Neuer Bahnhof in New York Milliardenluxus für Ground Zero

Von Sebastian Moll 

Viele New Yorker sind genervt: Der neu eröffnete Pendlerbahnhof in Manhattan ist monumental und sehr, sehr teuer geworden. Heute würde man das nicht mehr so machen, gibt die Stadtverwaltung zu.

Viele New Yorker finden den weißen Flügelbau zu monumental. Foto: AP 18 Bilder
Viele New Yorker finden den weißen Flügelbau zu monumental.Foto: AP

New York - Es wird keine Reden geben am Ground Zero, es werden keine Fahnen wehen, und der New Yorker Bürgermeister Bill De Blasio wird nicht feierlich ein rotes Seidenband durchschneiden. Die Eröffnung des bei Weitem spektakulärsten Neubaus an der Stelle der Angriffe des 11. September wird still von sich gehen, der enorme Pendlerbahnhof von Santiago Calatrava, dessen stählernes Flügeldach sich schon seit Monaten monumental über das untere Manhattan spant, wird einfach in Betrieb genommen.

New York ist nach 15 Jahren der Zeremonien an dieser Stille müde geworden, die 9/11-Pietät hat sich abgenutzt. Zudem rechnet man das Projekt der Ära von Bürgermeister Michael Bloomberg zu, dem sein Nachfolger Bill De Blasio bekanntermaßen nicht eben freundschaftlich zugetan ist.

Stararchitekt Santiago Calatrava hat sich Denkmal gesetzt

Der entscheidende Grund für die Zurückhaltung dürfte allerdings die massive Kritik sein, die sich der Bau seit der Präsentation der ersten Pläne vor rund zwölf Jahren eingehandelt hat. Vier Milliarden Dollar hat der Spaß gekostet, mit dem sich Stararchitekt Santiago Calatrava an einer Stelle ein Denkmal gesetzt hat, die prominenter nicht sein könnte. „Und das in einer Zeit, in der es an Radiergummis für Schulkinder mangelt“, wie der Architekturkritiker der „New York Times“, Michael Kimmelmann, bemerkte.

Vier Milliarden ist derselbe Betrag, den das benachbarte neue World Trade Center Nummer eins gekostet hat, eigentlich das Kernstück der Neubebauung des Grundstücks. Warum die Port Authority, die Regierungsbehörde, der das Areal gehört, für die Bahnstation ebenso viel Steuergelder ausgegeben hat, ist im Nachhinein allen Beteiligten jedoch eher rätselhaft.

Lediglich 44 000 Pendler aus New Jersey

Die logistische Bedeutung des Bahnhofs rechtfertigt die Kosten jedenfalls nicht. Der Bahnhof dient dem alleinigen Zweck, rund 44 000 Pendler aus New Jersey mit dem U-Bahn-Netz der Stadt zu verbinden. New Yorks großer Prunkbahnhof, der Grand Central Terminal, befördert täglich fünfmal so viele Personen. Dessen Sanierung vor rund 20 Jahren hat jedoch weniger als die Hälfte gekostet.

Allerdings sieht man dem Calatrava- Bau auf Anhieb auch an, dass es um Pragmatismus hier nicht gehen kann. Die beiden enormen Dachflügel, Oculus genannt, die sich überirdisch über den Ground-Zero-Campus spreizen, künden vor allem von einem: von Ehrgeiz. Calatrava hat die Stahlflügel, die er bereits bei seinem Museumsbau in Milwaukee angewendet hat, als Symbol für die Wiedergeburt von Ground Zero und des südlichen Manhattan bezeichnet. Ebenso sehr stehen sie jedoch für den kollektiven Willen zur Monumentalität, der bei der Neuplanung des Geländes unter der Federführung von Stararchitekt Daniel Libeskind geherrscht hat.

Überdimensioniertes Gebäude dominiert die Gegend

Nun hat man das bekommen, was man sich gewünscht hat. Das Erlebnis des neuen Baus ist unbestritten atemberaubend. Die tiefgelegte, riesige gewölbte Halle, in der sauberen, hellen Ästhetik eines Apple Store gehalten, setzt durch die Dachfenster die neuen Wolkenkratzer des Areals in Szene. Von außen dominiert das überdimensionierte Gebilde die gesamte Gegend.

Daraus, dass er Ground Zero die Krone aufsetzen wollte, hat Calatrava nie einen Hehl gemacht – und irgendwie hat er es geschafft, die Behörden dazu zu bewegen, seinen Ehrgeiz zu finanzieren. So verkörpert der Bau auch, wie die „New York Times“ schrieb, „das toxische Klima der Zeit nach 9/11, als praktische Überlegungen aus dem Fenster flogen, Hurra-Patriotismus regierte und Egoismus sanftere Stimmen erstickte“. Diplomatisch sagte in diesen Tagen der Direktor der Port Authority, Patrick Foye, „wenn wir uns das heute betrachten würden, würden wir vielleicht zu einem anderen Urteil darüber kommen, wie am besten das Geld am Ground Zero ausgegeben wird“. Doch dafür ist es nun zu spät. Insofern bleibt New York nur noch übrig, die Calatrava-Show zu genießen.

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In Stuttgart: kommt 2121 auch keiner um ein Bändel durch zu schneiden....

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