Neuer Fall von „Unter Verdacht“ Im Reich der Schattenwirtschaft

Von Thomas Gehringer 

Korruption, Wirtschaftskriminalität, Armut, Migration: „Betongold“, der 25. Fall der Reihe „Unter Verdacht“ mit Senta Berger, nimmt sich gleich eine ganze Reihe Themen zur Brust.

Üblen Machenschaften auf der Spur: Senta Berger spielt eine interne Ermittlerin Foto: ZDF
Üblen Machenschaften auf der Spur: Senta Berger spielt eine interne ErmittlerinFoto: ZDF

Stuttgart - Wie funktioniert das eigentlich mit den illegalen Geschäften bei öffentlichen Bau-Aufträgen? André Langner (Rudolf Krause) hantiert mit Spekulatius und Schoko-Täfelchen, schiebt die eine Spekulatius-Firma hierhin, die andere Schoko-Scheinfirma dorthin. Ihm gegenüber sitzt der Münchner Baulöwe Gunter Gentner (Martin Umbach), der einen solchen Anschauungsunterricht eigentlich nicht benötigt. Denn Gentner steckt selbst mittendrin im Betrugssystem. Indem er Beamte des Bauamts besticht, erfährt er von den Angeboten der Konkurrenz – und unterbietet sie, weil er ausländische Arbeiter auf seinen Baustellen unter Mindestlohn-Niveau und ohne Sozialversicherung schuften lässt. Dafür hat er sich aber leider mit der bulgarischen Bau-Mafia eingelassen. Und die wird langsam ungeduldig, weil es mit der Baugenehmigung für das 34 Millionen Euro teure Dialyse-Zentrum nicht vorangeht.

Gleich zu Beginn der 25. „Unter Verdacht“-Folge „Betongold“ zündeln zwei Unbekannte auf dem Privatgrundstück Gentners. Und bald darauf fällt der stellvertretende Bauamts-Leiter Jens Viersen vom Dach des neuen Polizeipräsidiums. „Wir in Bayern spielen auch bei der Verbrechensbekämpfung in der Champions League“, sagt gerade Doktor Reiter (Claus Anthoff) in seiner launigen Rede beim Richtfest, als Viersen wie zum Gegenbeweis nicht weit von den versammelten Honoratioren aufschlägt.

Der Film von Michael Gantenberg (Drehbuch) und Ulrich Zrenner (Regie) beginnt also mit einem makabren Schock und taucht dann ein ins komplexe Reich der Schattenwirtschaft. Spannend aufbereitete Aufklärung und Gesellschaftskritik sind bis heute das Markenzeichen dieser seit 2002 existierenden Reihe um die interne Ermittlerin Dr. Prohacek (Senta Berger), ihren Assistenten Langner und den opportunistischen Vorgesetzten Doktor Reiter. Auch die in „Betongold“ beschriebenen Zustände orientieren sich wieder an der Realität. Ein Beispiel: Im Mai 2015 demonstrierten bosnische Arbeiter in München, weil sie nicht bezahlt worden seien. Angestellt waren sie bei slowenischen Subunternehmen. „Sparen will heute jeder, aber wie diese Ersparnis zustande kommt, das will keiner wissen“, sagt ein Zoll-Ermittler im Film.

Die Zuschauer sind den Ermittlern voraus

Das Verdienst von „Betongold“ ist es, auf die Zusammenhänge von Korruption, Wirtschaftskriminalität, Armut und Migration aufmerksam zu machen, auch wenn der Film als Krimi nicht zu den besten Folgen der Reihe zählt. Die Zuschauer sind den Ermittlern meist einen Schritt voraus, die Übeltäter frühzeitig identifiziert. Und dass im aktuellen Drehbuch die Homosexualität Viersens als mögliches Motiv ins Spiel gebracht wird, ist ein eher müdes Ablenkungsmanöver.

Zur Grundausstattung der Reihe gehört aber auch hier: Egal, wer an der Macht ist, egal, welche Skandale die Ermittler aufdecken – das Postengeschacher hinter den Kulissen geht immer weiter. Viersens Tod kommt vor allem dem Ministerialdirigenten Lindengruber (Tim Seyfi) gelegen. Der hat’s nicht so mit der Frauenquote („Kommt noch soweit, dass wir Stöckelschuhe tragen müssen, dass es auch mal ein Mannsbild nach oben schafft“) und würde gerne den bevorstehenden Karrieresprung der Bauamts-Leiterin Monika Weißhaupt (Saskia Vester) ins Ministerium verhindern. Auf Lindengrubers „Wunsch“ übernimmt die interne Ermittlung den Fall, um den Verhältnissen im Bauamt auf den Grund zu gehen. Dass Prohacek und Langner auch nur Mittel zum Zweck sind, damit sich die männlichen Seilschaften durchsetzen, ist eine für die Reihe typische Pointe. Beide sind als klassische Ermittler ohne persönliche Betroffenheit die moralischen „Anker“ im Film, Prohacek wird am Ende beim Showdown im Krankenhaus gar zur mütterlichen Lebensretterin.

Denn das trockene Wirtschaftsthema wird mit einer emotionalen Geschichte aufgeladen. Der bulgarische Arbeiter Metodi Nontchev (Bijan Zamani) und sein siebenjähriger Sohn Ilian (Ilian Kiskinov) werden Zeugen von Viersens Todessturz. Nontchev ist als Geldbote für die Bau-Mafia unterwegs und hofft, in Deutschland das nötige Geld zu verdienen, um seinem herzkranken Sohn und seiner Mutter in der Heimat ein besseres Leben zu ermöglichen.

Operation per Schwarzgeldkoffer

Die teure Operation von Ilian kann Nontchev mangels Krankenversicherung aber nur bezahlen, indem er sich aus den Schwarzgeldkoffern zusätzlich bedient. Seinem Boss, dem Polier auf der Baustelle des Polizeipräsidiums, entgeht das natürlich nicht. Samuel Finzi spielt diesen Dimitar Zvetanov auf typische Finzi-Art, nur weniger charmant. Mafia-Pate Zvetanov beschwört gerne auf zynische Weise den Wert der „Familie“. Natürlich ist das Gegenteil der Fall: Einzelne, wie der fürsorgliche Familienvater Nontchev, sein Sohn Ilian und die in einem Münchner Hotel gestrandete Mutter, sind in diesem korrupten System in Wahrheit nichts wert.

Arte, Freitag, 20.15