Neckarwestheim I Atomkraftwerk bleibt am Netz
dpa/lsw, vom 25.02.2010 17:13 Uhr
Karlsruhe/Neckarwestheim - Totgesagte leben länger: Zumindest für das über 30 Jahre alte Atomkraftwerk Neckarwestheim I scheint das zuzutreffen. Dank gedrosselter Leistung bleibt der Meiler länger am Netz als geplant. Nach dem rot-grünen Atomkonsens sollte der zweitälteste Reaktor in Deutschland eigentlich spätestens im Frühjahr abgeschaltet werden. Zwar plant die schwarz-gelbe Bundesregierung - wie vor der Bundestagswahl versprochen - längere Laufzeiten - aber die Entscheidung kommt wohl erst im Herbst. So ging der Betreiber EnBW schon mal auf Nummer sicher: Die Leistung wurde um gut zwei Drittel gedrosselt. Sehr zum Ärger von Umweltschützern, Atomkraftgegnern und der Opposition. "Die EnBW verbeißt sich immer mehr darin, ihren ältesten Goldesel am Netz zu halten", kritisierte die Abgeordnete der Grünen im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl. Es sei unverantwortlich, wegen erhoffter Profite "einen der ältesten und pannenanfälligsten Atommeiler der Republik" weiter laufen zu lassen.
"Miese Tricks" oder gangbarer Weg?
Die Südwest-Grünen sprechen von "miesen Tricks"; das Umweltministerium Baden-Württemberg hält das Vorgehen hingegen für einen gangbaren Weg, um eine vorzeitige Abschaltung zu vermeiden. Konkret soll der Druckwasserreaktor mit einer elektrischen Leistung von 840 Megawatt in den nächsten Monaten nur noch mit einer Produktion von etwa 250 Megawatt gefahren werden, erklärte EnBW- Sprecher Dirk Ommeln. Interessant, meint die SPD. Damit sei der Beweis erbracht, dass das Atomkraftwerk nahe Heilbronn nicht gebraucht werde. Die von der Landesregierung geschürten Befürchtungen, ohne Atomkraft breche die Stromversorgung zusammen, würden nun endgültig widerlegt, sagte SPD- Landtagsfraktionschef Claus Schmiedel. Auch die Grünen freuen sich über das "Eigentor". Für den drittgrößten deutschen Stromkonzern dürfte sich der Schritt aber lohnen: Wenn der Meiler bis Herbst mit gut zwei Drittel weniger Leistung laufe, sei das auf den ersten Blick zwar nahezu ein "Null-Summen-Spiel", meint Felix Christian Matthes vom Freiburger Öko-Institut.
Atomgesetz muss geändert werden
Wenn sich die Bundesregierung im Herbst aber für eine Laufzeitverlängerung entscheidet, sei das ein "sehr lukratives Geschäft". Schließlich erwirtschafte der Meiler bei einem niedrigen Strompreis im Normalbetrieb jeden Tag einen Gewinn von etwa 700.000 Euro, bei einem höheren Preis aber durchaus bis zu 1,5 Millionen Euro. Und derzeit sei der Strompreis wegen der Wirtschaftskrise ohnehin "im Keller", sagte Matthes. Die Aussichten auf längere Laufzeiten stehen gut: Die Parteispitzen von Union und FDP hatten am Mittwochabend in Berlin bekräftigt, auch nach den Äußerungen von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) zur Atomkraft werde der Koalitionsvertrag eingehalten. Röttgen hält es für denkbar, dass die Kernkraft 2030 von Öko-Energien abgelöst werden kann. Um eine Übergangslösung für Neckarwestheim I zu finden, war auch eine Übertragung von verbliebenen Strommengen von dem bereits stillgelegten Atomkraftwerk Stade im Gespräch.
Durch die gedrosselte Stromproduktion sei dies aber "nicht mehr zwingend nötig", so die EnBW. Damit komme man rechnerisch "mindestens bis in den Herbst". "Die EnBW lässt den Meiler ins Koma fallen, in der Hoffnung, dass es im Herbst eine Einigung gibt, damit der atomare Dukatenesel wieder spuckt", sagte der Grünen-Energieexperte Franz Untersteller, um gleichzeitig hinzuzufügen: "Aber ob er wieder aus dem Koma aufwacht, steht noch in den Sternen." Selbst bei einer Einigung müsste das Atomgesetz geändert werden. "Das geht nicht von heute auf morgen, sondern kann sich weit bis in das Jahr 2011 hineinziehen", schätzte Untersteller. Und wenn das geschieht, wollen die Grünen das Thema in die bevorstehende Landtagswahl nehmen. "Dann stimmt das Volk darüber ab."
Davor wollen die Grünen zusammen mit der SPD und Naturschützern schon mal kräftig gegen den "Schrottreaktor" mobilisieren. BUND- Landesgeschäftsführer Berthold Frieß erwartet zu einem "Anti-Atom- Frühlingfest" am 21. März in Neckarwestheim "mehrere tausend" Menschen.