Neubaustrecke Wendlingen-Ulm Hermann erinnert den Bund an seine Pflichten

An der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm wurde mit dem Bau des 5,9 Kilometer langen Albabstiegstunnels begonnen. Patin der Röhre ist Gerlinde Kretschmann. Die Rohbauarbeiten sollen bis 2017 dauern.

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Dornstadt - Gerlinde Kretschmann war das schlechte Gewissen anzuhören. Die Güte einer Patin – die sie regional korrekt als Gode bezeichnete – bemesse sich nicht zuletzt an den von ihr mitgebrachten Geschenken. Doch zur Tunneltaufe an der Neubaustrecke bei Dornstadt (Alb-Donau-Kreis) war die Gattin des Ministerpräsidenten mit leeren Händen angereist, um das Patenamt zu übernehmen. „Aber es ist doch klar, dass ich am Barbara-Tag wieder hier bin – und dann wird feste gefeiert“, sagte sie mit Blick auf den Gedenktag der Schutzheiligen der Mineure am 4. Dezember. Sprach’s, platzierte eine Figur der Heiligen am Portal zwischen den beiden Röhren des Albabstiegstunnels und schritt zur Tat. Auf dem Schoß des Baggerführers Marek Hrynowiecki platziert, kratzte die Landesmutter Teile der Spritzbetonschicht ab, die zuvor in der Röhre in Fahrtrichtung Stuttgart angebracht worden war. Damit begannen offiziell die Arbeiten am Albabstiegstunnel, in dem die Gleise der Neubaustrecke von der Albhochfläche zum 95 Höhenmeter tiefer liegenden Ulmer Hauptbahnhof führen. Für die dortige Verknüpfung mit dem bestehenden Netz fehlt der Bahn noch die Baugenehmigung .

Projektpartner beschwören Kooperationswillen

Davon wollte sich die illustre Gesellschaft in der Baugrube unterhalb der Rommel-Kaserne aber nicht die Laune verderben lassen. Vielmehr betonten nahezu alle Redner, dass sich die Projektpartner mittlerweile gut zusammengerauft hätten und ein gemeinsames Ziel verfolgten: die Neubaustrecke im Zeit- und Kostenrahmen fertigzustellen. Zumindest bei Letzterem scheint das Projekt auf einem guten Weg zu sein. „Sechseinhalb Jahre vor der Inbetriebnahme sind wir rund zehn Prozent unter den veranschlagten Kosten“, sagte Volker Kefer, Infra­strukturvorstand der Deutschen Bahn. Von einer frühzeitigen Fertigstellung war allerdings keine Rede mehr. Entsprechende Überlegungen hatten im Frühjahr die Runde gemacht.

Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) lobte die bisher geleistete Arbeit und erinnerte an den eher symbolischen Spatenstich vor gut zwei Jahren. „Damals konnte man sich nicht vorstellen, was sich bis heute alles getan hat“, sagte er mit Blick auf den immer deutlicher werdenden Trassenverlauf auf der Alb. Er hoffe, dass sich dieser Fortschritt auch auf andere Teile des Projekts übertrage. Sorgen bereiten dem Minister derweil die Finanzen. Es sei alles andere als selbstverständlich, dass sich das Land mit fast einer Milliarde Euro an dem Bau beteilige, der eigentlich Bundesaufgabe sei. Und das Landesgeld reiche nicht ewig. „Der Bund muss langsam anfangen, sein Geld zusammenzukratzen.“ Berlin glänzte durch Abwesenheit, was bei Hermann Befremden auslöste. Einem Vertreter des Bundesverkehrsministeriums hätte er gern mit auf den Weg gegeben, dass die neue Infrastruktur nur sinnvoll sei, wenn die Fahrzeitvorteile auch auf Regionalverbindungen weitergegeben werden. Stichwort Elektrifizierung der Südbahn von Ulm nach Friedrichshafen: Für die müssten Land, Bund und Bahn bis Jahresende eine Finanzierungsvereinbarung unterschrieben haben. Was einen möglichen Regionalhalt an der Neubaustrecke bei Merklingen angeht, prüft das Ministerium derzeit erste Untersuchungsergebnisse. Die Kosten für einen solchen Stopp bewegen sich laut Hermann zwischen 10 und 20 Millionen Euro. Sowohl die Finanzierung wie auch die Frage, wie ein zusätzlicher Halt ins enge Fahrplangeflecht passt, müssten noch geklärt werden.

Gerhard Heimerl blickt zufrieden auf die Baustelle

Überlegungen, die einen stillen Beobachter der Tunnelanschlagsfeier nicht bewegten: Gerhard Heimerl, Verkehrswissenschaftler im Ruhestand und geistiger Vater der Strecke. „Es ist ein gutes Gefühl, auf der Baustelle zu sein“, sagte er. Nur: So weit hätte man auch schon vor 15 Jahren sein können, monierte Heimerl.

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15 KommentareKommentar schreiben

Fred Feuerbacher, 13:40 Uhr "Das Land, die Region und die Stadt Stuttgart bezahlen definitiv nicht mehr als die vereinbarte Summe. Auch vor Gericht hat eine Klage der Bahn keine Chance. Das wissen in der Zwischenzeit selbst die Bahnmanager": Hat deswegen das Land erfolglos versucht, der Bahn für viele Millionen die Sprechklausel abzukaufen? ;-)

Wieso warum hat der Grüne Politiker nicht bestellt?: Weil alles schwierig zu verstehen ist in Deutschland. Man sagt neue Besen kommen in alle Ecken aber kehren wurde nie gelernt.

@ Ewald Moses, 12:37 Uhr: Was hat denn der Straßenbau in Baden-Württemberg mit S21 zu tun? Wissen Sie, Herr Moses, es müssen sowieso die Steuerzahler in Deutschland für diesen Quatsch bezahlen. Das Land, die Region und die Stadt Stuttgart bezahlen definitiv nicht mehr als die vereinbarte Summe. Auch vor Gericht hat eine Klage der Bahn keine Chance. Das wissen in der Zwischenzeit selbst die Bahnmanager. Also bleiben die rund 10 Milliarden Euro Mehrkosten letztendlich bei der Bahn und beim Bund hängen. Dewegen die Frage: Warum sollte unser Verkehrsminister für S21 mehr Geld beantragen, wenn der Bund den Schwachsinn sowieso komplett bezahlen muss?

Hätte er nur mal bestellt: http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.klage-ueber-den-bund-land-will-beim-strassenbau-genauer-planen-koennen.82e556f1-8655-4512-a552-5e99dbc01141.html

Richtigstellung der Legendenbildung: So ist es. Die CDU-Politik in Stuttgart wollte (und will) S21 ums Verrecken. Mit allen Mitteln. Da greift man schon mal tief in die Taschen der Steuerzahler, wenn es sein muss. Dass allerdings eine „überwältigende Mehrheit aller Gremien“ das genauso wollte und will und „das Volk“, ist eine Legende, die hier so fleißig von den S21-Lobbyschreibern gestrickt wird. Denn es gibt bis heute keine parlamentarische Entscheidung für einen Halbtiefbahnhof, der mindestens 6,5 Milliarden Euro kostet (und dazu nicht leistungsfähiger ist als der Hauptbahnhof). Jedenfalls habe ich keine solche parlamentarische Entscheidung bis heute gesehen. ___________________ Auch wurde die Bevölkerung bis heute niemals befragt, ob denn nun S21 oder K21 gebaut werden soll. Bei der VA ging es um die Einhaltung des (von der CDU-Landesregierung) vertraglich fixierten finanziellen Beitrags des Landes, nicht um S21 oder K21 (Legende Nr. 2). Mehrere Meinungsumfragen beweisen nämlich klar, dass die Mehrheit der Bürger S21 ablehnt und stattdessen den Kopfbahnhof weiter betreiben will (Emnid Frühjahr 2013, sowie Bürgerumfrage der Stadt Stuttgart 2013). ___________________ Die Zerstörungen in Stuttgart sind folgerichtig nicht das das abstrakte Werk der Bahn sondern ausdrücklicher Wunsch der CDU in und um Stuttgart und niemand anderem. ___________________ Die Grünen hatten aus vertraglichen Gründen (CDU-Knebelvertrag) nie die Chance, aus eigener Kraft das Projekt zu stoppen, auch wenn das hier so eifrig wiederholt wird (Legende Nr. 3). ___________________ Fragt sich nur, warum manche ihren persönlichen und scheinbar unendlichen Frust ausgerechnet an den Befürwortern des Stuttgarter Hauptbahnhofs und an den Grünen auslassen. Soll damit das Versagen bei der Planung, bei der Finanzierung und beim Bau von S21 kaschiert werden?

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