Nesenbach-Tour Viel Kloake und etwas Natur

Heike Armbruster und Annegret Jacobs, 10.01.2013 20:15 Uhr

Stuttgart - Werner Stahl steht am mutmaßlichen Quelltopf des Nesenbachs im Westen von Vaihingen und erinnert sich an den Tag seiner Jugend, an dem ihm das Gewässer seinen wahren Charakter offenbarte. Im Winter 1949 wollte er, damals acht Jahre alt, mit seinen Freunden Ski fahren. Die Jungs schnallten sich Bretter unter die Schuhe und träumten von rasanten Abfahrten. Ihre Piste: die Honigwiesen, ein sumpfiges Gebiet am Rande des Stuttgarter Stadtbezirks. Doch Werner Stahl bretterte schnurstracks in den Nesenbach. Nur ein Rinnsal, aber es verfehlte seine Wirkung nicht: „Was habe ich gestunken, penetrant nach Kloake“, erzählt er.

Werner Stahl, heute 71 Jahre alt, lernte an diesem Winternachmittag fürs Leben: Der lustig durch die Honigwiesen plätschernde Nesenbach ist kein naturbelassenes Flüsschen, sondern Stuttgarts größter Abwassersammler. Bereits damals führte er das Abwasser aus der Kaserne am Lauchhau mit, zunächst aus der Kurmärker Kaserne, nach dem Krieg aus den amerikanischen Patch-Barracks.

Lange bevor der Nesenbach seinen heutigen Namen erhielt, gehörte er zum Leben der Vaihinger, Kaltentaler, Heslacher und Stuttgarter. Er war die Lebensader der Menschen und nicht nur ihr Abwasserkanal. Bereits 1490 wurde „der Bach“, wie er damals meist nur genannt wurde, herangezogen, um die Trinkwasserversorgung des württembergischen Hofs zu sichern. Damals wurde die erste Wasserleitung von Kaltental aus zum Alten Schloss gelegt, eine sogenannte Teichelleitung. Teichel sind etwa drei Meter lange, aufgebohrte Fichtenstämme. Bei der Neugestaltung des Bihlplatzes 1984 wurden solche Teichel im Erdreich gefunden. Diese erste Trinkwasserleitung schwächte den Nesenbach allerdings auch: Zwischen Kaltental und seiner Mündung in den Neckar führte er weniger Wasser und büßte damit einen Teil seiner Selbstreinigungskraft ein.

Stahl verlässt den sandigen Weg, der über ein Holzbrückchen führt. Er geht durch die Wiese auf den Maschendrahtzaun zu, der das Gelände des Audi-Zentrums von den Honigwiesen trennt. 1985 glaubte die Stuttgarter Verwaltung, an dieser Stelle den Quelltopf des Nesenbachs entdeckt zu haben. „Deswegen hat die Stadt hier so etwas nachgebaut, was wohl an die Rheinquelle erinnern soll“, vermutet der Vaihinger. „Ein paar Steine, an denen der Fluss aus der Erde sprudelt.“

Tatsächlich hat sich um den künstlich aufgeschichteten Quelltopf Wasser angesammelt. „Das ist aber kein Quellwasser“, ist sich Stahl sicher. „Das ist der Regen der letzten Tage.“ Denn im Sommer sei der Graben oft trocken. Der Nesenbach habe zwar hier sein Quellgebiet, doch in den Honigwiesen könne man keinen exakten Quellort ausmachen. „Hier ist es ja überall sumpfig“, sagt Stahl.

Eine der ältesten erhaltenen Karten des Nesenbachs stammt aus dem Jahr 1622. Damals zeichnete der württembergische Hofbaumeister Heinrich Schickhardt den Verlauf des Gewässers nach. Als Quelle sind die Honigwiesen angegeben, das Gebiet war damals noch nicht bewohnt. Eine Beschreibung des Königreichs Württemberg aus dem Jahr 1851, verfasst vom Oberamt Stuttgart, wird nicht konkreter: „Ungefähr eine Viertelstunde vom mit gut unterhaltenen Straßen versehenen Pfarrort Vaihingen auf den Fildern entspringt in den Honigwiesen der Nesenbach.“

Der Boden im Regenüberlaufbecken an der Böblinger Straße auf Höhe der Stadtbahnhaltestelle Vogelrain ist spiegelglatt. „Aufpassen“, sagt Robert Hertler, der Leiter des  städtischen Kanalbetriebs, und grinst: „Hier besser nicht rutschen, das ist Klärschlamm.“ Will heißen: die Ablagerungen der vorigen Nacht, alles, was in Vaihingen und Kaltental von Betrieben und Haushalten in die Kanalisation eingeleitet worden ist – Abwasser aus Duschen, Waschmaschinen und Toiletten. Manchmal ist das Treibgut auch größer, ein Feuerlöscher war sogar mal dabei. „Ist uns ein Rätsel, wie der reingekommen ist“, sagt Robert Hertler. „Wir haben keine Chance zurückzuverfolgen, woher er stammte.“