Neue Filme Spielberg, Tarantino und die Geschichte der Sklaverei

Sebastian Moll, 07.01.2013 11:06 Uhr

New York - Kirchen der verschiedenen protestantischen Glaubensrichtungen in den USA pflegen das neue Jahr erst am 1. Januar mit einem Gottesdienst zu begrüßen. Eine Ausnahme bilden allerdings die schwarzen Kirchen. Die Tradition des Mitternachtsgottesdienstes an Silvester in der schwarzen Kirche geht auf den Jahreswechsel 1863 zurück, als man in den afro-amerikanischen, meist baptistischen Gemeinden des Landes zusammenkam, um das Ende der Sklaverei zu feiern. Watch-Night Services heißen diese Gottesdienste, und es sind bewegende Feiern. Wer einmal dabei war, bekommt einen Eindruck, wie tief das Trauma der Sklaverei bei der schwarzen Bevölkerung der Vereinigten Staaten noch immer sitzt.

Viele weiße Amerikaner nehmen von diesen Gottesdiensten gewöhnlich kaum Notiz. Die meisten kennen diese Tradition gar nicht. In diesem Jahr genossen die Mitternachtsfeiern in Harlem und Atlanta und auf der South Side von Chicago jedoch ungewohnt große Medienaufmerksamkeit. Das lag sicher daran, dass Amerika den 150. Jahrestag der Sklavenbefreiung feierte. Es könnte aber auch daran liegen, dass Ame­rika sich derzeit mit neuer Intensität mit seiner Vergangenheit als Sklavenhalter­nation beschäftigt.

Schuld daran sind zwei Filme, die punktgenau zur Wiederwahl des ersten schwarzen US-Präsidenten in den amerikanischen Kinos anliefen. Da ist einmal das Geschichtsdrama „Lincoln“ von Steven Spielberg, das sich auf die Wochen vor dem Ende des Bürgerkriegs und den Kampf um die Verabschiedung der Emanzipationsproklamation konzentriert. Und da ist „Django Unchained“, das neue Werk von Quentin Tarantino, das die Fantasie des Ex-Sklaven als Rächer in drei Stunden opulenter Bilder und cartoonhafter Gewaltorgien umsetzt, die man von Tarantino kennt.

„Django“ und „Lincoln“ erhitzen die Gemüter

Nun ist es nicht das erste Mal, dass Hollywood sich mit der Sklaverei auseinandersetzt. Die Toni-Morrison-Verfilmung „Beloved“ von 1997 etwa gehört dazu, ebenso Spielbergs Film „Amistad“ von 1998 über eine Revolte auf einem Sklavenschiff. Doch die beiden Filme waren kommerziell bestenfalls ein mäßiger Erfolg. Eine breite Diskussion lösten sie nicht aus. Anders verhält es sich mit „Lincoln“ und „Django“. Beide Filme haben zwischen Thanksgiving und Neujahr die Kinos gefüllt und wie schon lange keine Hollywood-Produktion mehr die Gemüter erhitzt. Die Zeit scheint reif für eine offene Diskussion über die Sklaverei in Amerika – oder zumindest über deren mediale Darstellung.

Dass all dies mit Obama zu tun hat, liegt auf der Hand. Sein zweiter Wahlsieg wurde von vielen Seiten als Anbruch eines neuen Amerikas gedeutet, eines Amerikas, in dem es keine Mehrheit und keine Minderheit mehr gibt, sondern nur ein multi-ethnisches Miteinander. Ob die sozialen Realitäten das überall im Land widerspiegeln, lässt sich freilich bezweifeln. Immerhin aber scheint das Bewusstsein eines solchen Wandels eine gewisse Entkrampfung im Diskurs über „Race“ bewirkt zu haben.

Nicht, dass nicht gestritten würde. Konservative Kritiker werfen Spielberg vor, Lincoln in allzu rosigem Licht erscheinen zu lassen. Mit der Aufgeklärtheit des Präsidenten, den Obama explizit als Vorbild nennt, sei es nicht so weit her gewesen, wie der Filmregisseur das glauben machen möchte. Im Gegenteil, der Sklaven­befreiung habe der zutiefst rassistische Lincoln mehr als ambivalent gegenüber­gestanden. Von echter Gleichberechtigung wollte er seiner humanistischen Überzeugung zum Trotz nichts wissen.