Neue ARD-Freitagsfilmreihe Unser Traum von Kanada

Von Tilmann Gangloff 

Nur der Titel klingt nach Rückfall in den wöchentlichen Kitsch: Der Auftakt der neuen Freitagsfilmreihe „Unser Traum von Kanada“ wird von dem Schauspieler Michael Gwisdek geadelt.

Bei einer Angeltour erzählt Richard (Michael Gwisdek, li.) Chief Harry (Lorne Cradinal), mit dem er gut befreundet ist, von seiner Erkrankung. Foto: ARD
Bei einer Angeltour erzählt Richard (Michael Gwisdek, li.) Chief Harry (Lorne Cradinal), mit dem er gut befreundet ist, von seiner Erkrankung.Foto: ARD

Auf den ersten Blick wirkt der Auftakt zur neuen ARD-Reihe „Unser Traum von Kanada“ nicht nur des Titels wegen wie ein Rückfall in frühere Freitagsfilmgepflogenheiten: ein exotischer Schauplatz, diverse kleine und größere Dramen, dazu eine Bildgestaltung, die den Handlungsort angemessen in Szene setzt, und schließlich eine Darstellerführung, die die Mitwirkenden öfter mal ins Melodrama drängt; aber dann ist da ja noch der Hauptdarsteller: Michael Gwisdek verleiht der Geschichte vom unheilbar kranken Auswanderer, der seinen Nachlass regeln will, mit seinem ruppigen Charme einen Anflug von Bosheit, der manche Schwäche des Films wieder ausgleicht.

Natürlich liegt das auch an der Qualität der Dialoge (Drehbuch: Michael Gantenberg), und sicherlich hat Gwisdek einige Übung in solchen Rollen: Richard, ein verwitweter deutscher Einwanderer, der früher als Bauingenieur durch die Welt gereist ist und nun die Lodge seiner Frau in der kanadischen Vancouver Bay weiterführt, hat für jeden seiner Gäste ein böses Wort und entspricht auch sonst jenem Typus Mensch, den der Schauspieler nicht nur in Filmen der ARD-Tochter Degeto schon öfter verkörpert hat (zuletzt „Mein Schwiegervater, der Stinkstiefel“). Hinter Richards rauer Schale schlummert freilich ein weiches Herz, dramatisch ist nur, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Und so will er beizeiten seinen Nachlass regeln. Das betrifft vor allem seine 22jährige Enkelin: Karen (Sonja Gerhardt) ist ein Wildfang und bekommt immer wieder mal Ärger mit dem örtlichen Gesetzeshüter, der zum Glück ein guter Freund von Richard ist. Die Mutter der jungen Frau ist bei einem Autounfall gestorben; wer ihr Vater ist, hat Karen nie erfahren. Nach Ansicht ihres Großvaters braucht sie dringend jemanden, der auf sie aufpasst.

Ein neuer Mann muss her

Eine zweite Erzählebene handelt von der gleichfalls deutschstämmigen ehrgeizigen Köchin Iris (Katja Weitzenböck), die in Vancouver ein erfolgreiches Restaurant betreibt. Ausgerechnet ihr eigener Mann macht jedoch sämtliche Träume zunichte: Erst entdeckt Iris, dass sie komplett pleite ist, weil der Gatte schon lange keine Rechnungen mehr bezahlt hat; und dann stellt sich raus, dass er nicht bloß eine andere hat, sondern auch noch Vater wird. Iris ist die zweite Hauptfigur, weshalb es umso irritierender ist, dass ihre Beziehung zu Richard nicht näher definiert wird. Offenbar sind die beiden befreundet, aber zunächst hat es den Anschein, als sei sie seine Tochter. Da Iris ihr Restaurant schließen muss, wäre die Nachfolge für die Lodge schon mal gesichert; fehlt bloß noch ein neuer Mann an ihrer Seite. Auch den hat Richard bald gefunden: Der Pilot Adrian (Robert Seeliger) ist der unbekannte Vater von Karen; allen dreien vermacht Richard seinen Besitz zu gleichen Teilen.

Mitunter übertreibt es der Regisseur Michael Wenning etwas mit den Zwischenspielen, in denen die Kamera (Markus Fraunholz) je nach Schauplatz mal über die Skyline von Vancouver oder über die Bucht und die Landschaft drumherum mit den Coast Mountains im Hintergrund gleitet; was im Heimatfilm das Alpenpanorama, sind hier die Wolkenkratzer der kanadischen Metropole. Während Weitzenböck die aus Wolke sieben purzelnde Köchin mitunter etwas überspielt, sodass Iris wie eine Bühnenfigur wirkt, machen die Szenen mit Gwisdek und Sonja Gerhardt viel Freude; sein knochentrockener Witz und ihr Temperament sind eine prima Mischung. Seeliger ist eine gute Ergänzung.

Der dank seiner vorübergehenden Ehe mit Natalia Wörner im deutschen Fernsehen immer wieder mal präsente Kanadier mit deutschen Wurzeln musste sich zwar synchronisieren lassen, aber das fällt gar nicht auf (deutsche Stimme ist der Schauspieler Philipp Moog). Außerdem bevorzugt er wie Gwisdek das sparsame Spiel, was ihn zu einem willkommenen Ausgleich zur dramatisierenden Weitzenböck macht. Auch die einheimischen Darsteller sind gut ausgewählt und gut gesprochen.

Da die Geschichte in ihrem Kern eigentlich traurig ist, fließen gerade gegen Ende auch mal Tränen, aber unterm Strich überwiegen dank Gwisdek die komödiantischen Anteile. Wie es ohne ihn weitergeht, zeigt sich schon eine Woche später im zweiten Teil, dessen Titel den Inhalt perfekt zusammenfasst: „So was wie Familie“.