Neues Album von Tocotronic Das Gute-Laune-Gegengift

Jan Ulrich Welke, 24.01.2013 12:07 Uhr

Stuttgart - Einige Menschen rackern dafür ihr Leben lang professionell, bei anderen geht es ganz schnell – und schon gelten sie als intellektuell. Kaum zwanzig Lenze zählten Anfang der neunziger Jahre die Musiker der Band Tocotronic, da galten sie bereits als Mitbegründer der so genannten Hamburger Schule, einer Bewegung, die der zuvor durch Schlagerseligkeit und Neue Deutsche Welle schwer gebeutelten deutschsprachigen Musik lyrischen wie hochintellektuellen Anspruch, eine explizit linkspolitische gesellschaftskritische Einstellung und postmodernes Theoriegut entgegensetzte.

Mit ihrem dritten Album, emblematisch „Wir kommen, um uns zu beschweren“ betitelt, gelang der Band um den Sänger und Texter (und im Übrigen gebürtigen Freiburger) Dirk von Lowtzow damals erstmals ein Charterfolg. Auch die folgenden sechs Alben konnten sich dort platzieren, das einstweilen letzte – „Schall & Wahn“ – stieg 2010 sogar direkt auf Platz Eins ein. Das waren mehr als nur Achtungserfolge, Tocotronic demonstrierte, dass es sehr wohl ein großes öffentliches Interesse an deutschsprachiger Musik jenseits von Betroffenheitsliedermacherei, Gefühlsduselei und abgestandenem Mundartrock gab.

Man braucht zunächst etwas Geduld

Verdammt lang her ist das freilich, zumal in der schnelllebigen Popwelt. Nachvollziehbar also, dass die Band anlässlich ihres zwanzigjährigen Bestehens auf ihrem morgen erscheinenden zehnten Album „Wie wir leben wollen“ erst einmal Bilanz zieht. „Jetzt bin ich alt / bald bin ich kalt“, singt Lowtzow gleich in den ersten Versen des Auftaktstücks „Im Keller“. Das ist von ihm und den anderen drei Anfangsvierzigern in dieser Band natürlich kokett gemeint, als Aussage gar etwas lapidar. Aber Schwamm drüber.

Schade indes ist, dass ausgerechnet das schwächste Lied dieses Albums an dessen erste Stelle gesetzt wurde. Als Hörer braucht man jedoch auch fortan noch etwas Geduld mit diesem auf einer uralten analogen Bandmaschine eingespielten und dadurch sehr erdig klingenden Werk. Stilistisch bleibt Tocotronic dem gutmütig-klassischen Gitarrenindierockduktus fast schon penetrant treu, einzige Ausnahme ist das leicht countryesk angehauchte Stück „Chloroform“, das allerdings auch nicht überzeugen kann. Musikalische Varianz ist gewiss nicht die Stärke dieses mit 17 Songs prall gefüllten, siebzig Minuten langen Longplayers.