Wien - Österreichs Hauptstadt bekommt die volle Dröhnung. Dort, wo einst der Südbahnhof stand, klopft und hämmert es, es raus raucht und ächzt, kreischt und rattert. Der Lärm der Baumaschinen, der Laster und Bagger fügt sich zu einem Sound zusammen, für den kein Mensch Eintritt zahlen würde und bei dem sich die Philharmoniker ihre Ohren zuhalten würden. Am Gürtel, der die historische Wiener Innenstadt einschließt, tut sich eine gewaltige Wunde in der Erde auf. Aus dem Matsch wächst der neue Hauptbahnhof empor.
Es ist Stuttgart 21 nach Wiener Art. Die Parallelen sind unübersehbar: In beiden Städten wird ein Kopf- durch einen Durchgangsbahnhof ersetzt. In beiden Fällen entsteht auf nicht mehr benötigten Gleisflächen ein neuer Stadtteil, gewinnt die City Tausende von Wohnungen und leidet davor jahrelang unter einer Baustelle, die den Alltag der Menschen verändert. Wer in Wien jenes gewaltige Bauland sieht, in dem die Betonbrocken wie Schneeflocken vom Skelett des einstigen Bahnhofs rieseln, der blickt auch in die Zukunft von Stuttgart. In Wien läuft die Baustelle für den neuen Bahnhof seit Dezember 2009 auf Hochtouren – hier ist zu besichtigen, was auf Stuttgart zukommen könnte.
Seit das große Graben begonnen hat, ist die Gegend zwischen Süd- und Ostbahnhof ein Ort des Übergangs und der Provisorien. Wenn Karl-Johann Hartig in seinem Revier unterwegs ist, taucht er ein in U-Bahn-Eingänge, die wie Containerschlünde aussehen. Hartig, 60, leitet das Projekt "Hauptbahnhof Wien" für die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB). Er geht an Bauzäunen vorbei, streift sich den Schmutz von den Schuhen, sieht Schilder, die auf Umwege hinweisen. Die Wiener müssen Wege neu lernen, weil sich ihre Stadt häutet. Zweifellos bietet diese Kulisse eine Menge Anlässe, um sich bis zur Weißglut aufzuregen. Und der Wiener grantelt gerne. Über die Politik, über Theaterskandale, auch über die Verspätungen vieler Züge. Aber auffallend selten über den Wiener Hauptbahnhof, über diese Baustelle, auf der mehr Grünfläche entsteht und ein ganz neues Stadtviertel mit Restaurants, Kultur, Hotels, Büros, Wohnungen und einer Shoppingmall.
Das Konzept könnte der Werbebroschüre von Stuttgart 21 entnommen sein. Auch in Wien gibt es eine Bürgerinitiative, die skeptisch ist. Sie kämpft um die Erhaltung des Weltkulturerbes, um weniger himmelstürmende Hochhäuser, um Bäume und gegen Verkehrsbehinderungen. Aber der Widerstand richtet sich nicht gegen das Gesamtprojekt, es gibt keine Montagsdemos und keine Bürgerbewegung. Wien hat keinen Wutbahnhof. Warum nur?