Neuer Studiengang zur Bürgerbeteiligung Expertin für hitzige Debatten

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Ob bei Stuttgart 21 oder der Unterbringung von Flüchtlingen: Bürger wollen immer stärker an Entscheidungen beteiligt werden. Ein neuer Studiengang in Stuttgart reagiert darauf.

Jessica Baisch studiert den neuen Studiengang „Planung und Partizipation“. Foto: factum/Bach
Jessica Baisch studiert den neuen Studiengang „Planung und Partizipation“.Foto: factum/Bach

Herrenberg - Das Bahnprojekt Stuttgart 21 ist bereits jetzt ein Meilenstein – bislang weniger bei der Verkehrsoptimierung als beim Thema Bürgerbeteiligung. Spätestens seit der Kontroverse um den Neubau ist klar, dass Bürger bei wichtigen Projekten in ihrem Umfeld eingebunden werden wollen. Das hat auch die Universität Stuttgart erkannt und vor knapp zwei Jahren den Master-Studiengang Planung und Partizipation eingerichtet. Hier lernen Studierende, wie man Beteiligungsprozesse professionell managt. Die ersten Absolventen werden bald fertig sein – und sind auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt.

Zu ihnen gehört auch Jessica Baisch aus Böblingen. Die 22-Jährige hat bereits vor Abschluss ihres Studiums eine Stelle in Herrenberg gefunden, wo sie vor allem für die Begegnungsstätte im Klosterhof verantwortlich ist. Dort treffen sich Mütter, Flüchtlinge lernen Deutsch, während Senioren Schach spielen – Jessica Baisch vermittelt zwischen den Bedürfnissen der verschiedenen Gruppen und entwickelt das Angebot weiter. „Bald soll der Klosterhof beispielsweise eine neue Homepage erhalten, die Freiwillige entwickelt haben“, erzählt sie.

Emotionale Diskussionen gewohnt

Über fehlenden Praxisbezug können sich die Studierenden des neuen Studienganges nicht beschweren. Die Dozentin Gisela Wachinger ist ausgebildete Mediatorin. Sie vermittelt beispielsweise, wenn Kommunen neue Flüchtlingsunterkünfte einrichten wollen und die Anwohner dagegen Sturm laufen – ihre Studenten nimmt Wachinger zu solchen Terminen gerne mit. „Gestern waren wir bei einer solchen Veranstaltung mit 170 Anwohnern“, erzählt Jessica Baisch. „Ich habe in einer kleineren Gruppe Vorschläge gesammelt, wie man das Zusammenleben zwischen Flüchtlingen und Alteingesessenen positiv gestalten kann.“ Dass es bei solchen Diskussionen manchmal hitzig und emotional zugeht, ist Jessica Baisch gewohnt: „Bürgerbeteiligung findet immer zu Themen statt, die Menschen bewegen – sonst wäre sie ja nicht nicht notwendig.“

Die Besonderheit des Studienganges Planung und Partizipation ist der interdisziplinärer Ansatz. Die Studierenden haben in der Regel bereits einen ersten Abschluss in Sozialwissenschaften, Geografie oder Architektur. „Während des Masterstudienganges lernen sie dann Methoden der Konfliktbearbeitung, Theorien der Stadt- und Regionalplanung, aber auch juristische Grundlagen“, erklärt der Studiengangsleiter Volker Haug.

Bürgerbeteiligung ist kein Störfaktor

Der Juraprofessor sieht einen wachsenden Bedarf an den Absolventen. „Die Aufregung um Stuttgart 21 hat sich ein bisschen gelegt“, sagt er. „Doch die Bürger werden sich nie mehr damit zufriedengeben, dass Amtsträger ohne Rücksprache über ihr Lebensumfeld entscheiden.“ Deshalb bräuchten sowohl Kommunen als auch große Planungsbüros Mitarbeiter, die Partizipationsprozesse professionell gestalten können. Nachdem in Sindelfingen Anwohner die Einrichtung eines Aslybewerberheimes vor ihrer Haustür verhindert haben, stellt die Stadt zurzeit beispielsweise einen Koordinator für Flüchtlingsarbeit ein, der Ansprechpartner für Anwohner wie Neuankömmlinge sein soll. „Außerdem merken Kommunen und Unternehmen, dass Bürgerbeteiligung kein Störfaktor ist, sondern positive Impulse setzen kann“, ergänzt Studiengangsmanager Marc Zeccola.

In Herrenberg weiß man das schon längst. Die Gäustadt hat vor Kurzem einen Preis für Bürgerbeteiligung gewonnen: Grundschulkinder durften mitbestimmen, wie der Spielplatz auf dem Schulhof umgestaltet wird. Die „haarsträubenden Hochseilbahnen aus Holzstöckchen“, die die Kinder als Modell entworfen hatten, aber die laut einem Projektbericht „kein Tüv abnehmen würde“, wurden allerdings nicht gebaut.

Wie man zum Experten für Bürgerbeteiligung wird

Der Master-Studiengang Planung und Partizipation wurde zum Wintersemester 2013/2014 an der Uni Stuttgart eingerichtet. Jedes Jahr werden etwa 35 Studierende aufgenommen – die Bewerberzahl liegt bei mehr als 100. Der Studiengang ist deutschlandweit einmalig, Interessenten kommen sogar aus Kiel.

Unter den Dozenten des Studienganges findet man Juristen, Soziologen, Stadtplaner und Experten für Mediation. Auch die Studierenden kommen aus unterschiedlichen Fachrichtungen – Sozialwissenschaftler und Architekten sind genauso darunter wie Geografen.

Aufgrund der hohen bundesweiten Nachfrage nach dem Studiengang wird im November ein Online-Studiengang eingerichtet, in dem Interessierte den Master berufsbegleitend absolvieren können. Die Gebühren liegen bei etwa 15 000 Euro und können als Weiterbildungskosten abgesetzt werden.