Neubaustrecke Streit über Kosten und Nutzen
Jörg Nauke, 28.07.2010 14:45 Uhr
 Foto: Rudel
Foto: Rudel
Stuttgart - Die Debatte über den geplanten Teilabriss des Bonatzbaus und die S-Bahn-Pannen infolge des Umbaus des Gleisvorfelds haben den zweiten Teil des Projekts Stuttgart-Ulm in den Hintergrund treten lassen: Die rund 60 Kilometer lange Neubaustrecke von Wendlingen entlang der Autobahn 8 bis Ulm, die bis Dienstag auf 2,025 Milliarden Euro taxiert wurde.

Nun ist eingetreten, was auch "Lieschen Müller einleuchten muss", wie Bahn-Chef Rüdiger Grube sagte; nämlich, dass sich in den vergangenen sechs Jahren inflationsbedingte Preissteigerungen von 200 Millionen Euro und bei genauerem Betrachten der Entwurfsplanung weitere 665 Millionen Euro Mehrkosten ergeben hätten. Für den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) ist die Steigerung um rund 40 Prozent "eine überschaubare Summe". Hätte er am Dienstag im Saal Klemm des Flughafenatriums die von Bahnfachleuten prognostizierte Verdoppelung oder Verdreifachung der Kosten verkünden müssen, "dann wäre es für das Projekt eng geworden". Gleichwohl will Mappus weitere Kostensteigerungen während der Bauzeit nicht ausschließen. Der Bundesrechnungshof schätzte 2008 die Kosten für die Neubaustrecke auf 3,2 Milliarden Euro, das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 kam vor wenigen Wochen gar auf rund sechs Milliarden Euro.

Einigkeit mit allen Projektpartnern


Mappus hob aus gutem Grund die Einigkeit mit allen Projektpartnern hervor, schließlich muss der Bund die Mehrkosten laut der Finanzierungsvereinbarung von 2009 tragen. Der Umstand, dass die Neubaustrecke gemeinsam mit Stuttgart 21 im Jahr 2019 fertiggestellt werden soll - und folglich bis dahin bezahlt sein muss - zwingt den Bund zu einem deutlich höheren Kraftakt als bisher vorgesehen. Der Verkehrsausschussvorsitzende Winfried Hermann (Grüne) sagte am Dienstag, die Konsequenz der Kostenexplosion sei, dass wegen der beschränkten Bundesmittel "überall in Deutschland langsamer gebaut werden muss". Auf 2019 als Fertigstellungstermin zu setzen "ist vor diesem Hintergrund eine Lachnummer".

Kommentare (49)
Anzeigen
JUL
29
Karl Heinz Siber, 16:04 Uhr

Hat wenig Sinn

@ Stuttgarter II Ich kann nicht die Die Grünen sprechen. Ich nehme an, bei denen gibt es ein ganze Menge Köpfe, die selbstständig denken, und es dürfte nicht immer ganz einfach sein, ein gemeinsame Linie zu finden. Für mich ist S 21 ein unsinniges Projekt, das die Möglichkeiten für einen künftigen Bahnverkehr eher einschränkt als erweitert. Nürnberg-Berlin ist in kurzfristiger Sichtweise womöglich überdimensioniert und zu aufwendig für das absehbare Verkehrsaufkommen, aber es ist zumindest zukunftsfähig, was man von S21 nicht sagen kann. Die NBS ist wieder ein anderes Problem. Ich persönlich finde die Trassenplanung sub-optimal, vor allem weil sie Güterverkehr ausschließt. Ich will auch ein Neubaustrecke Stuttgart-Ulm, aber bitte die bestmögliche Lösung, und die ist, scheint mir, noch nicht gefunden. Dass Sie irgend ein Hühnchen mit den Grünen zu rupfen haben, ist Ihr Problem, nicht meines. Ich bin nicht die Grünen, also lassen Sie es bitte nicht an mir aus.

JUL
29
Stuttgarter II, 15:29 Uhr

@K.H. Siber

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: das Ablenkungsmanöver ist ganz auf Ihrer Seite. Ich halte fest: 1. Die Grünen kämpfen nur gegen Verkehrsprojekte in Baden-Württemberg. Daß anderswo sinnlos Geld verbraten wird, stört sie nicht. 2. Ihnen geht es darum, S21 zu stoppen. Dazu sind Ihnen alle Mittel recht, d.h. vor allem die sinnvolle Neustrecke nach Ulm zu blockieren, weil Sie S21 anders nicht mehr glauben stoppen zu können. Übrigens: ich selbst bin nicht für S21, aber für die NBS nach Ulm. Aus gutem Grund. Und ich finde es einen Skandal, daß die Grünen die NBS verhindern wollen!

JUL
29
Karl Heinz Siber, 12:00 Uhr

Ablenkungsmanöver

@ Stuttgarter II Sie schreiben: "Aber aber Herr Siber, den Grünen geht es doch nur um die Sache, dachte ich, nicht um politische Spielchen zur Landtagswahl hin. Also wenn es nur um die Sache geht, dann müssen die Grünen selbstverständlich fordern, die noch nicht gebauten Teile der Strecke Nürnberg-Erfurt zu stoppen. Es ist doch ein Skandal, daß da eine Strecke gebaut wird für einen Zug pro Stunde. Man kann dort immer noch viel Geld sparen, und nur darum geht es Ihnen doch, oder?" Ich kämpfe lieber einen Kampf, in dem noch ein Aussicht besteht, dass ich ihn gewinnen kann, als einen aussichtslosen. Die Einchätzung, an welcher Front die besseren Siegchancen bestehen, müssen Sie schon mir überlassen - bzw. denen, die sich für den Kampf gegen Stuttgart 21 entschieden haben. Man kann nicht an mehreren Fronten zugleich kämpfen, sondern muss sein Kräfte konzentrieren. S 21 zu stoppen, wird schon schwer genug sein. Aber niemand hindert Sie daran, eine Protestkampagne gegen den Weiterbau von Nürnberg-Erfurt zu starten.

Kommentar-Seite 1  von  17