Neubaustrecke
Streit über Kosten und Nutzen
Jörg Nauke,
28.07.2010 14:45 Uhr
Foto: Rudel
Das Land beteiligt sich an der Finanzierung des nun auf 2,89 Milliarden Euro taxierten Projekts weiterhin mit 950 Millionen Euro; nur so ist ein Baubeginn in diesem Jahr möglich. Von 2016 an steigt der Bund ein, die Bahn trägt 150 Millionen Euro. Der Bund für Umwelt und Naturschutz hält die präsentierten Kosten für "nicht nachvollziehbar", sie widersprächen den Erfahrungen anderer Bahnprojekte wie der Strecke München-Ingolstadt. Demnach müsste allein für die Tunnels auf der Trasse Wendlingen-Ulm vier Milliarden Euro kalkuliert werden. Die Projektgegner haben bei den Münchner Gutachtern Vieregg & Rössler eine Expertise in Auftrag gegeben, die im Herbst präsentiert wird. Sie fordern nun ein Moratorium für Stuttgart 21 und einen Baukostengipfel, bei dem alle Risiken offengelegt und bewertet werden müssten.
Es drohen Überkapazitäten
Doch nicht nur die Kosten, auch der Nutzen der Neubaustrecke wird längst hinterfragt. Sie soll die angeblich an ihrer Kapazitätsgrenze angekommene alte Filstaltrasse entlasten, indem sie den Fernverkehr aufnimmt und einen Teil des Güterverkehrs. Von zu viel Verkehr auf der Altstrecke kann aber längst keine Rede mehr sein, das Gegenteil ist der Fall, vor allem wegen des Rückgangs beim Güterverkehr. Seit 1991 sinken die Zahlen. Waren es damals noch 305 Züge am Tag (bei einer maximalen Kapazität von 312 Zügen) so wurden 2009 nur noch 209 gezählt, aufgeteilt in 96 Nah-, 63 Fernverkehrs und 50 Güterzüge. Es drohen folglich Überkapazitäten, die die Wirtschaftlichkeit beider Strecken gefährden.
Davon wollen die Projektbefürworter aber nichts wissen: die dem Bundesverkehrswegeplan zugrundeliegende Prognose für 2015, die auch heute noch für die Kosten-Nutzen-Analyse des Bundes gilt, geht von 410 Zügen täglich aus - doppelt so viel wie heute. Ebenso Bestandteil der Bewertung durch den Bund sind 40 schnelle, leichte Güterzüge (vormals sogar 80), für die Fachleute auch in Zukunft überhaupt keinen Bedarf sehen.
Die Projektbefürworter gehen allein für die Neubaustrecke von 120 Fernzügen täglich aus (drei ICE pro Stunde und Richtung). In einer von der schweizerischen Firma SMA im Auftrag des Landes angefertigten Studie, die zwei Jahre geheim gehalten und am Dienstag öffentlich wurde, ist aber davon die Rede, dass "lediglich zwei Trassen pro Stunde und Richtung für den Fernverkehr nutzbar sind" - also maximal 80 Züge pro Tag. Die Ursache dafür: die von den Planern in Kauf genommenen Engpässe zwischen Rohrer und Wendlinger Kurve. Bahn-Chef Grube sagte, er kenne die Studie nicht. Aber für nur zwei ICE pro Stunde und Richtung "bauen wir keine Neubaustrecke. In diesem Fall würde ich empfehlen, das Projekt zu vergessen."
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Hat wenig Sinn
@ Stuttgarter II Ich kann nicht die Die Grünen sprechen. Ich nehme an, bei denen gibt es ein ganze Menge Köpfe, die selbstständig denken, und es dürfte nicht immer ganz einfach sein, ein gemeinsame Linie zu finden. Für mich ist S 21 ein unsinniges Projekt, das die Möglichkeiten für einen künftigen Bahnverkehr eher einschränkt als erweitert. Nürnberg-Berlin ist in kurzfristiger Sichtweise womöglich überdimensioniert und zu aufwendig für das absehbare Verkehrsaufkommen, aber es ist zumindest zukunftsfähig, was man von S21 nicht sagen kann. Die NBS ist wieder ein anderes Problem. Ich persönlich finde die Trassenplanung sub-optimal, vor allem weil sie Güterverkehr ausschließt. Ich will auch ein Neubaustrecke Stuttgart-Ulm, aber bitte die bestmögliche Lösung, und die ist, scheint mir, noch nicht gefunden. Dass Sie irgend ein Hühnchen mit den Grünen zu rupfen haben, ist Ihr Problem, nicht meines. Ich bin nicht die Grünen, also lassen Sie es bitte nicht an mir aus.
@K.H. Siber
Umgekehrt wird ein Schuh daraus: das Ablenkungsmanöver ist ganz auf Ihrer Seite. Ich halte fest: 1. Die Grünen kämpfen nur gegen Verkehrsprojekte in Baden-Württemberg. Daß anderswo sinnlos Geld verbraten wird, stört sie nicht. 2. Ihnen geht es darum, S21 zu stoppen. Dazu sind Ihnen alle Mittel recht, d.h. vor allem die sinnvolle Neustrecke nach Ulm zu blockieren, weil Sie S21 anders nicht mehr glauben stoppen zu können. Übrigens: ich selbst bin nicht für S21, aber für die NBS nach Ulm. Aus gutem Grund. Und ich finde es einen Skandal, daß die Grünen die NBS verhindern wollen!
Ablenkungsmanöver
@ Stuttgarter II Sie schreiben: "Aber aber Herr Siber, den Grünen geht es doch nur um die Sache, dachte ich, nicht um politische Spielchen zur Landtagswahl hin. Also wenn es nur um die Sache geht, dann müssen die Grünen selbstverständlich fordern, die noch nicht gebauten Teile der Strecke Nürnberg-Erfurt zu stoppen. Es ist doch ein Skandal, daß da eine Strecke gebaut wird für einen Zug pro Stunde. Man kann dort immer noch viel Geld sparen, und nur darum geht es Ihnen doch, oder?" Ich kämpfe lieber einen Kampf, in dem noch ein Aussicht besteht, dass ich ihn gewinnen kann, als einen aussichtslosen. Die Einchätzung, an welcher Front die besseren Siegchancen bestehen, müssen Sie schon mir überlassen - bzw. denen, die sich für den Kampf gegen Stuttgart 21 entschieden haben. Man kann nicht an mehreren Fronten zugleich kämpfen, sondern muss sein Kräfte konzentrieren. S 21 zu stoppen, wird schon schwer genug sein. Aber niemand hindert Sie daran, eine Protestkampagne gegen den Weiterbau von Nürnberg-Erfurt zu starten.