Neuer Hauptbahnhof in Wien Viel Dreck - und niemand ärgert sich
Erik Raidt, 13.03.2010 10:44 Uhr
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Abbrucharbeiten: in Wien wird das Skelett des alten Südbahnhofs entkernt. Foto: öbb
Abbrucharbeiten: in Wien wird das Skelett des alten Südbahnhofs entkernt. Foto: öbb


Guggenberger bügelt nicht ab


Peter Guggenberger ist der Ombudsmann des Projekts Wien Hauptbahnhof. Er vermittelt. Kokett erzählt er, dass er schlicht ein freundlicher älterer Herr sei, der die Menschen möge und deshalb von ihnen gemocht werde. "Ich sitze oft und lange in Anrainerwohnungen und trinke mehr oder weniger guten Kaffee." Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet er diese Rolle übernommen hat. Guggenberger arbeitete 35 Jahre bei der Bahn, putzte anfangs die Zugtoiletten, verkaufte dann Fahrscheine und bildete sich in Psychologie fort. Schließlich machte er als Streitschlichter im Unternehmen Karriere. Der Wanderprediger im Auftrag der Bahn kennt die kleinen Verhältnisse. Er hört zu. Er bügelt nicht ab. Er fühlt sich nicht sofort angegriffen und belehrt nicht von oben herab. Darin liegt der Schlüssel zum Erfolg. Peter Guggenberger ist ein Puzzlestück. In Wien fügen sich viele Einzelteile zu einem Ganzen.

In Stuttgart liegt das große Gesamtgemälde vom futuristischen Bahnhof und der neuen Stadtmitte derzeit in Scherben. Auch weil Bahn und Stadt im Laufe der Jahre in einer kalten Berührungsangst vor ihren Bürgern erstarrt sind. In Stuttgart taucht der Projektleiter Hany Azer am liebsten vor der Öffentlichkeit ab. Azer bleibt eine Sphinx. In Wien schirmt sein Pendant Karl-Johann Hartig auf der Baustelle im Wiener Krater seine Augen mit der flachen Hand gegen die tief stehende Sonne ab. Der Projektleiter sieht jedoch nicht die Schuttberge, die sich am Horizont auftürmen. Er sieht das Wien des Jahres 2015. "Da hinten steht die Bahnzentrale, hier schließt sich die Wohnbebauung an, dort wird der Eingang des Hauptbahnhofs sein." Dabei legt die Hauptstadt einen ehrgeizigen Zeitplan vor – Teile des neuen Bahnhofs sollen bereits Ende 2012 ans Netz gehen. Kein Schneckerltempo.

Die Topografie erleichtert dabei vieles – im Gegensatz zu Stuttgart muss nicht halb Wien untertunnelt werden. Der abgerissene Südbahnhof, gebaut in der Nachkriegszeit, reichte mit seinem Ostblockcharme nicht an den architektonischen Wert des Bonatzbaus heran. Bei allen Gemeinsamkeiten gibt es auch viele Unterschiede zwischen den Bauprojekten. Und dennoch sind beide Bahnhöfe, die bestehende Stadtlandschaften massiv verändern, nur Teile eines noch größeren Plans.

Wien wird eine Zwischenstation auf jener europäischen Hochgeschwindigkeitsstrecke, die den Westen und den Osten zusammenführt: Paris, Straßburg, Stuttgart, Wien, Bratislava. Das Ende des Kalten Kriegs hat die Stadt an der Donau aus einer Randlage in die Mitte Europas katapultiert. Wien will nun zu einer Drehscheibe des Kontinents werden.

Karl-Johann Hartig glaubt schon von Berufs wegen fest daran, dass dies nur mit Hilfe eines Schnellbahnnetzes gelingen kann. Es ist spät geworden. Hartig schiebt das Gestrüpp an einem Gleis beiseite, läuft in der Fahrrinne eines Lastwagens eine lehmige Rampe hinauf und blickt auf das 109 Hektar große Baugelände hinab. Männer in neongelben Westen laufen wie Leuchtameisen in der Ferne auf und ab. Kräne heben Platten empor. "Eine Baustelle funktioniert wie ein Orchester", sagt er. "Alle müssen synchron und im Takt arbeiten." Hartig steht mitten im Lärm der Maschinen – er jedoch hört nur die Zukunftsmusik.

Kommentare (217)
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JAN
12
DIN Micele, 23:06 Uhr

Richtigstellung S21/Wien 2010

GüWa,27.10.2010 Hauptbahnhof in Wien im Vergleich zu S 21 Nachdem wir derzeit mit Artikeln zugeschüttet werden, die den Bürgerprotest gegen eine überteuerte und überhebliche Stadt- und Bahnplanung diffamieren, möchte ich der trefflichen Korrektur von Gü Wa über das Wiener Hbf Bahnprojekt zustimmen. Plakativ und pauschal erzeugt eine (interessierte oder uninformierte?) Presse Stimmungen mit Berichten, deren mangelnde Präzision früher die Entlassung des Autors zur Folge gehabt hätte. Jetzt müssen wir uns auch in Köln schon diese Form des zitierenden Anpassungsjournalismus gefallen lassen, der das angebliche geduldige und staatstragende Wiener Bürgerbewußtsein bei der Realisierung visionärer Projekte in Wien belobhudelt im Gegensatz zum Wutbürger in Stuttgart und bundesweit. Ich bin dem Kommentator GüWa für seine Richtigstellung sehr dankbar. Wünschenswert wäre ein ebenso deutliches Eingeständnis der dilletantischen Recherche seitens der von mir kritisierten Claqeur Presse .

OKT
27
GüWa, 13:24 Uhr

Hauptbahnhof in Wien im Vergleich zu S 21

In Wien passiert Ähnliches wie in Stuttgart: Auch hier soll ein neuer Durchgangsbahnhof den bisherigen Kopfbahnhof ersetzen. Aber Proteste gibt es hier nicht. Doch der Vergleich hinkt massiv. Dass wir Wiener – selbst die Opposition! – den neuen Hauptbahnhof mehrheitlich begrüßen, während die Stuttgarter das Projekt S21 mehrheitlich ablehnen, könnte an einigen ganz wesentlichen Unterschieden liegen: 1. Der Wiener Hauptbahnhof ersetzt zwei Kopfbahnhöfe, zwischen denen eine Taxifahrt oder eine mühsame Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln liegt. Er schließt eine Eisenbahnlücke zwischen West- und Osteuropa und verknüpft erstmals die österreichischen Linien Westbahn, Südbahn, Ostbahn und Nordbahn. S21 wandelt lediglich einen Kopfbahnhof in einen Durchgangsbahnhof um. 2. Der Wiener Hauptbahnhof kostet € 930 Mio. (Bahninfrastruktur) bzw. € 1,2 Mrd. (Gesamtprojekt). S21 kostet hingegen nach Schätzung des Bundesrechnungshofes € 5,3 Mrd. Umgelegt auf die Bevölkerungszahlen ist S21 damit etwa zwölfmal so teuer als der Wiener Hauptbahnhof. Die Kosten in Wien sind im Projektverlauf relativ stabil geblieben (plus 130 Mio) während die Kosten in Stuttgart bereits um Milliarden Euro gestiegen sind. 3. Der Hauptbahnhof wird oberirdisch in einem relativ unattraktiven Teil Wiens gebaut, den abgerissenen Bauten weint niemand eine Träne nach, auch nicht das Denkmalamt. S21 wird unterirdisch mitten im Zentrum gebaut, betroffen sind denkmalgeschützte Bauten und der Stuttgarter Schlosspark. 4. Wien ist ein deutlich wichtigerer Bahnknotenpunkt als Stuttgart, das nur an einer transeuropäischen Achse liegt. Auch hat Wien drei Mal so viel Einwohner – und damit vermutlich Bahnreisende – als Stuttgart. 5. Die verkehrsplanerische Reife von S21 ist strittig, die des Wiener Hauptbahnhofs nicht. Hier wird lediglich die mangelhafte Anbindung an das innerstädtische Verkehrsnetz bemängelt. 6. Auch die Einbindung der Öffentlichkeit dürfte in Wien, wo ein Zentralbahnhof seit beinahe hundert Jahren diskutiert wird, deutlich besser gelaufen sein. In Stuttgart hingegen verhinderte der Oberbürgermeister trickreich eine Volksabstimmung, die 60.000 Bürger per Unterschrift gefordert hatten – 40.000 mehr als notwendig, um die Stadt zu einer solchen zu verpflichten. Er schuf frühzeitig vollendete Tatsachen, das Volk fühlt sich um sein Recht auf Mitbestimmung betrogen. Lässt sich Andreas Meyer-Feist, der Wien-Korrespondent der ARD, der diese augenfälligen Unterschiede kennen müsste, vor den Karren der S21-Befürworter spannen?

MRZ
23
der Cannstatter, 16:21 Uhr

schau mer mal

wie das mit dem Wahlergebnis wird. Das wäre nicht die erste weitsichtige Prognose die in die Hose geht. Vielleicht reichen 2 Parteien nicht für eine Koalition ;-) Ansonsten tut es mir natürlich leid wenn ich hier bestimmte Erwartungen entäuscht habe :-))))))))))))) Am allermeisten tut es mir leid wenn etwas passiert was gar nicht passieren darf. S21 stirbt 2010 an Unterernährung.

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