Neue StZ-Reihe „Extrablatt“ Redakteurin für einen Tag

Stefan Kister, 19.02.2013 17:32 Uhr

Stuttgart - Journalisten sind im Werk der Schriftstellerin Sibylle Berg eine eher problematische Berufsgruppe. Auch in ihrem neuen Stück „Angst reist mit“, das sie zurzeit für das Stuttgarter Schauspiel erarbeitet, sind im Kreis zivilisationsflüchtiger Insulaner zwei Redakteure, die einer vermutlich gründlichen und radikalen Antiillusionstherapie unterzogen werden. Unter den Porträtisten des zeitgenössischen Lebens ist Berg die unerreichte Meisterin für drastische Höllenfahrten. Lustvoll und beunruhigend wirklichkeitsgetreu malt sie das Inferno der Jetztzeit in leuchtenden Farben und dunklem Witz: Magersüchtige Zombies, unbegabte Rocksänger, erhängte Broker bevölkern ihren Garten der Lüste – und hin und wieder eben auch ein paar in die Obdachlosigkeit abgestürzte Jungjournalisten.

Nun macht sie selber Zeitung, wenigstens für einen Tag. Zusammen mit dem Grafiker und Zeichner Henning Wagenbreth gestaltet Sibylle Berg den Kulturteil der Stuttgarter Zeitung. Für dieses „Extrablatt“ ist sie diesmal nicht in die Hölle hinabgestiegen, sondern vertraut auf ein Korrespondentennetz wackerer Stadtbewohner. Eine Seite von Stuttgartern für Stuttgarter soll es werden, verrät die zarte und eher zurückhaltende Frau, die überhaupt nichts gemein hat mit den gebrochenen Gestalten ihrer Bücher.

Serotoninfreie Wirklichkeitsdiagnosen

Zwischen silbernen Putten und weinrotem Plüsch sitzt sie im nachmittäglichen Frieden eines Stuttgarter Schwulenlokals, über dem sie sich für die Probenzeit am Theater eingemietet hat. Sibylle Berg trinkt grünen Tee und ist sehr freundlich. Die Unterhaltung fließt so dahin, über Bandscheiben, Ärzte („ich habe eine große Vorliebe für exquisites chirurgisches Handwerk“) und Journalismus. „Früher waren Journalisten alte klugscheißerische Männer, die mit einer wahnsinnig sturen Ernsthaftigkeit meinten, die Welt erklären zu können“, skizziert sie erfrischend direkt die Entwicklung einer Branche, an der sie mit brillanten Kolumnen und Reportagen selbst Teil hat. „Dann wurden diese alten Männer ausgetauscht durch jüngere, die mit ähnlicher Arroganz, aber viel weniger Wissen versehen waren.“ Sie nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse, kurz gezogen putscht grüner Tee etwas auf. „Mittlerweile versuchen alle den Online-Journalismus zu kopieren, der Redakteur tritt als geknechtete Seele in Erscheinung – ein schlecht bezahlter Mensch mit Rückenproblemen, dem man seine Ambitionen nicht mehr anmerkt.“

Wegen ihrer serotoninfreier Wirklichkeitsdiagnosen erhält die Autorin und „Spiegel-Online“-Kolumnistin immer wieder Morddrohungen, was sie eigentlich nicht versteht. Andere wollen sie heiraten. Beides macht ihr Angst.

„Wir haben alle Rückenschmerzen, weil wir eigentlich schon tot sein müssten“, sagt Sibylle Berg. Sie hat angefangen, zu Kieser zu gehen, um diese „abstoßenden Übungen“ zu machen. „So schleppen wir uns noch fünfzig Jahre dahin, bis zum Ende.“ Dabei ist Alter das Letzte, was sich angesichts ihrer Erscheinung aufdrängt, möglicherweise eine Wirkung des grünen Tees, dem in großen Mengen genossen eine lebensverlängernde Wirkung zugeschrieben wird. Man könnte diesen Verlauf des Gesprächs nun ein wenig deprimierend finden. Aber es ist wie immer bei Sibylle Berg: quicklebendig geglückte Sätze entschädigen für das tödliche Unglück, das sie im Ganzen entwerfen.

 
 
Kommentare (2)
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MRZ
24
Til, 19:27 Uhr

Oh BITTE NICHT

Ich finde Frau Berg schon im SPIEGEL online eine absolute Zumutung. Nicht auch noch in der StZ! Ich kann nur inständig darum bitten, macht das nicht!!!

FEB
19
Lothar Hartmann, 22:02 Uhr

Sibylle Berg

Auch wenn mein bescheidener Beitrag für Ihr zukünftiges Arbeiten unwesentlich ist: Alle Hochachtung, Herr Kister. Treffender kann man Sibylle Berg nicht mehr beschreiben.

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