Neckarwestheim
Das Gefühl der alten Widerständler
Markus Klohr, Fotos: factum/Weise, dpa, ddp,
22.03.2010 07:51 Uhr
Foto: factum/Weise
""Es ist ziemlich schwer, Leute zu mobilisieren, die Tschernobyl nicht erlebt haben.""
Florian Schwarz, 22, Neuling in der Anti-AKW-Bewegung
Der Atomstrom als ein Puffer für die erneuerbaren Energiequellen? Das Kraftwerk Neckarwestheim als klimaschonende Energiequelle im Dienste der Versorgungssicherheit? Die EnBW als Großinvestor in regenerative Energieträger? Solche Parolen des Konzerns ziehen an diesem Sonntag vor dem Atommeiler nicht. Bei den Versammelten geht eine andere Parole um, sie lautet: "Es geht wieder los." Rund 5200Menschen haben sich vor dem Kraftwerk aufgereiht. "Wir sind massenmäßig wieder da, wo wir nach Tschernobyl waren", sagt Würth. Zum Protest hatten 35 Gruppen aufgerufen, von den örtlichen Aktionsbündnissen über Naturschutzverbände bis hin zu den Grünen und zur SPD. Die alte Protestbewegung gewinnt wieder an Strahlkraft, und sie arbeitet professionell: statt improvisierten Mahnwachen oder Blockadeaktionen werden medienwirksame Events in Szene gesetzt. Das mit 1500 Meter angeblich "längste Anti-Atom-Transparent der Welt" wird entrollt–gedacht als eine "Mitmachaktion".
Teil eines kleinen, renitenten Grüppchens
Für Herbert Würth ist die erneute Massentauglichkeit des Widerstands gegen die Kernkraft "ein schönes, ein echt gutes Gefühl". Er hat sich daran gewöhnt, als Teil eines kleinen, renitenten Grüppchens, dem lokalen Aktionsbündnis Castor-Widerstand, dem Stromriesen seit Jahren Paroli zu bieten. Aber die Resonanz war schwach. Einige hundert Mitstreiter kamen höchstens an den Tschernobyl-Jahrestagen zusammen. Nur bei den Demonstrationen gegen die Castor-Transporte waren die Teilnehmerzahlen vierstellig. Würth sieht sich als Außerparlamentarischer, er hält Abstand zu den parteipolitisch gefärbten Mitstreitern. Er war bei ungenehmigten Blockaden oder Anti-Atom-Spaziergängen dabei und hätte um ein Haar ein hohes Ordnungsgeld zahlen müssen. Doch die Polizei konnte nicht nachweisen, wer in der anarchischen Gruppe der Rädelsführer war.
Heute ist das anders. Alles ist legal, alles in einem ordentlichen Rahmen: Schon früh ist der Aufmarsch der Atomgegner beim Landratsamt angemeldet und genehmigt worden. Die Neckarwestheimer Punkrocker Glyzerin empfängt den Protestzug um die Mittagszeit auf dem Parkplatz des Atommeilers. Ein Kabarettist klopft Anti-Atom-Sprüche, für die Kinder gibt es ein Spielmobil, Sambatrommlern geben den Rhythmus vor. Eine Moderatorin spricht, Snacks und Getränke werden feilgeboten. Aber kurz nach dem Beginn der Kundgebung gerät der blaue Kubus ins Wanken. Einige Demonstranten versuchen, die Werbebotschaft herunterzureißen. Eine Gruppe schwarz Gekleideter macht sich am Transparent der EnBW zu schaffen. Zwei junge Aktivisten klettern nach oben, seilen sich an und nesteln an dem Werbebanner. Herbert Würth schmunzelt, als hätte er eine Vorahnung. "Bei uns gilt das Motto: keine Gewalt gegen Menschen", sagt er nur. Eine Schar von Polizisten steht in gebührendem Sicherheitsabstand daneben und schaut zu.
Der Hintergrund für das erneute Aufflammen des Protests ist die Politik der schwarz-gelben Bundesregierung. Neckarwestheim, dessen erster Block 1976 ans Netz ging, ist nach Biblis der zweitälteste Kernreaktor Deutschlands, der noch in Betrieb ist. Eigentlich hätte er in diesem Frühjahr vom Netz gehen sollen. Doch die EnBW hat die Reststrommengen geschickt verteilt, um den Betrieb bis in den Herbst zu retten. Dann, so wird erwartet, könnte der Bund den von Rot-Grün beschlossenen Atomausstieg rückgängig machen.
Rastalocken neben Seitenscheitel
Das Unbehagen an diesem Spiel auf Zeit vereint ganz unterschiedliche Typen. Rastalocken und Seitenscheitel sind Seite an Seite zu sehen. Etliche Demonstranten sind im Rentenalter. Aber auch die junge Generation, für die die alten Kämpen einst aus ideellen Gründen auf die Straße gegangen sind, ist mit von der Partie. Die Grüne Jugend zeigt massive Präsenz. "Es war bei uns nicht schwierig, Leute zu mobilisieren", sagt Florian Schwarz, 22, Vorsitzender der Grünen Jugend im Kreis Ludwigsburg. Außerhalb der Parteikreise sei aber Überzeugungsarbeit nötig. "Es ist viel schwerer, Leute zu überzeugen, die Tschernobyl nicht erlebt haben." Er kann dem Werbekubus der EnBW sogar etwas Positives abgewinnen. "So etwas provoziert, für uns ist das ist ein Ansporn."
Im Protestzug, der sich am Kirchheimer Bahnhof gesammelt hat, um dann nach Neckarwestheim zu marschieren, sind auch viele Kinderwagen zu sehen. Vor dem Kirchheimer Bahnhof haben sich einige Familien versammelt. Papa hat ein Transparent vor dem Bauch, Mama hält eine Fahne. Und die Kinder malen mit Kreide auf der Straße, sie streichen Atomkraftwerke durch und schreiben den Slogan "Atomkraft–Nein Danke".
Um 15Uhr verliert die EnBW die ideologische Deutungshoheit über das Geschehen. Der blaue Kubus steht noch, aber quer über die Werbeparole haben die schwarzgekleideten Kletterer ein Transparent der Naturschützer von Robin Wood gehängt. "Lächeln statt Strahlen", ist darauf zu lesen. Herbert Würth hat den Spruch verinnerlicht: "Wir senden heute aus Neckarwestheim ein bundesweites Signal."
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Tschernobyl
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