Neues EAV-Album Kabarettrock bissiger denn je
Michael Werner, 10.03.2010 07:34 Uhr
Zwar sichtlich gealtert, können sie’s doch nicht lassen: Klaus Eberhartinger (am Mikro) bei einem Konzert in Wien. Foto: Wolfgang H. Wögerer
Zwar sichtlich gealtert, können sie’s doch nicht lassen: Klaus Eberhartinger (am Mikro) bei einem Konzert in Wien. Foto: Wolfgang H. Wögerer
""Dieses Überangebot an Kochshows im Fernsehen ist unerträglich. Das Rudelkochen hat den Gruppensex abgelöst.""
Klaus Eberhartinger, Sänger der EAV

Stuttgart - Wer nicht mehr ganz jung ist und zur richtigen Zeit seinen Urlaub in Österreich verbracht hat, der wird die Nummernfolge nie vergessen, mit der eine skurrile Kabarettrockband namens Erste Allgemeine Verunsicherung damals ihren ersten Hit angezählt hat. Erst krähte der Hahn, hernach rief jemand "Sieben, acht, zwölf", dann erst setzten das Schlagzeug, der Bass und die Gitarre ein, und der Sänger erzählte die Geschichte vom Musikproduzenten aus New York, der sich erfolglos um eine Zusammenarbeit mit dem jodelnden Sepp bemüht.

Der "Alpenrap" wurde anno 1983 ein veritabler Klamaukhit, obwohl er auf eine Langspielplatte gepresst wurde, auf der es überwiegend sozialkritisch-kabarettistisch zuging. "Ist der Massa gut bei Kassa, fliegt First Class er nach Mombasa", sang da beispielsweise böse ätzend Klaus Eberhartinger, der zehn Jahre später selbst ein Haus an Kenias Küste baute, das mittlerweile sein Hauptwohnsitz geworden ist.Derzeit ist Klaus Eberhartinger (59) auf PR-Tour, es gilt, das neue Album der EAV zu bewerben, das "Neue Helden" heißt und so hoch in den österreichischen und deutschen Charts eingestiegen ist, wie seit fast 20 Jahren nicht mehr.

"In Afrika erlebt man die unglaubliche Mutation von europäischen Pensionisten, die zu Kolonialherren werden", sagt Eberhartinger. Er gehört nicht zu denen. Er selbst zahlt Nachbarskindern das Schulgeld. "Ich war mal Vorsitzender des kommunistischen Studentenverbandes", sagt der Sänger einer Band, die seit mehr als 30 Jahren auf ihren Alben ein ernsthaftes politisch-satirisches Anliegen verfolgt und währenddessen mit ihren Gaudisingles die Hitparaden enterte.

Rundumschlag von Paris Hilton bis Fernsehköche


Auf den "Alpenrap" folgte der "Ba-Ba-Banküberfall" und der "Märchenprinz", gleichzeitig forderte die EAV den umstrittenen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim mit der "Amadeus"-Parodie "Wann ma gehn muss" zum Rücktritt auf. Mitte der achtziger Jahre war das.

Jetzt, 25 Jahre später, hat die EAV mit "Neue Helden braucht das Land" ein Album vorgelegt, das so bissig spottet wie lange nicht mehr. "Rabatt, Rabatt", lästert die EAV im gleichnamigen Lied über die Geiz-ist-geil-Mentalität, und im Titelsong "Neue Helden braucht das Land" reimt der EAV-Textdichter und Komponist Thomas Spitzer die "große Not" auf "Paris Hilton und Frau Pooth".

"Ganz übel sind diese Paris Hiltons", sagt Klaus Eberhartinger, der Sänger, "die leisten nichts und sind dafür bekannt, dass sie bekannt sind - und ein Vorbild für die Jungen, was ich sehr bedenklich finde." Esoteriker werden auf die Schippe genommen, Säufer, Männer, Piraten, Reiche und Fernsehköche. "Nichts gegen Köche", erklärt Klaus Eberhartinger, "aber dieses Überangebot an Kochshows im Fernsehen ist unerträglich. Das Rudelkochen hat den Gruppensex abgelöst."

Eberhartinger, die Rampensau


Was den zuweilen wild verkleideten Entertainer noch mehr umtreibt als die Dauerküche, ist die Gerechtigkeit. Im Lied "Eloise und die Krise" singt er: "Wer braucht schon einen Mittelstand, / die Menschen werden gleicher. / Die Armen nehmen überhand, / Die Reichen werden reicher." Klaus Eberhartinger, der zuletzt in Wolfgang Ambros' Musical "Der Watzmann ruft" die dralle Gailtalerin gespielt hat, kann sehr ernst werden: "Die überfälligste Debatte ist die Umverteilungsdebatte!" Als musikalisches Gewand für ihre radikalsten Lieder seit langem ist der EAV die rustikale Heavy-Metal-Parodie ebenso recht wie der pumpende Dance-Track, Countrymusik in der Irrwitzversion, detailverliebter Barjazz oder der ambitionierte Klavier-und-Gitarrenfolk, der die berührend lakonische Außenseiterballade "Beim Cseeijtei im Hof" untermalt.

Gerade dieser stille Song zeigt, zu welch überzeugenden Höhenflügen das Ausdenker-und-Verkäufer-Duo Thomas Spitzer und Klaus Eberhartinger auch nach mehr als 30 Jahren noch fähig ist. Doch dann hat Thomas Spitzer im österreichischen Politikmagazin "Format" ausgeplaudert, dass er jeden Galaauftritt als "Gang aufs Schafott" empfinde, dass "jeder TV-Auftritt bei Schlagersendungen der Seelentod" sei, "und jedes Bierzelt das Selbstwert-Graberl". Der österreichische Blätterwald druckte hinterher EAV-Trennungsgeschichten en masse.

Tatsächlich, sagt Klaus Eberhartinger, werde die Band weiter existieren, und zwar mit Spitzer als kreativem Kopf, nur werde man nach der "Helden"-Tournee im Einvernehmen künftig den einen oder anderen Auftritt mit einem Ersatzgitarristen bestreiten. "Die Verwertung, das Abspielen auf der Bühne ist dem Thomas Spitzer nach einer Weile zu langweilig", erklärt Klaus Eberhartinger, "er glaubt, er verscheißt dabei seine Zeit." Eberhartinger selbst bezeichnet sich als "Rampensau" und bringt die bandinterne Debatte auf einen Nenner, den man wohl als typisch österreichisch bezeichnen darf: "Wenn die erste Show, die erste große Liebe vorbei ist, dann ist der Thomas bereit für ein neues Pantscherl (übersetzt: Affäre), und ich halte dann noch die Beziehungstreue."

Termin
Die EAV tritt am 14. März um 20 Uhr im Stuttgarter Beethovensaal auf.
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