Während die Grundschülerzahlen stabil sind, drücken immer weniger Hauptschüler in Stammheim die Schulbank. In den vergangenen zehn Jahren hat sich ihre Zahl um mehr als die Hälfte verringert: von damals 217 auf heute nur noch 96. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, droht der Hauptschule bald das Aus. Das würde nicht nur große Nachteile für die Kinder, sondern für den gesamten Stadtbezirk bedeuten, ist sich Bezirksvorsteherin Tina Hülle sicher: "Ein immer größerer Verlust an Schülerzahlen hat zur Folge, dass die Attraktivität des Wohnstandorts gefährdet ist", sagte sie vor den Stammheimer Kommunalpolitikern am Dienstagabend in der Schloss-Scheuer. Weiterführende Betreuungs- und Bildungsangebote seien wichtige Standortfaktoren. Fehlten diese, hätte das "fatale Folgen" für den Stadtbezirk. Unter anderem weil dann immer weniger Menschen mit Kindern nach Stammheim ziehen wollten. Ziel müsse sein, den Schulstandort zu sichern und aufzuwerten.
Die Stammheimer Rektorin Angelika Hillmann teilt diese Ansicht. Ihr Hauptaugenmerk liegt allerdings auf den Bedürfnissen der Kinder im Stadtbezirk. "Kinder, die sich mit dem Lernen schwer tun, müssten ohne Hauptschule in andere Stadtbezirke ausweichen." Hillmann sieht die Lösung des Problems daher in einer neuen Schulform, die am bisherigen Schulstandort eingerichtet werden könnte: eine so genannte Gemeinschaftsschule. Sie vereint mehrere Schularten unter einem Dach: Grund-, Haupt- und Realschule. Außerdem könnte auf dem Gelände am Fliegenweg auch ein Jugendtreff sowie eine Wohngruppe für Kinder aus schwierigen Verhältnissen verwirklicht werden. Ein konkretes Konzept soll in einem Arbeitskreis entwickelt werden, dem Lehrer, Eltern, Bezirksbeiräte und Vertreter der Stadtverwaltung angehören - vorausgesetzt, die Idee findet beim Schulverwaltungsamt Anklang und die Bezirksbeiräte und Stadträte stimmen zu.
Vom städtischen Vorschlag für Stammheim, der im Rahmen der Schulentwicklungsplanung zur Debatte steht, zeigten sich Hülle und Hillmann nicht begeistert. Er sieht vor, dass es neben der Grundschule in Stammheim künftig nur eine Realschule gibt. "Eine reine Realschule löst das Problem der Kinder, die eine Hauptschule brauchen, nicht", sagte Hillmann. "Wir wollen diese Kinder am Ort halten." Die Schulbusse seien ohnehin schon überfüllt. "Hauptschüler brauchen wohnortnahe Betreuung", betonte die Schulleiterin.
In der anschließenden Diskussion äußerten sich Vertreter der CDU zunächst skeptisch. Es sei ungewiss, ob sich in Stammheim sowohl Realschule als auch Hauptschule verwirklichen lassen. Dies sei "Wunschdenken". "Für mich wäre es der sichere Weg, wenn wir auf eine Realschule als Standbein setzen und versuchen, die Hauptschule zu erhalten", sagte CDU-Sprecher Stefan Kulle. Er ergänzte später allerdings in Richtung der anderen Beiräte: "Wir liegen nicht weit auseinander."
Vertreter der Grünen, der Freien Wähler und der SPD dagegen warben für den Vorschlag der Rektorin: "Die Stammheimer Schule könnte ein Pilotprojekt sein", sagte Joachim Ruck von den Grünen. "Wir sollten diese Chance nicht vergeben." Seine Parteikollegin Petra Bonnet teilt diese Ansicht. Es stelle für den Bezirk einen großen Standortfaktor dar, wenn neue Ideen im Bildungssektor umgesetzt würden. "Ich möchte ein Plädoyer halten für neue Wege und für einen anderen Aspekt auf der Stuttgarter Schullandkarte." SPD-Bezirksbeirat Peter Dietz-Vowinkel ermutigte die Räte am Tisch zu etwas "Visionärem". "Wir denken noch zu sehr in alten Mustern. Die Schullandschaft wird sich ändern", sagte er. "Im März wird das Schulgesetz geändert." Dann könne aus einzügigen Hauptschulen Werkrealschulen gemacht werden und darüber hinaus Schulformen wie die Gemeinschaftsschulen entstehen. Das sei von der neuen Landesregierung ausdrücklich gewünscht und in Stammheim möglich.
Annemarie Raab, Lehrerin an der Stammheimer Schule und Kreisvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Stuttgart, sprach sich ebenfalls für das neue Modell aus: "Uns geht es um die Kinder und um die Jugendlichen, die besondere Unterstützung brauchen. Die Idee der Gemeinschaftsschule führt sie zum erfolgreichen Abschluss, das wäre nach unserer Ansicht der mittlere Bildungsabschluss. Und falls sie einen früheren Bildungsabschluss brauchen, geht auch das." Ein Workshop für die Neukonzeption der Schule werde sich lohnen. "Ich bin sicher, dass im Stadtbezirk Ideen und Konzepte entwickelt werden, die dem Gemeinderat zeigen, hier ist ein lebendiger Stadtbezirk."
Einstimmig beschloss der Bezirksbeirat daraufhin, ein Modell für eine Gemeinschaftsschule, die den Hauptschul- und Realschulabschluss ermöglicht, zu entwickeln. Genaue Rahmenbedingungen und Inhalte sollen in einem Workshop geklärt werden, an dem die entsprechenden Akteure aus dem Stadtbezirk teilnehmen.
Voraussichtlich am Donnerstag, 27. Oktober, befasst sich der Stuttgarter Gemeinderat dann mit diesem Thema.

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