Neue ARD-Reihe Zwischen den Welten

Von Tilmann Gangloff 

Das Erste startet an diesem Donnerstag seine neue Reihe mit Tel-Aviv-Krimis. Doch bevor die von Katharina Lorenz gespielte Ermittlerin Sara Stein in der nächsten Folge nach Israel zieht, muss sie noch zuhause einen Fall lösen: „Tod in Berlin“.

Unterwegs im düsteren Berlin: Katharina Lorenz als Ermittlerin Sara Stein Foto: ARD
Unterwegs im düsteren Berlin: Katharina Lorenz als Ermittlerin Sara SteinFoto: ARD

Stuttgart - Bis jetzt haben die Donnerstags-Krimireihen der ARD-Tochter Degeto in der Regel auf literarischen Vorlagen basiert. Commissario Brunetti, Kommissar LaBréa, Kommissar Dupin: alles Romanhelden. Die neuen Reihen sind dagegen ausnahmslos eigene Entwicklungen, die sich dadurch auszeichnen, dass deutsche Ermittler ins Ausland versetzt werden. Die Titel sorgen für eine eindeutige Verortung: Die vor Jahresfrist als „Kripo Bozen“ gestartete Reihe mit Chiara Schoras heißt jetzt „Bozen-Krimi“, kürzlich gab es den ersten „Athen-Krimi“ mit Francis Fulton-Smith, und Katharina Lorenz ermittelt im „Tel-Aviv-Krimi“. Deshalb ist es zunächst etwas irritierend, dass der Auftakt in Berlin spielt; nach Israel geht’s erst am Schluss der Handlung. Erzählerisch und dramaturgisch ist das durchaus reizvoll: Während die anderen Reihen damit beginnen, dass die Hauptfiguren in ihrer neuen Heimat eintreffen, lernt man Sara Stein in ihrem alten Umfeld kennen.

Und noch etwas unterscheidet Sara Stein von den Kollegen. Religionszugehörigkeiten werden bei TV-Ermittlern in der Regel nicht erwähnt, es sei denn, sie sind jüdischen Glaubens wie die von Meret Becker gespielte Berliner „Tatort“-Kommissarin Nina Rubin. Das ist jetzt auch bei Stein der Fall – und ihr Glaube spielt nach der Ermordung einer Israelin naturgemäß keine unwichtige Rolle: In „Tod in Berlin“, wie der Krimi heißt, geht die ganze Stadt von einem Mord aus politisch-religiösen Gründen aus, zumal der eifersüchtige Freund des sexuell offenbar recht umtriebigen Opfers ein Sohn palästinensischer Einwanderer ist. Auf das Auto der Toten hat der Täter „Mörderin“ geschrieben. Wie sich herausstellt, hat die Frau kurz vor ihrem Tod das gemeinsame Kind abgetrieben.

Ermittlerin im multikulturellen Umfeld

Allerdings treibt noch ein verdächtiger rothaariger Israeli sein Unwesen. Der Mann trägt maßgeblich dazu bei, dass die Handlung bisweilen etwas undurchschaubar wird; mit der letztlich doch bestürzend banalen Lösung des Falls hat er ohnehin nichts zu tun. Auch die personelle Konstellation auf Seiten der Polizei wirkt konstruiert. Katharina Marie Schubert scheint als Steins Kollegin derart auf den Innendienst fixiert zu sein, dass sie bei Ermittlungen außerhalb des Präsidiums prompt zur Salzsäule erstarrt. Immerhin sind die Revierszenen dank der launigen Beiträge von Aljoscha Stadelmann recht unterhaltsam, auch wenn die Chefin (Kirsten Block) des Trios mal in Tränen ausbricht, weil ihr Mann sie verlassen hat.

Während das Privatleben der Chefin dem Zuschauer eher auf die Nerven geht, spielt es bei Sara Stein zurecht eine große Rolle, denn natürlich wird ihr die Frage gestellt, ob sie in diesem Fall unbefangen ermitteln kann. Viele Szenen zeigen jedoch, wie selbstverständlich sie in ihrem multikulturellen Umfeld verwurzelt ist. Außerdem wird ihr Liebesleben hübsch eingefädelt: Sie ist mit ihren Eltern zu einem Konzert des israelischen Pianisten David Shapiro verabredet, kommt aber zu spät und zieht ihr hochhackiges Schuhwerk aus, um keinen Lärm zu machen – und prompt lässt sie mit großem Gepolter einen der Schuhe fallen. Der Mann am Klavier bedankt sich später per CD-Widmung für die „bezaubernde Störung“, allerdings auf hebräisch. Spätestens bei der Entzifferung der Zeichen mit Hilfe eines Lexikons ist es um Sara geschehen. Verkörpert wird der Musiker von Itay Tiran, der tatsächlich Pianist war, ehe er zum Schauspieler umschulte. Der Israeli hat schon in einigen deutschen Kinofilmen mitgewirkt, zuletzt größer besetzt in „Anleitung zum Unglücklichsein“.

Um ein paar Ecken zuviel gedacht

Selbstredend hat David großen Anteil daran, dass der nächste „Tel-Aviv-Krimi“ tatsächlich in Tel Aviv spielt. Dann wird auch die Bildsprache eine andere sein: „Tod in Berlin“ ist ein ausgesprochen düsterer Film, gerade die Außenaufnahmen wirken roh und kalt. Die optische Anmutung ist jedoch ähnlich reizvoll wie die Hauptdarstellerin: die Burgschauspielerin Katharina Lorenz wirkt zwar regelmäßig in Fernsehfilmen mit, ist aber dennoch alles andere als ein typisches TV-Gesicht. Schöpfer der neuen Kommissarin ist das Autorenduo Martin Kluger und Maureen Herzfeld, die schon einige Filme für den Regisseur Matthias Tiefenbacher geschrieben haben, darunter auch „Gestern waren wir Fremde“. Hier sorgen sie nun gemeinsam mit Tiefenbacher, der das Drehbuch überarbeitet hat, für viele ungewöhnliche Szeneneinfälle.

Selbst wenn die Geschichte um ein paar Ecken zuviel gedacht ist: fast ist es schade, dass die Tel-Aviv-Krimis nicht auch weiterhin in Berlin spielen. Ihren ersten israelischen Fall löst Sarah Stein am 10. März. Dann wird sich auch zeigen, wie die Degeto das Sprachproblem löst. Für den Auftakt in Berlin sind die Mitwirkenden aus dem Nahen Osten untertitelt worden.

  Artikel teilen
1 Kommentar Kommentar schreiben

ganz schlecht: kein klischee ausgelassen.

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt.