| Zeitungsgruppe Stuttgart |Freitag, 10. Februar 2012
Baden-Württemberg
Artikel weiterempfehlen

Neckarwestheim I Atomkraftwerk bleibt am Netz

dpa/lsw, vom 25.02.2010 17:13 Uhr
 Foto: dpa
Foto: dpa
Karlsruhe/Neckarwestheim - Totgesagte leben länger: Zumindest für das über 30 Jahre alte Atomkraftwerk Neckarwestheim I scheint das zuzutreffen. Dank gedrosselter Leistung bleibt der Meiler länger am Netz als geplant. Nach dem rot-grünen Atomkonsens sollte der zweitälteste Reaktor in Deutschland eigentlich spätestens im Frühjahr abgeschaltet werden. Zwar plant die schwarz-gelbe Bundesregierung - wie vor der Bundestagswahl versprochen - längere Laufzeiten - aber die Entscheidung kommt wohl erst im Herbst. So ging der Betreiber EnBW schon mal auf Nummer sicher: Die Leistung wurde um gut zwei Drittel gedrosselt. Sehr zum Ärger von Umweltschützern, Atomkraftgegnern und der Opposition. "Die EnBW verbeißt sich immer mehr darin, ihren ältesten Goldesel am Netz zu halten", kritisierte die Abgeordnete der Grünen im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl. Es sei unverantwortlich, wegen erhoffter Profite "einen der ältesten und pannenanfälligsten Atommeiler der Republik" weiter laufen zu lassen.

"Miese Tricks" oder gangbarer Weg?


Die Südwest-Grünen sprechen von "miesen Tricks"; das Umweltministerium Baden-Württemberg hält das Vorgehen hingegen für einen gangbaren Weg, um eine vorzeitige Abschaltung zu vermeiden. Konkret soll der Druckwasserreaktor mit einer elektrischen Leistung von 840 Megawatt in den nächsten Monaten nur noch mit einer Produktion von etwa 250 Megawatt gefahren werden, erklärte EnBW- Sprecher Dirk Ommeln. Interessant, meint die SPD. Damit sei der Beweis erbracht, dass das Atomkraftwerk nahe Heilbronn nicht gebraucht werde. Die von der Landesregierung geschürten Befürchtungen, ohne Atomkraft breche die Stromversorgung zusammen, würden nun endgültig widerlegt, sagte SPD- Landtagsfraktionschef Claus Schmiedel. Auch die Grünen freuen sich über das "Eigentor". Für den drittgrößten deutschen Stromkonzern dürfte sich der Schritt aber lohnen: Wenn der Meiler bis Herbst mit gut zwei Drittel weniger Leistung laufe, sei das auf den ersten Blick zwar nahezu ein "Null-Summen-Spiel", meint Felix Christian Matthes vom Freiburger Öko-Institut.

Atomgesetz muss geändert werden


Wenn sich die Bundesregierung im Herbst aber für eine Laufzeitverlängerung entscheidet, sei das ein "sehr lukratives Geschäft". Schließlich erwirtschafte der Meiler bei einem niedrigen Strompreis im Normalbetrieb jeden Tag einen Gewinn von etwa 700.000 Euro, bei einem höheren Preis aber durchaus bis zu 1,5 Millionen Euro. Und derzeit sei der Strompreis wegen der Wirtschaftskrise ohnehin "im Keller", sagte Matthes. Die Aussichten auf längere Laufzeiten stehen gut: Die Parteispitzen von Union und FDP hatten am Mittwochabend in Berlin bekräftigt, auch nach den Äußerungen von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) zur Atomkraft werde der Koalitionsvertrag eingehalten. Röttgen hält es für denkbar, dass die Kernkraft 2030 von Öko-Energien abgelöst werden kann. Um eine Übergangslösung für Neckarwestheim I zu finden, war auch eine Übertragung von verbliebenen Strommengen von dem bereits stillgelegten Atomkraftwerk Stade im Gespräch.

Durch die gedrosselte Stromproduktion sei dies aber "nicht mehr zwingend nötig", so die EnBW. Damit komme man rechnerisch "mindestens bis in den Herbst". "Die EnBW lässt den Meiler ins Koma fallen, in der Hoffnung, dass es im Herbst eine Einigung gibt, damit der atomare Dukatenesel wieder spuckt", sagte der Grünen-Energieexperte Franz Untersteller, um gleichzeitig hinzuzufügen: "Aber ob er wieder aus dem Koma aufwacht, steht noch in den Sternen." Selbst bei einer Einigung müsste das Atomgesetz geändert werden. "Das geht nicht von heute auf morgen, sondern kann sich weit bis in das Jahr 2011 hineinziehen", schätzte Untersteller. Und wenn das geschieht, wollen die Grünen das Thema in die bevorstehende Landtagswahl nehmen. "Dann stimmt das Volk darüber ab."

Davor wollen die Grünen zusammen mit der SPD und Naturschützern schon mal kräftig gegen den "Schrottreaktor" mobilisieren. BUND- Landesgeschäftsführer Berthold Frieß erwartet zu einem "Anti-Atom- Frühlingfest" am 21. März in Neckarwestheim "mehrere tausend" Menschen.
Weitere Artikel
Kommentare (5)
Kommentarregeln
  • Kommentare anzeigen
Anzeigen
FEB
26
21:53 Uhr, geschrieben von Karl Ranseier
KKW Neckarwestheim
Wie kann es sich Deutschland so als einziges der G8-Länder leisten, aus der Atomenergie auszusteigen? Diese Woche hat sogar der Obama Gelder für die Atomindustrie in den USA bewilligt, es werden 3 neue Meiler in Georgia gebaut. Die Schweiz will bis 2020 3 neue Reaktoren bauen, Schweden plant sogar 18 neue Meiler - der Ausstiegsbeschluss von 1979 wurde 2009 gekippt. Italien hat ebenfalls seinen 1987 vollzogenen Atomausstieg gekippt und wird ab 2012 5 neue Kraftwerke bauen. Auch die Niederlande haben den geplanten Atomausstieg gekippt und planen nun ein zweites Kernkraftwerk. Auch Polen plant Kernkraftwerke. von den G8 wird Deutschland das einzige Land sein, dass mittelfristig auf Kernenergie verzichtet. Kann sich Deutschland, dass in den 80ern Weltmarktführer bei der Kerntechnik war, erlauben, dass High-Tech und hochbezahlte Arbeitskräfte (und damit Steuerzahler) ins Ausland abwandern? offenbar ja. Armes Deutschland. Meinen Sie, die Nachbarländer bauen einfach aus Spass an der Freude? Nein, sie haben die Zeichen der Zeit erkannt. Und was das Endlagerproblem angeht, so ist es traurig, dass man in den Medien nicht über die Fortschritte bei der Lösung der Problematik berichtet. Wenn man bedenkt, dass es russischen Forschern in Zusammenarbeit mit Karlsruher Experten (Ja, richtig gelesen, Karlsruher) gelungen ist, das so genannte Transmutationsverfahren zur Serienreife zu entwickeln. Mithilfe dieses Verfahrens kann langlebiger Atommüll (Lagerzeit mehrere 10.000 Jahre) in kurzlebigen Atommüll (Lagerdauer ca. 30 - 50 Jahre) umgewandelt werden. Gleichzeitig kann damit das Atommüllvolumen um über 90% (!!!) verringert werden. Der endgültige Durchbruch für das Verfahren wird für 2011 erwartet. Aber das interessiert keine Sau, die Medien berichten eh nur einseitig. Schade drum :( Übrigens, so ein Siemens/KWU-KKW mit Druckwasserreaktor (wie GKN-1) ist für eine Lebensdauer von 40 bis 60 (neuere Kraftwerke wie GKN-2 bis 70 Jahre) ausgelegt. Wenn es schon abgeschaltet werden muss, dann erst, wenn das Ende der technischen Lebenszeit erreicht ist. Würde man an die deutschen KKWs Fernwärmeleitungen anschließen und damit Heizwärme für Industrie und Haushalte liefern, könnten pro Jahr mehrere Milliarden (!!!) Liter Heizöl eingespart werden. Nützlicher Nebeneffekt: Der Wirkungsgrad des KKWs würde sich deutlich erhöhen. Ich hoffe, dass sich das Transmutationsverfahren als zuverlässig erweist und noch weiter verbessert werden kann. Dann können auch die radikalsten Baumküsser und Froschverehrer nicht mehr an der Kernenergie vorbeikommen.
FEB
26
08:24 Uhr, geschrieben von Gisbert
Konsequenzen ziehen,
Stromanbieter wechseln und Öko-Strom wählen. Über verivox oder die Verbraucherzentralen kann man sich gut informieren. ENBW ist nicht der einzige Stromanbieter im Südwesten.
FEB
25
23:02 Uhr, geschrieben von Nicht-FDP-Wähler
Voraussagen, dass die FDP wegen Neckarwestheim nächstes mal abstinkt
Wer das behauptet, war vor der letzten Wahl blind! Ausnahmsweise hat eine Politische Partei vor der letzen Wahl gesagt, was sie danach machen will! Es muss allen FDP-Wählern (und auch den CDU-Wählern) vorher bekannt gewesen sein, dass die neue Bundesregierung die Nuklear-Energie nicht als böse empfindet und deshalb die entsprechenden Kraftwerke länger laufen lassen will! Zumindest haben beide Parteien das vorher deutlich gesagt! Und die Partei, die eigentlich dafür zuständig währe, das so richtig zu thematisieren, war in Stuttgart mit was Anderem beschäftigt, weil sie sich dadurch mehr Stimmen erhofft hat! Deshalb nützt Jammern jetzt nichts mehr - die Wähler haben das so gewollt!
Kommentar-Seite
vorherige
1  von  2
nächste
 
Anzeige
Umfrage
urn:newsml:dpa.com:20090101:120204-010-11165 VfB Stuttgart

Nach der enttäuschenden Pokalschlappe gegen die Bayern rollt für den VfB Stuttgart am Samstag der Ball in der Bundesliga wieder. Können die Schwaben gegen Berlin mal wieder einen Sieg einfahren?

 
Klar! Der VfB gewinnt gegen Berlin
Es wird eine enge Kiste - unentschieden
Nein! Die Hertha entführt die drei Punkte
 
Aktueller Stand
 
 
StZ digital
Stuttgarter Zeitung digital
Die gedruckten Ausgaben im Originallayout.

 
 
ePress App
Genießen Sie Ihre Stuttgarter Zeitung auch auf dem iPad.
 
 
Abonnement-Prämien
Werben Sie einen Freund als Abonnent der Stuttgarter Zeitung. Für jede Empfehlung erhalten Sie eine Prämie aus unserem Shop.
Abonnement