch einer emotionsgeladenen Thematik wie dem Walfang. Und das 'heiße Eisen' Spendenorganisationen anzupacken, dazu gehört Mut. Herzlichen Glückwunsch für die sehr gelungene Darstellung!

JAN
11
Xaver Müller, 12:52 Uhr

South Park nimmt sich des Themas an

In den USA wird dieses Thema in einer der neuesten Episoden der Comicserie South Park aufgegriffen. Zwar nicht ganz humorlos aber gerade das macht es aus. Da bekommen beide Seiten (Fänger und Schütze) ihr Fett weg!

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