Neue Messe Streit um die Besucherzahlen
Michael Ohnewald, 30.01.2011 12:30 Uhr
Drei Köpfe des Widerstands gegen die neue Messe, die einen Verdacht haben wegen der Besucherzahlen: Liesel Hartenstein, Walter Vohl und Gabi Visintin (von links) wissen nicht, wem sie glauben sollen. Foto: Zweygarth
Drei Köpfe des Widerstands gegen die neue Messe, die einen Verdacht haben wegen der Besucherzahlen: Liesel Hartenstein, Walter Vohl und Gabi Visintin (von links) wissen nicht, wem sie glauben sollen. Foto: Zweygarth
""Damals hat man Zahlen in die Welt gesetzt, die nicht der Realität entsprachen.""
Messe-Chef Ulrich Kromer über seinen Vorgänger

Stuttgart - Die Bulldozer kamen im Morgengrauen. Damals im Herbst 2004 musste Walter Vohl die vielleicht bittersten Stunden seines Lebens durchstehen. Baubeginn für die neue Messe im grünen Winkel zwischen Autobahn und Flughafen. Beherzt hatte der Bauer gegen den Expansionsdrang übergeordneter Interessen gekämpft - und am Ende verloren.

Lange her. Das Widerstandsnest Leinfelden-Echterdingen nennt sich heute Messestadt. Die Hallen stehen, mehr als 800 Millionen Euro haben sie gekostet. Hübsche Hostessen verteilen im Auftrag der Rathausverwaltung bunte Werbeprospekte, wenn die Menschen durch die Pforten strömen. "Wir profitieren von der Messe", sagt Oberbürgermeister Roland Klenk. Weniger direkt über die Gewerbesteuer, eher indirekt über Hotel- und Bordellbetten und doppelt so viele Übernachtungsgäste. Auch Walter Vohl hat sich mittlerweile gewöhnt an das Neue, das dem Alten nicht sehr gleicht. Nur manchmal zwicken sie ihn noch, die Wunden der Vergangenheit. So wie jetzt.

Publikum lässt noch zu wünschen übrig


Dabei waren es eigentlich nur Zahlen, die Messe-Chef Ulrich Kromer vor zwei Wochen der Öffentlichkeit präsentiert hat. "Wir haben deutlich besser als geplant abgeschnitten", frohlockte der Geschäftsführer bei der Bilanzpressekonferenz und brannte ein wahres Feuerwerk ab. 80 Prozent mehr Aussteller, mit denen der Löwenanteil des Geschäfts gemacht wird. Umsatz auf 110 Millionen fast verdoppelt. Nur das Publikum lässt gegenüber der alten Messe noch ein bisschen zu wünschen übrig: 1,1 Millionen Besucher seien es jetzt, sagte Kromer. Auf dem Killesberg waren es 1996 mehr als 1,6 Millionen.

Mit dem Erfolg ist es wie mit dem Salzwasser. Wenn man davon trinkt, wird man immer durstiger. Vielleicht erklärt das, warum sich Ulrich Kromer bei der Präsentation seiner achtbaren Zahlen vor aller Ohren plötzlich und unerwartet zu einem verbalen Seitenhieb hinreißen ließ, der nun weithin nachhallt. Angesprochen auf den Publikumsmagneten Killesberg, schenkte der selbstbewusste Manager einer folgenschweren Botschaft die Freiheit: "Damals hat man Zahlen in die Welt gesetzt, die nicht der Realität entsprachen!"

Kommentare (60)
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FEB
04
Andrea, 17:59 Uhr

@su

Ich kann Ihre Eindrücke sowohl von Aussteller- als auch von Besucherseite leider bestätigen. Sicher, es gibt Unternehmen, die von der Messe profitieren. Die Hotelbetriebe im ganzen Umkreis bis nach Vaihingen/Möhringen hinein. Allerdings - die Übernachtungen, die dort gebucht werden, fallen anderswo weg. Denn die Gesamtzahl an Ausstellern und Besuchern ist Rückläufig.

FEB
04
Karl Heinz Siber, 09:35 Uhr

@ Interessierter

zu Bodack: Ich habe schon 2 seiner Vorträge gehört. Von nachtragend oder verbittert keine Spur, ein humorvoller, gelassener Mensch - im Gegensatz zu Leuten wie Interessierter oder Klartext, die es nicht lassen können, Leute, die eine andere Position vertreten, auf einer persönlichen Ebene anzugehen, z.B. mit Aussagen wie "Bodack war Zugdesigner". Warum nicht gleich "Bodack war Lokomotivführer", das war er nämlich auch einmal. Jeder kann sich leicht über die komplette berufliche Vita von Bodack informieren. Im Gegensatz etwa zu Rüdiger Grube war Bodack sein Leben lang Eisenbahner. Habe ich von Ihnen schon jemals eine Einschätzung der Qualifikation Rüdiger Grubes für seinen aktuellen Job gelesen?

FEB
03
su, 08:48 Uhr

Aus der Praxis

20 jahre lang waren wir mit unserem Unternehmen (23 Mitarbeiter) auf der Messe, meist mit Erfolg. In früheren Jahren mit ordentlichem Gewinn, in den späteren hat sich im Zuge der allgemeinen Rezession dieser etwas verringert. Aber niemals sind wir mit Verlust herausgegangen. Nach der Fertigestellung der neuen Messe haben wir uns nach langen Diskussionen und Berechnungen wegen der fast verdreifachten Miete trotzdem zur Präsenz entschlossen. Das erste Mal sind wir mit zumindest nur geringem Verlust davongekommen, was allerdings auch davon abhing, dass es sich um eine der ersten Messen nach der Eröffnung des Geländes gehandelt hat und die Neugierde der Menschen doch noch sehr gross war, was zumindest die Besucherströme fliessen liess. Beim zweiten Jahr haben wir schon einen eklatanten Verlust eingefahren und das dritte Mal dann kurzfristig storniert, nachdem die Standmieten nochmals erhöht wurden. Ausserdem war schon beim zweiten Mal ganz klar erkennbar, dass die Besucherzahlen deutlich zurück gingen. Auffallend war auch, dass die seit vielen Jahren bekannten Mitbewerber immer weniger wurden. Bei einem privaten Besuch dieses Jahr, waren von ca. 20 seit Jahren bekannten Mitbewerbern nur noch 8 aufzufinden! Und das waren die Branchengrössten, welche auch mit aus ihren Ländern öffentlichen Mitteln unterstützt werden. Keiner der kleineren oder fast mittelständischen Mitbewerbern kann es sich noch leisten dort auszustellen. Ganz klar erkennbar: Besucherspitzen wie in früheren Zeiten waren so gut wie nicht mehr vorhanden. Der Durchschnittsbesucherstrom entsprach auch an einem Wochenende dem eines schlecht besuchen Wochentages früherer Zeiten. Bereits bei der zweiten Messe hatten wir nach wenigen Tagen unser Standpersonal halbiert und die Mitarbeiter wieder im Betrieb, wo sie erheblich effizienter arbeiten konnten eingesetzt. Auffallend war auch, dass das durch die Messe entstehende höhere Arbeitsaufkommen im Büro, das sich bei uns immer ergeben hat, noch gesteigert hat. Viele langjährige Stammkunden hatten schlichtweg keine Lust mehr auf das Seelen- und Gesichtslose Messegelände mit dem Charme eines Durchgangsbahnhofes zu gehen. Sie ersparten sich den Besuch und kamen direkt zu uns. Dieser zwar kleine, aber vielleicht doch stellvertretend für die Probleme der neuen Messe stehende Anteil, hat natürlich nicht nur bei uns Geld ausgegeben, sondern durch den meist ganztägigen Aufenthalt auf dem Messegelände natürlich nebenher auch noch für Umsatz gesorgt. Dies spiegelt natürlich nur den Trend EINER Messeart, betonen möchte ich jedoch, dass es sich keineswegs um eine rückläufige Branche handelt, sondern um eine konstant boomende.

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