Neonazi-Demo in Göppingen „Die haben vor leeren Rängen gespielt“

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Stell dir vor, es ist eine Neonazi-Demo, und niemand bekommt es mit. Der Göppinger Oberbürgermeister Guido Till ist zufrieden mit seiner Taktik, einen angemeldeten Aufmarsch vorher nicht publik gemacht zu haben. Denn so gab es auch kaum Gegendemonstranten und kaum Beachtung.

Naziaufmarsch am Bahnhof mit Esel (links) und Schwein (rechts), dokumentiert auf der Seite www.beobachternews.de Foto: Andreas Scheffel
Naziaufmarsch am Bahnhof mit Esel (links) und Schwein (rechts), dokumentiert auf der Seite www.beobachternews.deFoto: Andreas Scheffel
Göppingen – - Bis zum Ende dieses Jahrzehnts – so hatten Neonazis angekündigt – wollten sie in Göppingen alljährlich im Oktober demonstrieren. Doch nach der Festnahme von vier Mitgliedern der Autonomen Nationalisten Göppingen im Februar und ihrer Inhaftierung wurden die bundesweit beworbenen Aufmärsche abgemeldet – zur Erleichterung vieler Bürger. Jetzt haben wieder rund 30 Neonazis am Bahnhof demonstriert. Die Stadtverwaltung wusste davon, denn die Kundgebung war ordnungsgemäß angemeldet. Doch Oberbürgermeister Guido Till (CDU) informierte nicht einmal seinen Gemeinderat, geschweige denn den Runden Tisch gegen rechts. „Das war richtig“, findet der OB. „Wir haben den Ball extra flach gehalten.“
Die Hoffnung war groß in Göppingen, dass die Stadt die Naziauftritte hinter sich hat. Dachten Sie das auch?
Das kann ich gar nicht sagen. Wir haben es hier mit vielen Zersplitterungen zu tun. Wenn man überlegt, dass die rechte Szene ein Jahr lang 2012/2013 hier mobilisiert hat und dann bei einer Großdemonstration mit bundesweiter Bedeutung 148 Rechte teilgenommen haben, dann sind das Relationen, nach denen man immer damit rechnen muss, dass es wieder zu Anmeldungen kommt. Wie das ja auch jetzt wieder der Fall war.
Wann ging die Anmeldung ein?
Anfang voriger Woche haben wir eine Anmeldung von einem Mann aus Nürnberg bekommen. Die Kontaktpersonen waren auch alle aus Bayern.
Sie waren selbst bei der Kundgebung vor Ort. Wie war das Bild?
Es waren knapp 30 Rechte mit dem Zug gekommen. Sie waren um kurz vor 14 Uhr da und haben dann ihre Veranstaltung durchgeführt, und niemand hat zugehört, weil niemand da war. Es waren noch ein paar Demonstranten aus dem linken Lager, die wohl von der gleichzeitig stattfindenden syrisch-orthodoxen Demo herübergelaufen waren. Das war aber auch nur eine Handvoll. Und dann sind die Rechten wieder abgefahren.
Ist das Ihre neue Taktik gegen rechts?
Nein, das ist nicht neu. So sind wir immer verfahren, dass wir nach Möglichkeit den Ball flach gehalten haben.
Ursprünglich war für Mitte Oktober eine große Demonstration angemeldet, die nach den Verhaftungen zurückgezogen worden war. Erst in der vergangenen Woche hat die Stadtverwaltung das auf Anfrage bestätigt, aber von der Demo am Samstag nichts gesagt. Warum?
Es waren maximal 20 Teilnehmer angemeldet, und es ging laut der Anmeldung um „Repressalien gegenüber Nationalisten“. Das war für uns sehr überschaubar. Und auf Anraten der Polizei haben wir ihnen einen Teil des Bahnhofsplatzes zugewiesen. Da haben sie sich aufgehalten. Das war poli­zeilich abgesichert, und damit war die Sache erledigt. Wir verheimlichen keine Demonstration, die eine gewisse Dimension übersteigt. Wenn hier eine Anmeldung gekommen wäre mit 200 Leuten oder – von mir aus – 100 Leuten, wären wir selbstverständlich an die Öffentlichkeit gegangen und hätten im Vorfeld eine Pressekonferenz gegeben. Aber es waren hier maximal 20 Teilnehmer angemeldet. Wir haben gehofft, dass wir aufgrund der geringen Teilnehmerzahl und des Themas keine Resonanz bekommen. Und so war es auch.
Dann war der Ablauf also aus Ihrer Sicht ein Erfolg.
Ja, ich fand unsere Reaktion mehr als angemessen. Ich fand sie sogar richtig gut. Die haben vor leeren Rängen gespielt. Das hat richtig funktioniert. Man kann auch mal Glück haben bei einer Planung. Wir haben am Samstag Glück gehabt.
Sie wollten also verhindern, dass die Gegenseite zu stark mobilisiert?
Nein, ich wollte einfach keine Öffentlichkeit. Das haben wir mit der Polizei zusammen so besprochen. Das war eine Erfahrung, die ich letztes Jahr vor der Bundestagswahl bei einem Auftritt der NPD auf dem Kornhausplatz gemacht habe. Die haben sich richtig erfreut an den Gegendemonstranten hinter dem Absperrgitter.
Der Runde Tisch gegen rechts war bei dieser Entscheidung nicht eingebunden. Brauchen Sie ihn überhaupt noch?
Der Runde Tisch wird unabhängig von jeder weiteren Demonstration weitergeführt. Das sind für mich zwei Paar Schuhe. Dass wir alle Teilnehmer unter einen Hut bringen, ist bei der angespannten Terminlage nicht so einfach. Aber er wird nach den Sommerferien wieder zusammenkommen. Der Runde Tisch hat für mich immer die Bedeutung gehabt, dass wir präventiv arbeiten, also mittelfristig und langfristig .
Gibt es für dieses Jahr noch weitere Anmeldungen für Demonstrationen von rechts?
Bis jetzt nicht. Aber ich kann Ihnen jetzt nicht sagen, ob wir noch eine bekommen.
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